Lidegaard, Bo, Die Ausnahme - Oktober 1943 - Wie die dänischen Juden mithilfe ihrer Mitbürger der Vernichtung entkamen. Blessing, München 2013. 591 S. Besprochen von Gerhard Köbler.

 

Der in Braunau am Inn am 20. April 1989 in einfachen Verhältnissen geborene Adolf Hitler entwickelte auf Grund seiner beschränkten Erfahrungen und im Blick auf Ruhm als Größter aller Zeiten in letztlich unbekannter Weise ein Weltbild, in dem eine missliebige Bevölkerungsgruppe zu Gunsten des eigenen Volkes bekämpft werden durfte und musste. Wegen seiner Erfolge bei Reichstagwahlen am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler des Deutschen Reiches bestellt, konnte er seine menschenrechtsfeindlichen Zielsetzungen teils öffentlich, teils verborgen verwirklichen. Mit Dänemark, das nach Ansicht des Verfassers unter allen deutschen Nachbarn der Staat gewesen sein dürfte, der den Nationalsozialismus am stärksten ablehnte und in dem totalitäre Bewegungen jeglicher Art die wenigsten Anhänger fanden, vereinbarte er einen am 31. Mai 1939 unterzeichneten deutsch-dänischen Nichtangriffspakt, besetzte das Land aber dessenungeachtet am 9. April 1940 wunschgemäß  in einer friedlichen Okkupation.

 

Damit gerieten die Juden in Dänemark in unmittelbare Gefahr. Diese verdichtete sich, als nicht zuletzt mittels der zweistündigen Wannseekonferenz vom 20. 1. 1942 unter der Leitung Reinhard Heydrichs die Vernichtung des europäischen Judentums in Gang gesetzt und in wenigen Jahren weitgehend verwirklicht wurde. Ausgenommen wurden, wie der in Nuuk/Grönland 1958 geborene, nach dem Studium der Geschichte 1984 in den auswärtigen Dienst Dänemarks aufgenommene, 1997 in Kopenhagen mit einer Dissertation über den dänischen Diplomaten Henrik Kauffmann (1919-1958) promovierte, am 26. April 2011 auf den Posten des Chefredakteurs der Tageszeitung Politiken wechselnde Verfasser in seinem zur 70. Wiederkehr dramatischer Ereignisse des Oktobers 1943 geschriebenen Werk eindringlich darlegen kann, dänische Juden, denen die Flucht nach Schweden gelang.

 

Der biographisches Material souverän in seine spannende Darstellung einfügende Verfasser gliedert sein mit einigen Abbildungen und Karten veranschaulichtes Werk in eine 14-teilige Chronologie vom Sonntag, dem 26. September als letztem Tag einer unbeschwerten Vergangenheit bis zum Samstag, dem 9. Oktober als dem Zeitpunkt einer möglichen Bilanz zweier Wochen, in denen infolge des Mutes zahlreicher Helfer Ungewissheit, Warnung, Aufbruch, Flucht, Judenaktion und Überfahrt in eine glückliche Rettung mündeten. Im Ergebnis konnten sich in einer Ausnahme von der allgemeinen Endlösung Adolf Hitlers auf Grund einer Mitteilung eines deutschen Diplomaten über die Order zur Deportation der dänischen Juden, des Nachrichtennetzwerks kirchlicher Gemeinden, der Mithilfe zahlreicher Mitbürger und der Aufnahmebereitschaft Schwedens fast neunzig Prozent der Juden in Dänemark gewissermaßen im letzten Augenblick vor der Vernichtung retten, weil nach den Worten des Verfassers sich fast ein ganzes Volk empört und zornig gegen die Deportation von Landsleuten gegen die überlegene Macht deutscher Besatzung auflehnte und damit ein eindrucksvolles Beispiel für vorbildliche Menschlichkeit setzte.

 

Innsbruck                                                                   Gerhard Köbler