Bröning, Michael/Wolffsohn, Michael, Stadt, Land, Volk. Ein Streitgespräch über die Zukunft der Demokratie, hg. v. Bingener, Reinhard. Edition Chrismon, Leipzig 2019. 168 S. Angezeigt von Gerhard Köbler. ZIER 9 (2019) 00. IT

 

Die dem Manschen mögliche geschichtliche Betrachtung des Universums zeigt, dass alles seit dem Anfang in ständigem Fluss ist, auch wenn sich nicht jede Einzelheit in jedem Moment vollständig ändert. Stadt, Land und Volk in politischem Sinne sind Gestaltungen seitens des Menschen, wenn auch vielleicht in anderer zeitlicher Reihenfolge. Sie haben dementsprechend irgendeinen Anfang und folglich wahrscheinlich auch irgendwann ein zeitliches Ende.

 

In der Gegenwart ändern sich durch Entscheidungen von Menschen vielleicht in kurzer Zeit mehr irdische Gegebenheiten als jemals zuvor, wie jedermann an der Entwicklung der Medizin, des Verkehrswesens, der Informationstechnologie, des Klimas und zahlreicher anderer Bereiche in eigener Anschauung leicht selbst feststellen kann. Veränderungen zu Neuem haben oft Auswirkungen auf das bereits Vorhandene wie beispielsweise die wohl vor mehr als 2500 Jahren in Griechenland von Menschen geschaffene Demokratie, die nicht nur eine Vergangenheit und Gegenwart hat, sondern vielleicht eine derzeit noch unbekannte oder auch überhaupt keine Zukunft. Diesem interessanten Sachgegenstand widmet sich das von dem 1979 geborenen, in evangelischer Theologie ausgebildeten und seit 2008 bei der Frankfurter allgemeinen Zeitung tätigen Publizisten Reinhard Bingener herausgegebene Streitgespräch zwischen dem in Tel Aviv 1947 in einer deutsch-jüdischen, 1939 nach Palästina geflohenen, 1954 zurückgekehrten Familie geborenen, nach Ausbildung in Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft von 1981 bis 2012 an der Universität der Bundeswehr München lehrenden Historiker Michael Wolffsohn und dem 1976 geborenen, bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin tätigen Michael Bröning, der 2018 ein Buch mit dem Titel Lob der Nation vorlegte, das sich mit der Frage beschäftigt, warum wir den Nationalstaat nicht den Rechtspopulisten überlassen dürfen.

 

Angestoßen wurde was interessante, aktuelle Werk nach dem einführenden Vorwort des Herausgebers durch die Programmleiterin der evangelischen Verlagsanstalt und die Verlagsleiterin des EVA-Imprints edition chrismon. Gegliedert ist es in sechs Abschnitte über herausgeforderte Demokratie, gesellschaftliche Spaltungen, die Epochenfrage Migration, den Staat und seine Grenzen, Völker, Nationen, Minderheiten und Deutschland, Europa und die Welt. In dem Kern geht es einvernehmlich darum, dass zwar die Welt in der Gegenwart voller Leid ist, dass aber der Mensch nie bloßes Mittel zu irgendeinem Zweck sein darf und dass derzeit keine bessere Demokratie als die gegenwärtige bekannt ist, selbst wenn niemand in seiner Gegenwart die Zukunft – auch von Stadt, Land und Volk - sicher absehen kann.

 

Innsbruck                                                       Gerhard Köbler