Berg, Manfred, Lynchjustiz in den USA. Hamburger Edition, Hamburg 2014. 275 S., Abb. Besprochen von Gerhard Köbler.

 

Gerechtigkeit ist ein großes, aber von Menschen nur mit mindestens ebenso großen Schwierigkeiten erreichbares Ziel. Wo dem einen die Todesstrafe zur Wahrung des menschlichen Wohles unabdingbar erscheint, wird sie von anderen mit gleicher Selbverständlichkeit als unmenschlich abgelehnt. Für die Lynchjustiz in den die menschliche Freiheit fördernden oder fordernden  Vereinigten Staaten von Amerika galt lange Zeit das Gleiche.

 

Der sich eindringlich mit ihrer Geschichte in dem vorliegenden Werk beschäftigende, in Wesel 1959 geborene Verfasser studierte ab 1980 Geschichte, Politikwissenschaft und Philosophie in Heidelberg und wurde dort 1988 mit einer Dissertation über Gustav Stresemann und die Vereinigten Staaten von Amerika (Weltwirtschaftliche Verflechtung und Revisionspolitik 1907-1929) promoviert. Nach Tätigkeiten an der Schurman-Bibliothek für amerikanische Geschichte in Heidelberg und an der Abteilung Geschichte des Instituts für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin wurde er 1998 für neuere Geschichte habilitiert und über Halle-Wittenberg 2005 für amerikanische Geschichte nach Heidelberg berufen. Seine Habilitationsschrift betraf das Wahlrecht der Afro-Amerikaner  und mit dem Ende der Lynchjustiz befasste er sich bereits im Jahre 2006.

 

Seine vorliegende Untersuchung geht davon aus, dass die Lynchjustiz im 19. Jahrhundert einerseits als mobokratischer Geist abgelehnt wurde, dass andererseits aber in Erinnerung an die Anfänge der weißen Besiedlung die Handelnden darin eine gerechtfertigte Form des Schutzes der Gemeinschaft vor Verbrechern sahen, solange der Staat zu diesem Schutz nicht bereit oder in der Lage war. Von geschätzten 4716 Lynchungen zwischen 1882 und 1946 betrafen auffälligerweise fast drei Viertel Afroamerikaner. Zwar schwand die Lynchjustiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter dem Druck der öffentlichen Meinung, doch folgte dem eine deutliche Zunahme der vollzogenen Todesurteile, ohne dass dadurch ein wirkliches Mehr an überzeugender menschlicher Gerechtigkeit eingetreten sein dürfte, für welches die Vereinigten Staaten von Amerika anderenorts nachdrücklich plädieren.

 

Innsbruck                                                                              Gerhard Köbler