Gabe ist der Vorgang und der Gegenstand der Übergabe einer Sache oder eines Menschen an einen Menschen. Nach einem jüngeren Rechtssprichwort soll in der älteren Zeit gegolten haben: G. schielt nach Entgelt. Demgegenüber kennt das römische Recht die unentgeltliche G. (-> Schenkung).
Lit.: Kaser; Hübner 575; Köbler, DRG 74; Heusler, A., Institutionen, Bd. 2 1885f., 370ff.; Pappenheim, M., Über die Rechtsnatur der altgermanischen Schenkung, ZRG GA 53 (1933), 35
gabella (F.) emigrationis (lat.) ist die im 11./12. Jh. erscheinende, vor allem in der frühen Neuzeit verbreitete Auswanderungsabgabe (Abfahrtsgeld, vgl. ALR II 17 §§ 141ff.) in Höhe von rund 10% des inländischen Vermögens.
gabella (F.) hereditaria (lat.) ist im Mittelalter eine Erbschaftsabgabe beim Erbfall Fremder an König, Landesherrn oder Stadt. Ein Gesetz Kaiser Friedrichs II. von 1220 hebt sie auf, wird aber nicht beachtet.
Lit.: Meynal, E., Études sur la gabelle, TRG 3 (1922), 119
gafol (ae.) Abgabe, Zins
Gagern, Wilhelm August Heinrich Freiherr von (Bayreuth 20. 8. 1799 - Darmstadt 22. 5. 1888), nach dem Rechtsstudium Regierungsrat und am 5. 3. 1848 Leiter des Staatsministeriums Hessen-Darmstadts, wird am 19. 5. 1848 Präsident der deutschen Nationalversammlung.
Lit.: Wentzcke, P., Zur Geschichte Heinrich von Gagerns, 1910
Gaill, Andreas (Köln 12. 11. 1526 - 11. 12. 1587), Patrizierssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Köln, Orléans, Löwen und Bologna (1555) Anwalt in Köln, 1558 Beisitzer am Reichskammergericht in Speyer, 1569 Reichshofrat in Wien und 1583 Kanzler in Köln. In seinen (lat.) Practicarum observationum libri (M.Pl.) duo (Zwei Bücher praktischer Beobachtungen) (1578) bemüht er sich wie schon zuvor -> Mynsinger um eine systematische Darstellung der Entscheidungen des -> Reichskammergerichts.
Lit.: Köbler, DRG 143; Kempis, K. v., Andreas Gaill, 1988
Gaius ist der in der Mitte des 2. Jh.s n. Chr. lebende, hauptsächlich in der Provinz tätige, nicht mit dem (lat.) ius (N.) respondendi (Antwortrecht) begabte Verfasser (eines Kommentars zu dem in den Provinzen üblichen Rechtsschutzregister des Privatrechtes und) des Lehrbuches -> Institutionen (159?, 161?). Er gehört der Rechtsschule der Sabinianer (-> Julian) an. Sein auf (lat.) -> ius (N.) civile (römisches Recht) und (lat.) -> ius (N.) gentium (Fremdenrecht) als Rechtsquellen beschränktes, in einer späteren Fassung vor allem durch eine wohl dem 5. Jh. entstammende, 1816 in Verona aufgefundene Palimpsesthandschrift und zwei in Ägypten gefundene Handschriftenbruchstücke unmittelbar überliefertes System der Einrichtungen des Rechts (lat. institutiones) wird von dem oströmischen Kaiser Justinian in dessen Institutionen (533) übernommen.
Lit.: Kaser § 2; Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 34; Söllner §§ 5, 7, 16, 19, 20, 22, 23; Köbler, DRG 30, 52, 54; Honoré, A., Gaius, 1962; Nelson, H./David, M., Überlieferung, Aufbau und Stil von Gai Institutiones, 1981; Wieacker, F., Römische Rechtsgeschichte, Bd. 1 1988, 131; Nelson, H./Manthe, U., Gai Institutiones III 1-87, 1992; Vano, C., Il nostro autentico Gaio, 2000
Gaius von Autun (lat. Gaius [M.] Augustodunensis) ist ein in größeren Fragmenten einer Palimpsesthandschrift aus Autun erhaltener klassizistisch-spätnachklassischer Kommentar wohl des 5. Jh.s zu -> Gaius.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 39 II 2; Köbler, DRG 52
Galater -> Kelte
Galeerenstrafe ist die seit dem 15. Jh. im Mittelmeerraum (Rom 1471, Spanien 1502, Kirchenstaat 1511, 1516) verhängte Strafe, auf einer Galeere angeschmiedet als Ruderer zu sühnen. In den österreichischen Erblanden und Böhmen wird die G. von 1556 bis 1768 verwendet. In Frankreich endet sie sachlich mit der Aufgabe der Galeeren (1748), wird aber rechtlich erst am 27. 3. 1852 abgeschafft. In der Türkei wird sie bis zum 20. Jh. gebraucht.
Lit.: Frauenstädt, P., Zur Geschichte der Galeerenstrafe in Deutschland, Z. f. ges. StrafRWiss. 16 (1896), 518; Carlen, L., Die Galeerenstrafe in der Schweiz, Z. f. d. ges. StrafRWiss. 88 (1976), 557; Schlosser, H., Die Strafe der Galeere, ZNR 10 (1988), 19
Galgen ist eine meist aus zwei Pfosten und einem Querholz bestehende künstliche Vorrichtung zur Tötung von Menschen durch Aufhängen an einem Strick. Bereits die Germanen hängen den Volksverräter. Seit wann dazu der G. verwendet wird, ist unklar. Im Hochmittelalter ist Erhängen am G. eine ehrenmindernde Strafe. Seit 1871 ist die -> Todesstrafe in Deutschland durch Enthaupten zu vollziehen. Die Alliierten bestrafen die nationalsozialistischen Kriegsverbrecher 1946 durch Erhängen.
Lit.: Grimm, J., Deutsche Rechtsaltertümer, Bd. 2 4. A. 1899, Neudruck 1922, 1989, 1994, 257f.; His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 1f. 1920ff., Neudruck 1964; Frank, H., Im Angesicht des Galgens, 1953
Galicien ist die im Nordwesten der iberischen Halbinsel gelegene Landschaft, die zunächst von Kelten besiedelt ist. Nach dem Ende der römischen Herrschaft dringen im 5. und 6. Jh. Sweben (Sueben) und Westgoten, 711/8 Araber ein. Mit der Lösung von den Arabern fällt G. meist an -> Leon und mit diesem an -> Kastilien. 1979 erhält G. in Spanien Autonomie.
Lit.: Tranoy, A., La Galice Romaine, 1981; García Oro, J., Galicia, 1987
Galizien (Halic-Volhynien, -> Wolhynien) ist die nördlich der Karpaten gelegene Hügellandschaft, welche nach dem Abzug der Germanen im 6. Jh. von Slawen (Polen im Westen, Ukrainer im Osten) besetzt wird. Im 11. bzw. 12. Jh. entsteht ein Fürstentum G. (Galitsch). G. gelangt im Spätmittelalter (1349/1387) an -> Polen. 1772 wird das östliche G. dem österreichischen Königreich G. und Lodomerien zugeteilt, 1795 kommen weitere Gebiete hinzu (-> Westgalizien). 1918 annektiert das wiedergebildete Polen G. Ostgalizien wird 1939 von der Sowjetunion in Besitz genommen.
Lit.: Köbler, DRG 131; Köbler, Historisches Lexikon; Baltl/Kocher;
Stupnicki, H., Das Königreich Galizien und Lodomerien, 1853; Pohl, D.,
Nationalsozialistische Judenverfolgung in Ostgalizien, 1996; Röskau-Reidel, I.,
Galizien, Bukowina, Moldau, 1999; Bachmann, K., Ein Herd der Feindschaft gegen
Russland, 2001
Gallicus -> mos Gallicus
Gallien (lat. [F.] Gallia) ist das Gebiet zwischen Apennin und Alpen (Gallia citerior) und seit Caesar (58-51 v. Chr.) das Land der Gallier zwischen Rhein, Alpen, Mittelmeer, Pyrenäen und Atlantik (Gallia ulterior). Nach der Eroberung Galliens durch die Römer (225-51 v. Chr.) wird G. romanisiert. Um 500 ist es fast vollständig im Besitz der -> Franken. -> Frankreich
Lit.: Stroheker, K., Der senatorische Adel im spätantiken Gallien,
1948; Lerat, L., La Gaule romaine, 1977; Gallien in der Spätantike, hg. v.
Römisch-Germanischen Zentralmuseum, 1980; Wightman, E., Gallia Belgica, 1985; King, A., Roman Gaul,
1990; Recht im frühmittelalterlichen Gallien, hg. v. Siems, H. u. a., 1995; Woolf, G., Becoming
Roman, 1998; Freyberger, B., Südgallien, 1999
Galway an einer irischen Atlantikbucht erscheint 1124 erstmals. Im 14. Jh. wird es Stadt. 1845 erlangt es eine Universität.
Gandinus (de Gandino), Albertus (Crema um 1245-1311) wird nach dem Rechtsstudium in Padua (1265-75) Richter in Lucca, Bologna, Siena, Florenz und Bologna, 1305 Herr (Podestà) in Fermo und 1310 Höchstrichter in Florenz. 1286/7 veröffentlicht er eine in erster Fassung in Perugia verfasste Sammlung berühmter Rechtsfragen (vor allem des Odofredus und des Guido de Suzaria), die erweitert und erstmals systematisiert (5 Verfahrensarten [lat. accusatio, denunciatio, inquisitio, exceptio, notorium], gemeinsame Fragen dieser Verfahrensarten [Ladung, Stellvertretung, Bann usw.], Strafrecht) 1299 in Siena und 1300 in Perugia erscheint, als (lat.) Tractatus (M.) de maleficiis (Abhandlung von Verbrechen) bekannt ist und in Deutschland im 15. Jh. (-> Klagspiegel, -> Constitutio Criminalis Bambergensis 1507) aufgenommen wird. Daneben stellt er (lat.) Quaestiones (F.Pl.) statutorum (Fragen der Statuten) zusammen (Bologna 1289).
Lit.: Kantorowicz, H., Geschichte des Gandinus-Textes, ZRG RA 42 (1921), 1, 43 (1922), 1; Kantorowicz, H., Leben und Werk des Albertus Gandinus, ZRG RA 44 (1924), 224
Ganerbe ist der Angehörige einer rechtlich ungeteilten Erbengemeinschaft, insbesondere in der Ritterschaft. Eine Ganerbschaft kann auch durch Vertrag begründet werden. Ziel ist dabei die Erhaltung des Familiengutes. Ihm dient auch die Begründung eines -> Familienfideikommisses. Trotz dessen Vordringens bestehen ritterliche Ganerbschaften bis zum 19. Jh.
Lit.: Hübner 157f., 251, 429; Köbler, WAS; Wippermann, E., Über Ganerbschaften 1873; Alsdorf, F., Untersuchungen zur Rechtsgestalt und Teilung der Ganerbenburgen, 1980
Gans, Eduard (Berlin 23. 3. 1797 - 5. 5. 1839), aus norddeutscher jüdischer Hoffaktorenfamilie, wird nach dem Rechtsstudium in Berlin, Göttingen und Heidelberg und nach der Taufe (1825) 1826 in Berlin außerordentlicher, 1828 ordentlicher Professor für römisches und bürgerliches Recht in Berlin. Im Streit mit -> Savigny tritt er gegen die Erforschung von geschichtlichen Einzelheiten und für der Aufklärung verpflichtete philosophisch-universalgeschichtliche Studien (Das Erbrecht in weltgeschichtlicher Entwicklung, Bd. 1ff. 1824ff., Neudruck 1963) ein.
Lit.: Reissner, H., Eduard Gans, 1965; Eduard Gans, hg. v. Waszek, N., 1991; Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, hg. v. Heinrichs, H. u. a., 1993, 45; Braun, J., Judentum, 1997
Gant ist im mittelalterlichen deutschen Recht die Versteigerung im Wege der Zwangsvollstreckung. Sie entsteht in der Stadt. Sie will die Selbsthilfe eindämmen und den Schuldner vor übermäßigem Wertverlust sichern. Zu diesem Zweck werden besondere Gantordnungen (z. B. Augsburg 1447) erlassen. Danach muss das vom Büttel oder Fronboten verwahrte (bewegliche) Pfand öffentlich zum Kauf angeboten und an den Meistbietenden gegen Barzahlung ausgehändigt werden.
Lit.: Köbler, DRG 116; Planitz, H., Die Vermögensvollstreckung, Bd. 1 1912, 680
Garantie ist die einem anderen gegenüber abgegebene Beteuerung der Richtigkeit einer Erklärung. Sachlich wirkt sich der Gedanke der G. bereits in der (lat. [F.]) custodia des römischen Rechts aus. Als eigener Vertrag erscheint der Garantievertrag wohl erst im 20. Jh.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.
García Goyena, Florencio (1783-1835) wird nach dem Rechtsstudium in Madrid und Salamanca Verwaltungsbeamter, Richter und Justizminister (1847). 1851 legt er einen an Frankreich, Preußen und Österreich orientierten, das partikulare Recht Spaniens missachtenden Entwurf eines (span.) Codigo civil (Zivilgesetzbuches) vor. Erst 1888/9 gelingt ein spanisches Zivilgesetzbuch.
Lit.: Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,1,497
Gareis, Karl (24. 4. 1844 - München 15. 1. 1923) wird nach dem Rechtsstudium Professor in Bern, Gießen und München (Das deutsche Handelsrecht, 9. A. 1909, Enzyklopädie und Methodologie der Rechtswissenschaft, 5. A. 1920).
Lit.: Schwab, D., Geschichtliches Recht und moderne Zeiten, FS H. Hübner, 1984, 215
Garten ist das durch Hecke oder Zaun abgegrenzte, intensiv durch Pflanzenanbau bewirtschaftete Grundstück. Da der G. die Allgemeinheit von der Mitbenutzung ausschließt, bedarf seine Einrichtung zeitweise der Zustimmung der Grundherrschaft oder Gemeinde.
Lit.: Bader, K., Gartenrecht, ZRG GA 75 (1958), 252
Gascogne im Südwesten des Frankenreichs ist ein nach den mit den Basken verwandten Wasconen benanntes, seit 768 selbständiges Herzogtum, das 1052 an Aquitanien fällt.
Lit.: Histoire de la Gascogne, hg. v. Bordes, M.,
1978
Gasparri, Pietro (Ussita 5. 5. 1852 - Rom 18. 11. 1934) wird nach der Ausbildung in Rom Doktor der Philosophie, Theologie und Kanonistik, 1880 Professor für kanonisches Recht und 1901 Sekretär einer Kurienkongregation. Auf seine Anregung, ein neues kirchliches Gesetzbuch zu schaffen, ernennt ihn Papst Pius X. 1904 zum Sekretär der für die Gesetzgebung eingerichteten Kardinalskommission. 1917 wird der -> Codex iuris canonici veröffentlicht.
Lit.: Stickler, A., Historia iuris canonici latini, Bd. 1 1950, 376; Müller, A./Elsener, F./Huizing, P., Vom Kirchenrecht zur Kirchenordnung?, 1968, 29
Gast ist der in den Schutz eines Gastgebers aufgenommene Mensch, insbesondere der Fremde. Für ihn entwickeln sich schon früh einige besondere Rechtssätze.
Lit.: Kaser § 13 I 2b; Köbler, DRG 15; Schultze, A., Über Gästerecht und Gastgerichte, HZ 101 (1908), 473; Hellmuth, L., Gastfreundschaft und Gastrecht bei den Germanen, 1984
Gastalde ist im frühmittelalterlichen Italien ein vielleicht um 590 geschaffener langobardischer Amtsträger teils des Königs, teils der Herzöge. Er bleibt in Oberitalien trotz der teilweisen Umwandlung in den Grafen bis in das Hochmittelalter bedeutsam.
Lit.: Mor, C., Lo stato longobardo nel VII secolo, Sett. di Spoleto V 1969,
Bd. 1 ,271
Gastung ist die einem -> Gast meist auf Grund einer Verpflichtung zu erbringende Leistung.
Lit.: Brühl, C., Fodrum, gistum, servitium regis, Bd. 1f. 1968
Gattungskauf ist der -> Kauf einer nur der Gattung nach bestimmten Sache. Er ist dem römischen Recht erst in der Form des Kaufes einer zu einem Vorrat gehörigen Sache bekannt.
Lit.: Kaser § 41 II 2; Ernst, W., Gattungskauf und Lieferungskauf, ZRG RA 114 (1997), 272, Ernst, W., Kurze Rechtsgeschichte des Gattungskaufs, ZEuP 1999
Gattungsschuld ist die bereits dem römischen Recht bekannte, auf die Leistung eines nur der Gattung (lat. [N.] genus) nach bestimmten Gegenstandes gerichtete -> Schuld. Bei ihr trägt die Gefahr des zufälligen Unterganges der Schuldner, der so lange leisten muss, wie die Gattung nicht erschöpft ist.
Lit.: Kaser § 34 III 2
Gau ist eine als besondere Einheit angesehene kleinere (, wasserreiche, siedlungsgünstige) Landschaft. Sie hat insbesondere im Frühmittelalter Bedeutung, in welchem der G. nach umstrittener Ansicht den örtlichen Tätigkeitsbereich eines -> Grafen bezeichnet, ohne dass auch in nur einem einzigen Fall die Deckungsgleichheit der Gauangaben der Quellen und der jeweils gegebenen Bezirke der Grafen erwiesen und ohne dass von einem lückenlosen unveränderlichen Netz von Gauen ausgegangen werden kann. Im Dritten Reich wird - vorbereitet durch die Romantik des 19. Jh.s - der G. künstlich wiederbelebt.
Lit.:
Köbler, WAS; Baumann, F., Die Gaugrafschaften im
Wirtembergischen Schwaben, 1879; Curs, O., Deutschlands Gaue im 10.
Jahrhundert, Diss. phil. Göttingen 1908; Werneburg, R., Gau, Grafschaft und
Herrschaft in Sachsen, 1910; Bauer, A., Gau und Grafschaft in Schwaben, 1927;
Prinz, J., Pagus und comitatus in den Urkunden der Karolinger, AUF 17 (1941); Hamm, E., Herzogs- und Königsgut, Gau und Grafschaft im
frühmittelalterlichen Bayern, Diss. phil.. München 1949 (masch.schr.); Hessler,
W., Mitteldeutsche Gaue, 1957; Polenz, P. v., Landschafts- und Bezirksnamen im
frühmittelalterlichen Deutschland, 1961; Wagner, G., Die Verwaltungsgliederung
im karolingischen Reich, 1963; Heinemeyer, W., Der pagus des frühen
Mittelalters in Hessen, 1968; Hüttenberger, P., Die Gauleiter, 1969; Nonn, U.,
Pagus und comitatus in Niederlothringen, 1983;
Borgolte, M., Geschichte der Grafschaften Alemanniens, 1984; Puhl, R., Die Gaue
und Grafschaften des frühen Mittelalters im Saa-Mosel-Raum, 1999
Gaudenzi -> Fragmenta Gaudenziana
Gauner ist eine vielleicht auf Ionier (Griechen) anspielende, aus dem Westjiddischen kommende Bezeichnung für Spieler oder Verbrecher, welche zeitweise eine aus unterschiedlichen Gegebenheiten erwachsende Schicht von nichtseßhaften Rechtsbrechern bilden, die im 18. und 19. Jh. eine gewisse Dichte erreicht.
Lit.: Ave-Lallemant, F., Das
deutsche Gaunertum, Bd. 1ff. 1858ff.; Frauenstädt, P., Das Gaunertum des
deutschen Mittelalters, Z. f. d. ges. StrafRWiss. 18 (1898), 331; Radbruch,
G./Gwinner, H., Geschichte des Verbrechens, 1951, 291; Blauert, A./Wiebel, E.,
Gauner- und Diebslisten, 2001; Danker, U., Die Geschichte der Räuber und
Gauner, 2001
Gebärde ist die eine innerliche Einstellung ausdrückende äußerliche Haltung eines Menschen, insbesondere des Gesichtes und der Hände. Bestimmte Gebärden können in bestimmter Umgebung eine rechtliche Bedeutung haben (z. B. Erheben der Schwurhand bei einem Eid). Der Untersuchung rechtsgeschichtlicher Gebärden widmet sich die Rechtsarchäologie.
Lit.:
Sittl, C., Die Gebärden, 1890; Grimm, J., Deutsche Rechtsaltertümer, 4. A.
1899ff., Neudruck 1922, 1989, 1994; Amira, K. v., Die Handgebärden in den
Bilderhandschriften des Sachsenspiegels, 1905; Künßberg, E. Frhr. v.,
Schwurgebärde und Schwurfingerdeutung, 1941; Schwerin, C. Frhr. v., Einführung
in die Rechtsarchäologie, 1943; Garnier, F., Le langage de l’image, 1981;
Köbler, G., Bilder aus der deutschen Rechtsgeschichte, 1988; Kocher, G., Zeichen
und Symbole des Rechts, 1992; Kresse, D./Feldmann, G.,
Handbuch der Gesten, 1999
Gebäude ist das von Menschen geschaffene Bauwerk. Es ist im älteren deutschen Recht Fahrnis und kann daher einen anderen Eigentümer haben als das Grundstück, auf welchem es errichtet ist. Mit der Aufnahme des römischen Rechts seit dem Spätmittelalter wird es mehr und mehr als wesentlicher Bestandteil des Grundstücks angesehen. Seit dem 17. Jh. wirkt sich das -> Baurecht immer stärker auf die Errichtung von Gebäuden aus.
Lit.: Hübner 188f.
Geblütsrecht ist das auf Grund der Verwandtschaft bestehende Recht oder Anrecht auf einen Gegenstand. In bezug auf das deutsche Königtum kann sich ein G. gegenüber dem Wahlgrundsatz nicht entscheidend durchsetzen. Dagegen steigert sich in den Ländern das G. sogar zum Erbrecht (Erbmonarchie).
Lit.: Mitteis, H., Die deutsche Königswahl, 2. A. 1944, Neudruck 1965, 1981, 28; Rörig, F., Geblütsrecht und freie Wahl, Abh. d. Akad. d. Wiss. Berlin, 1948
Gebot ist die hoheitliche Anordnung eines bestimmten Verhaltens (, im Zivilverfahrensrecht im Rahmen der Zwangsvollstreckung das Angebot zu einem öffentlichrechtlichen Vertrag). Das G. findet sich, wo immer Hoheitsgewalt besteht. Seine besondere Bedeutung zeigt sich bei der Entstehung des -> Staates.
Lit.: Köbler, DRG 139; Willoweit, D., Gebot und Verbot im Spätmittelalter, Hess. Jb. f. LG. 30 (1980), 94
gebotenes Ding ist das durch einzelnes -> Gebot besonders festgesetzte -> Ding.
Gebrauchsmuster ist die Gestaltung einer Arbeitsgerätschaft oder eines Gebrauchsgegenstandes oder eines Teiles davon, die dem Arbeitszweck oder Gebrauchszweck durch eine neue Gestaltung, Anordnung oder Vorrichtung dienen soll. In Deutschland wird 1891 das erste Gebrauchsmustergesetz erlassen.
Lit.: Müller, E., Die Entwicklung des Erfindungsschutzes, 1898
Gebühr ist eine Geldleistung, die als Gegenleistung für eine besondere, vom einzelnen veranlasste Inanspruchnahme der Verwaltung verlangt wird. Sie ist als (lat. [F.]) sportula bereits dem römischen Recht bekannt. Im Mittelalter entwickeln die Landesherren aus den auf sie übergegangenen Regalien Einnahmequellen. Auch die Kirche verlangt für bestimmte Handlungen Gegenleistungen, selbst für den besonderen Sündenerlass. Eine eindeutige Trennung zwischen G. und Steuer vollzieht erst das späte 19. Jh. (Preußen Landgemeindeordnung vom 3. 7. 1891, Kommunalabgabengesetz vom 14. 7. 1893).
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 36 II 4; Moll, W., Über Gebühren, 1916; Domschke, M., Der Gebührenbegriff, 1928; Waitz, H., Die Entwicklung des Begriffs der Regalien, Diss. jur. Frankfurt am Main 1939
Geburt ist der Vorgang, durch den die Leibesfrucht des Menschen (oder eines höheren Tieres) aus dem mütterlichen Körper an die Außenwelt gelangt. Nach dem römischen Recht wird zwar das noch ungeborene Kind (lat. -> nasciturus) für die Erbfolge nach seinem Vater als bereits geboren fingiert, doch beginnt im übrigen erst mit der G. die -> Rechtsfähigkeit. Nach mittelalterlichem und vermutlich germanischem Recht muss das Kind nach der G. vom Vater bzw. der Familie besonders aufgenommen werden. Verschiedentlich wird auch eine gewisse Lebenskraft als Voraussetzung für einen Rechtserwerb verlangt. Für die christliche Kirche wird der Mensch erst durch die Taufe zur Person.
Lit.: Kaser § 13 II; Hübner § 6; Köbler, DRG 75, 120, 129; Coing,
H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1 1985, 248, 253; Labouvie, E., Andere Umstände, 2. A. 2000; Uebe, A., Die
rechtliche Situation der Hebammen in der Geburtshilfe, 2000
Geburtenregister ist das durch das Konzil von Trient (1545-63) in der Kirche vorgesehene, die -> Geburten festhaltende Verzeichnis. Es geht am Ende des 19. Jh.s auf den Staat über (-> Personenstandsgesetz).
Geburtsstand ist im römischen und mittelalterlichen Recht der durch die -> Geburt erworbene Stand (z. B. Adliger, Freier, Unfreier, Sklave).
Gedanken sind frei.
Lit.: Deutsche Rechtsregeln und Rechtssprichwörter, hg. v. Schmidt-Wiegand, R., 1996, 123 (Franck 1541)
Gedinge ist im mittelalterlichen Recht eine Vereinbarung oder auch eine Verhandlung. In Frankreich und England wird im 12. Jh. der Vereinbarung der Vorrang vor dem allgemeinen Recht gewährt, in Deutschland anscheinend im 14. Jh.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Köbler, WAS; Stölzel, A., Geding, Appellation, Hof, Hofgericht und Räte, Abschied und Urteil, 1912; Hagemann, H., Gedinge bricht Landrecht, ZRG 87 (1970), 114
Gefahr ist die Wahrscheinlichkeit des Eintrittes eines Schadens. Grundsätzlich muss jeder Mensch sich selbst vor Schäden schützen, weshalb im römischen Recht der Grundsatz gilt (lat.) casum sentit dominus (den Fall spürt der Herr). Vor der G. des Verfahrensverlustes durch Verfahrensfehler soll im hochmittelalterlichen Recht der -> Fürsprech schützen. Beim Kauf teilt das römische Recht die G. (lat. [N.] periculum) des zufälligen Untergangs der Kaufsache vor Vertragserfüllung dem Käufer zu, der den Kaufpreis zahlen muss, obwohl er die Kaufsache nicht erhält.
Lit.: Kaser
§§ 34, 41, 42, 62; Siegel, H., Die Gefahr vor Gericht und im Rechtsgang, SB. d.
Akad. d. Wiss. Wien 51, 1866; Mitteis, H., Rechtsfolgen des Leistungsverzugs
beim Kaufvertrag, 1913; Wolfgang, E., Das klassische römische Recht der
Gefahrtragung, Diss. jur. Bonn 1981; Bauer,
M., Periculum emptoris, 1998; Müller, C.,
Gefahrtragung bei der locatio conductio, 2002
Gefährdungshaftung ist ein einseitig verpflichtendes gesetzliches Schuldverhältnis, in dessen Rahmen der Schaden zu ersetzen ist, der durch eine erlaubte, abstrakt gefährliche Betätigung oder Anlage entsteht. Die G. ist eine Art der Erfolgshaftung. Sie entsteht als G. in der Zeit, in welcher sich auf der Grundlage des Liberalismus der Verschuldensgrundsatz des Schadensersatzrechts durchsetzt. Beispielhaft verwirklicht wird die G. durch § 25 des preußischen Eisenbahngesetzes von 1838. Mit der sozialversicherungsrechtlichen Lösung der Haftung bei Arbeitsunfall durch pauschale Versicherungsbeiträge des Arbeitgebers schwindet das Bedürfnis nach einer allgemeinen Regelung der G. Diese wird Einzelgesetzen überlassen (1871 Reichshaftpflichtgesetz, 1900 Wildschaden, Tierhaltung [im BGB, 30. 5. 1908 gemildert], 1909 Automobilgesetz, 1. 8. 1922 Luftfahrzeuge, 29. 4. 1940 Sachschäden durch Eisenbahn und Straßenbahn, 15. 8. 1943 Energieanlagen, 1957 Wasserhaushaltsgesetz, 1959 Stromgesetz, 1990 Produkthaftungsgesetz, 1991 Umwelthaftungsgesetz). In der Regel ist der Umfang der Haftung summenmäßig beschränkt.
Lit.:
Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 216, 242; Ogorek, R., Untersuchungen zur
Entwicklung der Gefährdungshaftung, 1975; Baums, T., Die Einführung der
Gefährdungshaftung, ZRG GA 104 (1987), 277; Gadow, O. v., Die Zähmung des
Automobils, 2002
Gefahrenabwehr -> Gefahr, -> Polizei
gefahrgeneigte Tätigkeit ist im 20. Jh. in Deutschland diejenige Tätigkeit eines Arbeitnehmers, welche mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu einem Schaden des Arbeitnehmers, Arbeitgebers oder eines Dritten führt, für welche der Schädigende aus sozialen Gründen nicht nach den allgemeinen Haftungsgrundsätzen einstehen soll, so dass der Arbeitgeber ohne Verschulden einstehen muss. 1995 dehnt das Bundesarbeitsgericht diese Risikoverteilung auf alle Arbeitsverhältnisse aus, so dass die g. T. als solche überflüssig wird.
Lit.:
Köbler, G., Mittlere Fahrlässigkeit und dogmatische Einordnung der
Arbeitnehmerhaftung, AcP 1969, 404; Ehrenberg, S., Die rechtshistorischen
Wurzeln des Begriffs der gefahrgeneigten Arbeit, Diss. jur. Frankfurt am Main
1998; Brandt, P., Geschichtliche Entwicklung, 1998
Gefahrtragung -> Gefahr
Gefälle sind im mittelalterlichen deutschen Recht Abgaben und Einkünfte.
Lit.: Kroeschell, DRG 2
Gefängnis ist ein für einen meist hoheitlich angeordneten Freiheitsentzug eines Menschen verwendetes Gebäude. Im Gegensatz zu dem deutlich älteren Freiheitsentzug durch Kriegsgefangenschaft oder zur Untersuchung wird der auch in Rom unbekannte Freiheitsentzug als Strafe erst seit dem 15. Jh. bedeutsamer. Das G. dieser Zeit ist einfach und unmenschlich, wogegen sich erstmals John Howard ([engl.] State of prisons in England and Wales, 1777, Der Zustand der Gefängnisse in England und Wales) wendet. Mit dem Allgemeinen Landrecht Preußens (1794) wird die Freiheitsstrafe wichtigste Strafe. Am 7. 6. 1923 vereinbaren die Länder des Deutschen Reiches Grundsätze für den Vollzug von Freiheitsstrafen. 1969 wird das G. verbal beseitigt (Justizvollzugsanstalt).
Lit.: Köbler, DRG 205; Quanter, R., Deutsches Zuchthaus- und
Gefängniswesen, 1905, Neudruck 1970; Bohne, G., Die Freiheitsstrafe, Bd. 1f.
1922ff.; Hippel, R. v., Deutsches Strafrecht, Bd. 1 1925; Blesken, H., Ältere
deutsche Gefängnisnamen, ZRG GA 80 (1963), 357; Lawn, E., Gefangenschaft, 1977; Zwicky,
J., Das Gefängniswesen zur Zeit der Helvetik, Diss. jur. Zürich 1982; The
Oxford History of the Prison, ed. by Morris, N., 1996; Schildt, B., Tumult und
Aufruhr in Bernburg, in: Rechtsgeschichte in Halle, hg. v. Lieberwirth, R.,
1998, 53; Krause, J., Gefängnisse im römischen Reich,
1996; Nutz, T., Strafanstalt als Besserungsmaschine, 2001
Gefolgschaft ist im germanischen Recht möglicherweise eine Gruppe (lat. [M.] comitatus, Begleitung) von um einen Adligen gescharten jungen Kriegern. Die Verbindung zu jüngeren Erscheinungen (z. B. Vasallität) ist ungesichert.
Lit.: Schlesinger, W., Herrschaft und Gefolgschaft in der deutschen Verfassungsgeschichte, HZ 176 (1953), 225; Kuhn, H., Die Grenzen der germanischen Gefolgschaft, ZRG GA 77 (1960), 1; Kroeschell, K., Haus und Herrschaft im frühen deutschen Recht, 1968; Olberg, G. v., Freie, Nachbarn und Gefolgsleute, 1983; Kristensen, A., Tacitus’ germanische Gefolgschaft, 1983; Kroeschell, K., Studien zum frühen und mittelalterlichen deutschen Recht, 1995, 183
Gegen den
Lügner gibt es keine Redlichkeit. -> Lüge
Lit.: Deutsche Rechtsregeln und Rechtssprichwörter, hg. v. Schmidt-Wiegand, R., 1996, 231 (Graf/Dietherr 1864)
Gegenreformation ist die mit Hilfe staatlicher Gewalt ausgeführte Gegenbewegung der katholischen Kirche gegen die kirchliche Reformation Martin -> Luthers (1517) zwischen 1555 und 1648 bzw. die gewaltsame Rekatholisierung protestantisch gewordener Gebiete. Sie beruht gedanklich auf dem im Augsburger Religionsfrieden gesicherten Grundsatz (lat.) -> cuius regio, eius religio. Sie wirkt sich deutlich in Bayern, Fulda, Würzburg, Österreich (Böhmen), Oberpfalz und Kurpfalz aus, bis der Friede von Münster und Osnabrück 1648 den Untertanen den Bekenntnisstand des Jahres 1624 gewährt. In Spanien, Italien und Frankreich, Ungarn, Polen und dem Baltikum ist die G. ebenfalls erfolgreich, in England, den Niederlanden und Skandinavien scheitert sie.
Lit.: Köbler, DRG 130; Brandi, K., Gegenreformation und Religionskriege, 2. A. 1941; Zeeden, E., Das Zeitalter der Gegenreformation, 1967; Lutz, H., Reformation und Gegenreformation, 4. A. 1997; Herzig, A., Der Zwang zum rechten Glauben, 2000
Gegenzeichnung ist die Unterschrift eines zweiten Menschen nach der Unterschrift eines zu einer Handlung in erster Linie zuständigen Menschen. Sie wird seit dem 19. Jh. als G. eines Ministers (Preußen 1808) zur Einschränkung der Rechte des Monarchen verwendet.
Lit.:
Köbler, DRG 193, 194; Schulz, A., Die Gegenzeichnung, 1978; Weber, C., Das
Gegenzeichnungsrecht, 1997
Gehalt ist die alimentierende Vergütung des -> Beamten.
gehegtes Ding -> Hegung, Ding
geheimer Rat ist die Gesamtheit der den Fürsten nichtöffentlich beratenden Personen. Der geheime Rat entsteht zu Beginn der frühen Neuzeit in Frankreich und Burgund (1604). Er berät oder entscheidet in den wichtigsten Angelegenheiten (mit anderen Behörden). Er wird im 19. Jh. durch das Ministerium verdrängt. Der Titel Geheimer Rat wird 1919 beseitigt.
Lit.: Mitteis, H./Lieberich, H., Deutsche Rechtsgeschichte, 19. A. 1992, §§ 35, 41; Hess, U., Geheimer Rat und Kabinett in den ernestinischen Staaten Thüringens, 1962; Matthias, E., Zwischen Räten und Geheimräten, 1970
geheimer Vorbehalt -> Mentalreservation
geheime Staatspolizei -> Gestapo
Lit.: Heuer, H., Geheime Staatspolizei, 1995
Gehilfenhaftung ist die Haftung eines Herrn für einen Gehilfen. Sie findet sich schon im römischen Recht ([lat.] -> noxae datio [F.]). Im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch (1900) wird zwischen -> Erfüllungsgehilfen des rechtsgeschäftlichen Bereiches und -> Verrichtungsgehilfen des außerrechtsgeschäftlichen Bereiches unterschieden.
Lit.: Köbler, DRG 27, 214; Seiler, Die deliktische
Gehilfenhaftung, JZ 1967, 525; Bodenhausen, E. Frhr. v., Haftung des
Geschäftsherrn für Verrichtungsgehilfen, 2000
Geisel ist der in Gewahrsam genommene Mensch, der mit Freiheit oder Leben für die Erfüllung bestimmter Pflichten (oder das Erreichen eines sonstigen Zieles) haftet. Das vereinbarte Stellen und das einseitige Nehmen einer G. sind sehr alt. Sie finden sich sowohl unter Völkern wie auch unter einzelnen. Der bzw. die G. darf anfangs bei Nichterfüllung getötet oder verknechtet werden. Im Privatrecht endet das Tötungsrecht bereits früh und wird das Stellen oder Nehmen von Geiseln schon im frühen Mittelalter durch andere Sicherungsmittel ersetzt.
Lit.: Hübner; Köbler, DRG 74, 128; Köbler, WAS; Gierke, O., Schuld und Haftung im älteren deutschen Recht, 1910, 50, 127; Lutteroth, A., Der Geisel im Rechtsleben, 1922; Ogris, W., Die persönlichen Sicherheiten im Spätmittelalter, ZRG GA 82 (1965), 140
Geisteskranker ist der an einer erheblichen Störung der Geistestätigkeit leidende Mensch. Er ist als (lat. [M.]) -> furiosus im römischen Recht ohne weiteres geschäftsunfähig und deliktsunfähig. Auch das mittelalterliche deutsche Recht schließt den Geisteskranken vom Handeln im Rechtsverkehr aus. Am Ende des Spätmittelalters wird das römische Recht aufgenommen. Der Geisteskranke kann durch -> Entmündigung unter Vormundschaft gestellt werden. Zum 1. 1. 1992 wird in Deutschland die Entmündigung durch die -> Betreuung ersetzt.
Lit.: Kaser
§ 14 IV; Hübner; Köbler, DRG 36; Mitteis, H./Lieberich, H., Deutsches
Privatrecht, 9. A. 1981, Kap. III 6; Selesnick, S., Geschichte der Psychiatrie,
1969; Kuban,
S., Das Recht der Verwahrung und Unterbringung, 1997; Platen-Hallermund, A.,
Die Tötung Geisteskranker, 3. unv. A. 1998
geistiges Eigentum -> Urheberrecht
Lit.: Wadle, E., Das geistige Eigentum in der Reichsverfassung, in: Verfassungsrecht und Völkerrecht, 1989, 929; Wadle, E., Geistiges Eigentum, Bd. 1f. 1996ff.
Geistliche Bank ist die Gesamtheit der geistlichen Fürsten eines Verfassungsgremiums (insbesondere des Reichstages des Heiligen Römischen Reiches [deutscher Nation]). 1792 umfasst die g. B. dort 35 Virilstimmen und 2 Kuriatstimmen der schwäbischen und rheinischen Prälatenbank mit zusammen zuletzt etwa 40 Mitgliedern.
Lit.: Domke, W., Die Virilstimmen im Reichsfürstenrath von 1495-1654, 1882; Conrad, H., Deutsche Rechtsgeschichte, Bd. 2 1966, 97
Geistlicher ist der Inhaber eines höheren kirchlichen Amtes der anerkannten öffentlichrechtlichen Religionsgemeinschaften (z. B. Priester). Er wird schon im Altertum vom Laien durch besonderes Recht geschieden. Infolge seiner Schriftkundigkeit ist er seinen Mitmenschen auch im Mittelalter überlegen. Zahlreiche Rechtsvorschriften gewähren ihm besonderen Schutz.
Lit.: Köbler, DRG 99; Prochnow, F., Das Spolienrecht und die Testierfreiheit der Geistlichen, 1919, Neudruck 1965; Reinhard, U., Untersuchungen zur Stellung der Geistlichkeit bei den Königswahlen, 1975; Erler, A., Kirchenrecht, 5. A. 1983
Geistlicher Fürst ist der Landesherr (-> Fürst) des Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation), dem seine Landesherrschaft auf Grund seines geistlichen Amtes zusteht (z. B. Erzbischof von Mainz). Am Beginn des 19. Jh.s umfassen die weltlichen Herrschaftsgebiete der (66) geistlichen Fürsten des Heiligen Römischen Reichs rund 95000 Quadratkilometer mit mehr als drei Millionen Einwohnern.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Geistliche Staaten in Oberdeutschland im Rahmen der Reichsverfassung, hg. v. Wüst, W., 2003
geistlicher Vorbehalt (lat. reservatum [N.] ecclesiasticum) ist der für den Fall eines Übertrittes eines Inhabers eines geistlichen Amtes vom katholischen Glauben zum protestantischen Glauben im Augsburger Religionsfrieden (1555) festgelegte Vorbehalt gegenüber dem Grundsatz (lat.) cuius regio, eius religio, dass der Inhaber des geistlichen Amtes zwar seine persönliche Rechtsstellung behält, aber sein geistliches Amt und die damit verbundenen Rechte aufgeben muss und das für die Besetzung der Stelle zuständige Gremium einen katholischen Nachfolger wählen kann. 1648 wird eine Garantie des Besitzstandes vom 1. 1. 1624 vereinbart.
Lit.: Brandi, K., Reformation und Gegenreformation, 1927
geistliches Recht (lat. ius [N.] canonicum) ist das die christliche(n) Kirche(n) betreffende, im Gegensatz zum weltlichen Recht (lat. ius [N.] civile) stehende Recht. -> Kirchenrecht
Lit.: Köbler, DRG 106; Köbler, G., Das Recht im frühen Mittelalter, 1971; Erler, A., Kirchenrecht, 5. A. 1983
Geld ist das (von einem Staat oder einer durch ihn ermächtigten Stelle beglaubigte,) zum Umlauf in der Öffentlichkeit bestimmte Zahlungsmittel. Im altrömischen Recht ist Tauschmittel anfangs das Vieh (lat. [N.] pecus -> lat. pecunia [F.] G.). Dann wird Rohkupfer zuerst gewichtsmäßig gehandelt und im 4. Jh. v. Chr. nach kleinasiatischem Vorbild (7. Jh., Griechenland 6. Jh. v. Chr.) in feste Größen mit zugehörigen Gewichtsangaben gebracht. Um 300 v. Chr. werden Münzen von 330 g (lat. libra [F.] Pfund) geschaffen, denen später Silbermünzen (187 v. Chr. Silberdenar mit 10 As von 4,55 g Gewicht), seit Caesar (+ 44 v. Chr.) Goldmünzen (lat. [M.Pl.] aurei) folgen. Die Germanen kennen zwar römische Münzen, verwenden sie aber nicht als G. Im Frühmittelalter sind Pfennig, Schilling und Pfund hauptsächlich Rechnungseinheiten, wenn auch in karolingischer Zeit ein königlicher Silberdenar geprägt wird. Als Grabbeigaben aufgefundene Feinwaagen deuten darauf hin, dass auch bei Münzen das Gewicht des Metalls noch entscheidend ist. Im Hochmittelalter bewirkt das als einfachstes Tauschmittel anerkannte und damit als Zahlungsmittel wieder vorherrschende G. die Umwandlung der Naturalwirtschaft in die Geldwirtschaft. Seit der frühen Neuzeit tritt zum Metallgeld (Münze) das Papiergeld (18. Jh.) hinzu, seit der Mitte des 19. Jh.s zum Hartgeld und Zeichengeld das durch Guthaben bei einer Kontostelle gebildete unkörperliche Buchgeld (Giralgeld), seit dem Ende des 20. Jh.s das elektronisch gespeicherte Guthaben (Plastikgeld, Netzgeld). Für Münzen und Geldscheine gilt im wesentlichen das Recht der Sachen. Ungelöst ist die Problematik der Geldentwertung (Inflation), die aus dem Ungleichgewicht zwischen Geldmenge und Gütermenge erwächst.
Lit.: Kaser
§§ 26 III, 32 II; Hübner; Köbler, DRG 96, 97, 119; Köbler, WAS; Taeubner, W.,
Geld und Kredit im Mittelalter, 1933; Nau, E., Epochen der Geldgeschichte,
1972; Rittmann, H., Deutsche Geldgeschichte 1484-1914, 1975; Kiefner, H., Geld
und Geldschuld in der Privatrechtsdogmatik des 19. Jahrhunderts, in:
Wissenschaft und Kodifikation, hg. v. Coing, H. u. a., Bd. 5 1980, 27;
Rittmann, H., Deutsche Geldgeschichte seit 1914, 1986; Spufford, P., Money, 2. A. 1989; North, M.,
Das Geld, 1994; Duncan-Jones, R., Money and Government, 1994; Howgego, C., Geld
in der antiken Welt, 2000; Sprenger, B., Das Geld der Deutschen, 3. A. 2001;
Ott, K., Geld und Geldwerttheorien, 1998; Weatherford, J., Eine kurze
Geschichte des Geldes, 1999
Geldkondemnation (lat. condemnatio [F.] pecuniaria) ist im klassischen römischen Recht die (notwendige) Verurteilung des Schuldners auf den Schätzwert (lat. quanti ea res erit, was die Sache wert ist) einer streitigen bestimmten Sache im -> Formularverfahren. Sie soll es auch einem Dritten gestatten, den Beklagten auszulösen. Sie tritt im -> Kognitionsverfahren zurück.
Lit.: Kaser § 35 I 2; Söllner § 9; Köbler, DRG 33, 34, 42
Geldschuld ist die in Geld zu erfüllende Schuld. Die G. wird schon im römischen Recht als Gattungsschuld angesehen. Mit Ausweitung der Geldwirtschaft wird sie immer häufiger.
Lit.: Kiefner, H., Geld und Geldschuld in der Privatrechtsdogmatik des 19. Jahrhunderts, in: Wissenschaft und Kodifikation, hg. v. Coing, H., Bd. 2 1977, 74ff.; Ahrens, M., Der mittellose Geldschuldner, 1994
Geldstrafe ist die auf Geldleistung an den Staat lautende -> Strafe. Vielleicht aus dem plebejischen Bereich stammend, ist sie bereits dem späteren altrömischen Recht bekannt. Im Frühmittelalter herrscht die davon zu unterscheidende, in Geld nur berechnete Buße des -> Kompositionensystems vor, von der nur ein Teil (lat. [M.]-> fredus) an die Allgemeinheit fällt. Die hoch- und spätmittelalterlichen peinlichen Strafen sind in Geld nur ablösbar. In der frühen Neuzeit schließt zwar die Constitutio Criminalis Carolina (1532) die G. aus, doch sehen die Reichspolizeiordnung von 1530, Landesordnungen und Stadtrechte in vielen Fällen G. vor. Das preußische Allgemeine Landrecht (1794) droht G. bei Münzdelikten, Bestechung, Wucher, Fälschung und Betrügerei an. Das preußische Strafgesetzbuch (1851) und das Reichsstrafgesetzbuch (1871) dehnen die G. aus. Die Strafrechtsreformen (9. 4. 1923, 1969, 1975) des 20. Jh.s verstärken diese Entwicklung. Dabei wird nach skandinavischem Vorbild die Höhe der G. von den wirtschaftlichen Verhältnissen des Täters abhängig (sog. Tagessätze).
Lit. Köbler, DRG 20, 119, 158, 205, 236; Mommsen, T., Römisches Strafrecht, 1899, Neudruck 1961; Gudian, G., Geldstrafrecht und peinliche Strafe im späten Mittelalter, FS A. Erler 1977, 273; Rüping, H., Grundriß der Strafrechtsgeschichte, 3. A. 1998; Stapenhorst, H., Die Entwicklung des Verhältnisses von Geldstrafe zu Freiheitsstrafe seit 1882, 1993
Geldwäsche
Lit.: Remmers, B., Die
Entwicklung der Gesetzgebung zur Geldwäsche, 1998
Geldwirtschaft ist die auf den Gebrauch von -> Geld als Zahlungsmittel aufbauende Wirtschaft (z. B. seit dem Hochmittelalter). Die G. verdrängt die Naturalwirtschaft.
Lit.: Köbler, DRG 29, 96, 97
Gelegenheit macht Diebe.
Lit.: Deutsche Rechtsregeln und Rechtssprichwörter, hg. v. Schmidt-Wiegand, R., 1996, 71 (Pistorius 1716)
gelehrter Richter ist der durch universitäre Ausbildung gekennzeichnete Richter. Der gelehrte Richter erscheint im 13. Jh. im kirchlichen Gericht (als -> Offizial). Im königlichen Kammergericht des Reiches begegnen Doktoren der Rechte seit dem Beginn des 15. Jh.s. Im Reichskammergericht muss 1495 die Hälfte der Beisitzer gelehrt sein. Erst später wird es üblich, dass der Richter als der Vorsitzende gelehrt ist. Im übrigen sind die Mitglieder der Gerichte bis in das 18. Jh. vielfach Laien. Im 18. Jh. werden die Assessorstellen der Obergerichte mit nach besonderen Vorschriften geprüften Juristen besetzt.
Lit.:
Stölzel, A., Die Entwicklung des gelehrten Richtertums in deutschen
Territorien, Bd. 1f. 1872; Lenel, P., Scheidung von Richter und Urteilern, ZRG
RA 34 (1913), 440; Döhring, E., Geschichte der deutschen Rechtspflege, 1953,
53; Kern, E., Geschichte des Gerichtsverfassungsrechts, 1954; Gelehrte im Reich, hg.
v. Schwinges, R., 1996; Verger, J., Le gens de savoir, 1997
gelehrtes Recht ist das an der Universität durch Lehre vermittelte Recht. G. R. ist demnach das römische (weltliche) Recht und das kirchliche (geistliche) Recht. Dem gelehrten Recht steht das einheimische Recht der einzelnen Rechtsgebiete gegenüber. In den Rechtsquellen der Neuzeit werden g. R. und einheimisches Recht in vielfältiger Weise zu neuen Einheiten verknüpft (-> Reformation, -> Kodifikation).
Lit.: Trusen, W., Anfänge des gelehrten Rechtes in Deutschland, 1962; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967; Budischin, H., Der gelehrte Zivilprozess in der Praxis geistlicher Gerichte, 1974; Fried, J., Die Entstehung des Juristenstandes im 12. Jahrhundert, 1974; Nörr, K., Zum institutionellen Rahmen der gelehrten Rechte im 12. Jahrhundert, FS H. Coing 1982, 233; Gouron, A., Zu den Ursprüngen des gelehrten Strafrechts, FS H. Thieme 1986, 43
Geleit ist die Begleitung und meist auch sichere Führung eines Reisenden (oder einer Sache durch Bewaffnete gegen Entgelt). Das G. zu gewähren ist im Mittelalter ein bedeutsames, Einkünfte und Gewalt vermittelndes Recht, das vom König auf den Landesherrn übergeht (Regal, Westfalen 1180). Freies G. ist das Recht auf ungehinderte Hinreise und Rückreise.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 113; Fiesel, L., Zum früh- und hochmittelalterlichen Geleitsrecht, ZRG GA 41 (1920), 1; Wiederkehr, G., Das freie Geleit, 1976; Müller, U., Das Geleit, 1991
Gelnhausen ist ein 1133 erstmals bezeugter Ort im unteren Kinzigtal, in dessen Pfalz 1180 das Verfahren gegen Herzog -> Heinrich den Löwen stattfindet, in dem er nach Landrecht in Acht getan und nach Lehnrecht seiner Herzogtümer -> Sachsen und -> Bayern verlustig erklärt wird, so dass die Herzogtümer in -> Länder aufgeteilt werden können. -> Konrad von G.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Güterbock, F., Die Gelnhäuser Urkunde und der Prozess Heinrichs des Löwen, 1920; Der Reichstag von Gelnhausen, hg. v. Patze, H., 1981; Zunft- und Handwerksurkunden der freien Reichsstadt Gelnhausen, hg. v. Weyrauch, T., 1996
Gelöbnis ist eine Erklärung, mit der jemand zustimmt (z. B. -> Erbenlaub) oder verspricht. Das G. erscheint bereits im Frühmittelalter (z. B. Urteilserfüllungsgelöbnis). Die Folgen des Bruches des Gelöbnisses hängen von verschiedenen Umständen ab und reichen von der Leistungsklage über die Schadensersatzklage, die Buße und die Geldstrafe bis zur -> Strafe an Leib und Leben.
Lit.: Hübner 521, 632, 677; Köbler, DRG 15; Puntschart, P., Schuldvertrag und Treugelöbnis, 1896; Gierke, O., Schuld und Haftung, 1910; His, R., Schlichtes Gelöbnis und Gelöbnis auf Treue, ZRG GA 41 (1920), 386; Strätz, H., Treu und Glauben, 1974
Geltung ist die Anwendbarkeit und die Anwendung. Ein Rechtssatz gilt rechtsdogmatisch, wenn eine entsprechende Sollensanforderung besteht. Er gilt rechtssoziologisch, wenn er tatsächlich angewendet wird.
Lit.: Vienken, T., Die Geltungsdauer rechtlicher Dokumente im früh- und hochmittelalterlichen Reich, 1942; Luig, K., Der Geltungsgrund des römischen Rechts im 18. Jahrhundert, in: Formazione storica, Bd. 2 1977, 819; Nehlsen, H., Aktualität und Effektivität der ältesten germanischen Rechtsaufzeichnungen, in: Vorträge und Forschungen 23 1977, 449; Wagner, W., Geltungsbereiche ausländischer Kodifikationen im Deutschen Reich, Ius commune 14 (1987), 203; Wesener, G., Einflüsse und Geltung des römisch-gemeinen Rechts in den altösterreichischen Ländern, 1989
Gemara (F.) -> Mischna
Gemeinde ist die einfache unmittelbare kommunale Gebietskörperschaft mit (vom Staat abgeleiteter) Gebietshoheit zur Selbstverwaltung universal überlassener örtlicher Aufgaben und zur Fremdverwaltung zugewiesener Aufgaben. Als solche Gemeinden sind im Altertum außer Rom (und anderen Stadtstaaten) die Provinzstädte anzusehen, für welche die Kaiser Gemeindeordnungen erlassen (z. B. Salpensa, Malaca, Irni[um]). Im deutschen Reich erscheint die G. (Stadt, Dorf) seit dem Hochmittelalter (12./13. Jh.). In der frühen Neuzeit verliert sie ihre älteren Rechte durch (vereinheitlichende) Maßnahmen des absoluten Staates (und der Grundherrschaft). Im 19. Jh. erhält die G. -> Selbstverwaltung (Preußen 19. 11. 1808 Städteordnung, 17. 3. 1831 revidiert, Bayern 1818/39, Württemberg 1822, Baden 1831 Gemeindegesetz, Sachsen 1832, Kurhessen 1834, Braunschweig 1834, Hannover 1851, Westfalen 1841 Landgemeindeordnung, Rheinprovinz 1845 Gemeindeordnung, Preußen 30. 9. 1853 Städteordnung, Bayern 1869 Gemeindeordnung, Preußen 1872 Kreisordnung, 1875 Provinzialordnung, 3. 7. 1891 Landgemeindeordnung [, Österreich 1849 provisorisches Gemeindegesetz, 1862 Reichsgemeindegesetz]). Vorübergehend beseitigen Drittes Reich und Deutsche Demokratische Republik die in Art. 127, 17 II WRV (und 28 GG) verfassungsmäßig garantierte Selbstverwaltung. Insgesamt bleibt die G. aber in durch Verwaltungsreformen vergrößertem Umfang bestehen.
Lit.: Dulckeit/Schwarz/Waldstein
§ 32 I 4; Köbler, DRG 197; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2 1975, 726;
Köbler, WAS; Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen
Dorfes, Bd. 1ff. 1957ff.; Die Anfänge der Landgemeinde und ihr Wesen, hg. v. Mayer,
T., Bd. 1f. 1964; Handbuch der bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte
1799-1980, hg. v. Volkert, W., 1983; Steiner, P., Die Gemeinden, Räte und
Gerichte im Nidwalden des 18. Jahrhunderts, Diss. jur. Basel 1986; Weiß, J.,
Die Integration der Gemeinden in den modernen bayerischen Staat, 1986; Wunder,
H., Die bäuerlichen Gemeinden in Deutschland, 2. A. 1986; Ennen, E., Die
europäische Stadt des Mittelalters, 4. A. 1987; Landgemeinde und Stadtgemeinde, hg.
v. Blickle, P., 1991; Schachner-Blazizek, A., Gemeinderecht und
Gemeindeverwaltung, 1995, Gemeinde und Staat im Alten Europa, hg. v. Blickle,
P., 1997; Information, Kommunikation und Selbstdarstellung in mittelalterlichen
Gemeinden, hg. v. Haverkamp, A., 1998; Gemeindeleben, hg. v. Rudert, T. u. a.
2001
Gemeinderecht ist die Gesamtheit der die -> Gemeinde betreffenden Rechtssätze. Im römischen Altertum erhalten die einzelnen Gemeinden in Italien zunächst eine ziemlich verschiedene Stellung als (lat.) oppidum (N.), colonia (F.) oder municipium (N.) mit teils eigener, teils römischer Verwaltung, bis vermutlich unter Caesar eine in Magistrate, Senat (lat. ordo [M.] decurionum, Gemeinderat) und Volksversammlung gegliederte, einheitliche Kommunalverfassung eingerichtet wird ([lat.] lex [F.] Iulia municipalis, julisches Stadtgesetz). Im deutschen Reich ist das G. unterschiedlich. Umfassende staatliche Regelungen werden erst im 19. Jh. geschaffen. 1935 wird eine einheitliche Deutsche Gemeindeordnung erlassen. Nach 1945 ist das G. wieder Landesrecht, so dass es sich von Land zu Land unterscheidet.
Lit.: Köbler, DRG 197, 198, 234, 259; Oberndorfer, P., Gemeinderecht und Gemeindewirklichkeit, 1971; Engeli, C./Haus, W., Quellen zum modernen Gemeindeverfassungsrecht in Deutschland, 1975; Deutsche Verwaltungsgeschichte, hg. v. Jeserich, K. u. a., Bd. 1ff. 1983ff.; Low, P., Kommunalgesetzgebung im NS-Staat, 1992; Die bayerischen Gemeindeordnungen, hg. v. Knemeyer, F., 1994
Gemeinderschaft ist die aus der (von Brüdern gebildeten) Erbengemeinschaft der bäuerlichen Miterben entwickelte gesamthänderische Personenvereinigung des deutschen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Rechts. Sie wird später weitgehend durch den Teilungsgrundsatz einerseits und durch das Anerbenrecht andererseits verdrängt.
Lit.: Hübner 154ff.; Huber, M., Die Gemeinderschaft der Schweiz, 1897
Gemeiner Pfennig ist die am 7. 8. 1495 im Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation) für vier Jahre eingeführte Abgabe (versuchte Kopfsteuer für die gesamte Bevölkerung). Der Gemeine Pfennig ist je nach Vermögen auf 1/24 Gulden, ½ Gulden und 1 Gulden festgesetzt. Er wird nur teilweise eingesammelt und nur teilweise an die sieben dazu bestimmten Schatzmeister abgeliefert.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Gothein, E., Der Gemeine Pfennig auf dem Reichstage von Worms, 1877; Schmidt, P., Der gemeine Pfennig von 1495, 1989
gemeines deutsches Privatrecht ist das dem gemeinen (römischen Privat-)Recht seit dem 17. Jh. (Conring, Thomasius, Beyer) gegenübergestellte Privatrecht deutschrechtlicher Herkunft (-> deutsches Privatrecht). Mit der Schaffung des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches (1896/1900) verliert es seine unmittelbare Geltung.
Lit.: Köbler, DRG 186, 205; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967
gemeines Recht ist das allgemeine Recht im Gegensatz zu einem besonderen Recht. Schon im römischen Recht ist eine derartige Gegenüberstellung eines (lat.) ius (N.) commune und mehrerer besonderer Rechte etwa der römischen Bürger oder eines räumlich bzw. ständisch bzw. personal abgegrenzten Bereiches bekannt. Sie findet sich vereinzelt auch im frühen Mittelalter, häufiger seit dem Hochmittelalter. Als g. R. kann dabei das römische Recht, das kirchliche Recht, das römische und kirchliche Recht oder auch ein sonstiges allgemeines Recht im Gegensatz zu einem besonderen Recht (einschließlich eines Privileges) bezeichnet werden. Im Verhältnis beider entwickeln die Juristen der oberitalienischen Städte im Hochmittelalter den Vorrang des eigenen besonderen Stadtrechts (Statutes) vor dem gemeinen Recht. Dem folgt § 3 der Reichskammergerichtsordnung von 1495, der wohl die redlichen ehrbaren und leidlichen Ordnungen, Statuten und Gewohnheiten der Fürstentümer, Herrschaften und Gerichte dem gemeinen Recht vorgehen lässt. Allerdings müssen sie redlich, ehrbar und leidlich sein und besonders vorgebracht, d.h. nachgewiesen werden. Weil die Anforderungen an diese Voraussetzungen verschärft werden, hat im 17. Jh. das gemeine Recht in der Form des römischen Rechts die Vermutung der Anwendbarkeit für sich. Im 18. Jh. wird das gemeine Recht durch die von ihm mitgeprägten Kodifikationen (ALR, ABGB) zurückgedrängt. Mit dem Inkrafttreten des -> deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches (1. 1. 1900) endet für 16,5 Millionen Menschen in Hessen, Thüringen, Braunschweig, Hannover, Oldenburg, Mecklenburg, Neuvorpommern, Rügen, Schleswig-Holstein usw. (insgesamt in 93 verschiedenen Gebieten) die unmittelbare Geltung des gemeinen Rechts in Deutschland. -> Allgemeines deutsches Recht, -> common law
Lit.: Söllner §§ 2, 3, 25; Köbler, DRG 107, 137, 184; Linck, H., De dubia ac difficili iuris communis definitione, 1680; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967; Bellomo, M., L’Europa del diritto comune, 1988; Gemeines Privatrecht in der Europäischen Gemeinschaft, hg. v. Müller-Graf, 1993; Schlosser, H., Grundzüge der Neueren Privatrechtsgeschichte, 8. A. 1996; Nève, P., (Europäisches) ius commune und (nationales) gemeines Recht, FS K. Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997
gemeines Sachsenrecht ist das auf der Grundlage des -> Sachsenspiegels (1221-24), der Glosse zum Sachsenspiegel und der sog. Richtsteige (sowie des sächsischen Weichbildrechts [str.]) entwickelte, in Sachsen mehr oder weniger allgemein anerkannte Recht, dessen Durchsetzung vor allem die Schöffenstühle von Magdeburg, Leipzig und Halle, die juristischen Fakultäten in Leipzig, Wittenberg und Jena sowie die verschiedenen Hofgerichte fördern. Die Gesetze einzelner Länder engen zwar den Geltungsbereich des gemeinen Sachsenrechts ein, entwickeln dieses aber auch durch ihre Grundgedanken fort. Die Geltung des gemeinen Sachsenrechts betrifft das Kurfürstentum Sachsen (bis 1863/5), Schlesien, Brandenburg, die sachsen-ernestinischen Teilfürstentümer (z. B. Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Coburg-Gotha, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Altenburg: „Thüringen“ bis 1900), Schwarzburg, Reuß, Anhalt (bis 1900), Hannover, Lüneburg, Lauenburg, Holstein, Braunschweig (bis 16. Jh.) und dazwischenliegende kleinere Länder. Mit dem Sächsischen Bürgerlichen Gesetzbuch (1863/5) und dem deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch (1. 1. 1900) wird die Geltung des gemeinen Sachsenrechts beendet.
Lit.: Weiske, J., Die Quellen des gemeinen sächsischen Rechts, 1846; Haubold, C., Lehrbuch des königlich-sächsischen Privatrechts, 3. A. 1847; Emminghaus, G., Pandekten des gemeinen sächsischen Rechts, 1848; Schultze von Lasaulx, H., Die Krise des gemeinen Sachsenrechts, FS J. Hedemann, 1938, 51
gemeines Strafrecht ist das auf der Grundlage der -> Constitutio Criminalis Carolina (1532), welche den örtlichen Gewohnheiten und Satzungen nachgehen will, gebildete deutsche Strafrecht des 16. bis 18. Jh.s.
Lit.: Kroeschell, DRG 2
Gemeinfreier ist der allgemeine -> Freie der germanischen Zeit und des frühen Mittelalters. Im Gegensatz zur klassischen Lehre der deutschen Rechtsgeschichte ist es in der Gegenwart streitig geworden, ob es in der fraglichen Zeit eine breite, „den Staat tragende“ Schicht freier Leute unter einem Adel mit schwach ausgeprägten Vorrechten gegeben hat. In jedem Fall nimmt die Zahl der Freien im Frühmittelalter infolge der Ausbreitung der -> Grundherrschaft ab.
Lit.: Köbler, DRG 71; Mayer, T., Königtum und Gemeinfreiheit im frühen Mittelalter, DA 6 (1943), 239; Das Problem der Freiheit, hg. v. Mayer, T., 4. unv. A. 1981
Gemeinschaft ist eine durch eine Gemeinsamkeit verbundene Mehrheit von Personen, insbesondere im Schuldrecht die gemeinschaftliche Inhaberschaft eines einzelnen Rechtes durch mehrere. G. ist im klassischen römischen Recht die vielleicht in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten aus wirtschaftlichen Gründen entwickelte (lat.) -> communio (F.) pro indiviso, bei der über die ganze Sache alle Gemeinschafter zusammen verfügen können und jeder Gemeinschafter unabhängig von den anderen über seinen (rechnerischen) Anteil. Aufgelöst wird diese G. mit Hilfe der jederzeit möglichen allgemeinen Teilungsklage (lat. actio [F.] communi dividundo). Seit dem Spätmittelalter wird die römischrechtliche, dem Gesamthandsgrundsatz widersprechende G. in Deutschland übernommen.
Lit.: Kaser § 23 IV; Köbler, DRG 25; Conrad, H., Individuum und Gemeinschaft in der Privatrechtsordnung des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, 1956; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1 1985, 293, 549
Gemeinschaftsrecht -> Europäische Gemeinschaft
Lit.: Emmerich, W., Gemeinschaftsrecht und nationale Rechte, 1971; Nicolaysen, G., Europäisches Gemeinschaftsrecht, 1979
Gemeinwerk ist die vielleicht aus der mittelalterlichen Grundherrschaft entwickelte Pflicht der Mitglieder einer örtlichen Gemeinschaft zur tatsächlichen Leistung persönlicher Dienste zu Gunsten der Gemeinschaft. Seit dem 18. Jh. wird sie durch Abgaben bzw. Steuern ersetzt.
Lit.: Gremler, F., Die Naturaldienste im preußischen Gemeinderecht, Diss. jur. Bonn 1912; Durgiai, E., Das Gemeinwerk, Diss. jur. Bern 1943
Gemeinwohl (lat. salus [F.] publica) ist das allgemeine Wohl einer Gesellschaft. Das G. ist vielfach Ziel eines Staates (Wohlfahrtsstaat). Es kann dabei missbraucht werden.
Lit.:
Stolleis, M., Gemeinwohlformeln im nationalsozialistischen Recht, 1974;
Honsell, T., Gemeinwohl und öffentliches Interesse, ZRG RA 95 (1978), 93;
Hibst, P., Utilitas publica, 1991; Gemeinwohl, Freiheit, Vernunft, Rechtsstaat,
hg. v. Ebel, F., 1995; Gemeinwohl und Gemeinsinn.
Historische Semantiken politischer Leitbegriffe, hg. v. Münkler, H. u. a., 2001
Genealogie (F.) Familienkunde
Lit.: Köbler, DRG 2; Forst de Battaglia, O., Wissenschaftliche
Genealogie, 1948; Melville, G., Vorfahren und Vorgänger, in: Die Familie als
sozialer und historischer Verband, 1987, 203; Europäische Stammtafeln, hg. v. Schwennicke,
D., 1998
Genehmigung ist die Erklärung des Einverständnisses mit dem Verhalten eines anderen. Sie ist bereits dem römischen Recht bekannt. Sie entwickelt sich im Verwaltungsrecht zu einer Erlaubnis oder zu einer nachträglichen Billigung, im Privatrecht zur nachträglichen Zustimmung zu einem Rechtsgeschäft.
Lit.: Kaser §§ 11 IV, 49 II, 53 I; Kroeschell, DRG 2
Generalauditeur ist im 17. Jh. nach schwedischem Vorbild im Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation) der Leiter der Rechtspflege des Heeres. 1898 wird der G. durch die Militärstrafgerichtsordnung beseitigt.
Lit.: Meyer, O., Die Stellung des preußischen Generalauditeurs, Arch. Mil.R. 3 (1911/2), 138, 4 (1912/3), 349
Generaldirektorium (Generaloberfinanzkriegs- und -domänendirektorium) ist die aus einer zentralen Fachbehörde der Domänenverwaltung und aus dem Generalkriegskommissariat erwachsene oberste Behörde in -> Preußen im 18. Jh.
Lit.: Hartung, F., Die Entwicklung des Generaldirektoriums in Preußen 1723-1876, FuF 18 (1942), 110
Generalhypothek ist die im römischen Recht mögliche -> Hypothek am ganzen Vermögen eines Pfandschuldners. Sie wird teilweise in der Neuzeit in Deutschland aufgenommen. Sie verunsichert durch fehlende Offenkundigkeit das Kreditwesen, weshalb sie später beseitigt wird.
Lit.: Kaser § 31; Köbler, DRG 41; Wagner, H., Voraussetzungen, Vorstufen und Anfänge der römischen Generalverpfändung, 1967; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.
Generalklausel ist ein nur einen allgemeinen Grundsatz aufstellender, die konkrete Bestimmung im Einzelfall den Gerichten überlassender Rechtssatz. Die G. hat den Vorzug der Offenheit für nichtvorhersehbare Umstände für sich und den Nachteil der Rechtsunsicherheit gegen sich. Im 20. Jh. wird dem Gesetzgeber die Flucht in die Generalklauseln vorgehalten.
Lit.: Köbler, DRG 229; Hedemann, J., Die Flucht in die Generalklauseln, 1933; Börner, F., Die Bedeutung der Generalklauseln, 1989
Generalprävention ist derjenige -> Strafzweck, welcher auf allgemeine Vorbeugung gegenüber Straftaten durch Abschreckung auch unbekannter Dritter gerichtet ist (Feuerbach 1813).
Lit.: Köbler, DRG 204; Rüping, H., Grundriß der Strafrechtsgeschichte, 3. A. 1998
Generalstaatsanwalt ist der oberste Leiter einer gesamten Staatsanwaltschaft (z. B. DDR).
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.
Generalstände (M.Pl.) allgemeine -> Stände
Lit.: Bulst, L., Die
französischen Generalstände, 1992
Genf am Ausfluss der Rhone aus dem Genfer See wird um 400 Sitz eines Bischofs. Seit 1536 wirkt dort Calvin reformatorisch. 1815 wird G. Mitglied der Eidgenossenschaft der -> Schweiz. Im frühen 19. Jh. werden Privatrecht und Prozessrecht gesetzlich geregelt (-> Bellot). 1873 erlangt G. eine Universität.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,450, 3,2,1866; Histoire de Genève, hg. v. Guichonnet, P., 3. A. 1986
Genfer Konvention ist eine (seit dem 22. 8. 1864) in Genf abgeschlossene völkerrechtliche Vereinbarung (z. B. zur Humanisierung des Kriegsrechts).
Lit.: Ziegler, K., Völkerrechtsgeschichte, 1994
Genosse -> Genossenschaft
Genossenschaft ist eine Personenvereinigung zur Erfüllung der von ihren Mitgliedern (Genossen) angestrebten Zwecke, insbesondere der Förderung des Erwerbs oder der Wirtschaft mittels gemeinschaftlichen Geschäftsbetriebs. Ihre ältesten Formen betreffen die vielleicht von Verwandtschaften ausgehende gemeinsame Nutzung von Land. Bedeutsam ist die möglicherweise noch ins Frühmittelalter reichende -> Markgenossenschaft. Besondere Erwähnung verdient auch die durch eidlich bestärkte Vereinbarung entstehende -> Eidgenossenschaft. Eine stärkere Verfestigung zeigt die im 12. Jh. sichtbare (als G. erklärbare) Stadtgemeinde. Genossenschaftlich organisiert sind im Hochmittelalter auch -> Gemeinderschaft, -> Zunft, Bruderschaft, -> Universität, bergrechtliche -> Gewerkschaft, Waldgenossenschaft und Deichgenossenschaft. In der frühen Neuzeit drängt der Einfluss der gelehrten Rechte die G. zugunsten der römischrechtlichen (lat. [F.]) -> societas bzw. (lat. [F.]) -> universitas zurück. Die hierauf gegründete Theorie des 19. Jh.s, dass die -> juristische Person eine Fiktion sei, wird von Georg von -> Beseler und Otto von -> Gierke (Theorie der realen Verbandspersönlichkeit) bekämpft. In Preußen bzw. dem Norddeutschen Bund wird 1867/8, in Österreich am 9. 4. 1873 ein Gesetz betreffend die G. (Gesellschaft mit offener Mitgliederzahl, bei Eintragung in das Genossenschaftsregister juristische Person) geschaffen (Konsumgenossenschaft, Raiffeisengenossenschaft, Wohnungsbaugenossenschaft).
Lit.:
Hübner 123ff.; Köbler, DRG 96, 121, 174, 177, 207, 218; Köbler, WAS; Gierke, O.
v., Das deutsche Genossenschaftsrecht, Bd. 1ff. 1868ff.; Bader, K., Das
mittelalterliche Dorf, Bd. 1ff. 1957ff.; Faust, H., Geschichte der
Genossenschaftsbewegung, 1965; Bludau, K., Nationalsozialismus und
Genossenschaften, 1968; Laufs, A., Genossenschaftsdoktrin und
Genossenschaftsgesetzgebung vor 100 Jahren, JuS 1968, 311; Spindler, H., Von
der Genossenschaft zur Betriebsgemeinschaft, 1982; Schröder, J., Zur älteren
Genossenschaftstheorie, Quaderni Fiorentini 11/12 (1982/3), 399; Gericht,
Genossenschaft und Policey, hg. v. Dilcher, G. u. a., 1986; Hettrich,
E./Pöhlmann, P., Genossenschaftsgesetz, 1995; Hardtwig, W., Genossenschaft, Sekte,
Verein, 1997; Helin, I., Vom Brodverein zur co op, 1998; Zinke, J., Die
Entwicklung der landwirtschaftlichen Genossenschaften in der Weimarer Republik,
1999; Kattinger, D., Die gotländische Genossenschaft, 1999; Peters, M., Die
Genossenschaftstheorie Otto von Gierkes, 2002; Schneider, R., Altrechtliche
Personenzusammenschlüsse, 2003
Genossenschaftsgesetz -> Genossenschaft
Genozid (N., M.,) -> Völkermord
Lit.: Grenke, A., der
Genozid in der Weltgeschichte, 2001
Gent an der Leie (7./8. Jh. [lat.] pagus [M.] Gandao) erscheint im 10. Jh. als Handelsort. Im 12. Jh. erlangen die Kaufleute wichtige Rechte. 1879 wird G. Sitz einer Universität.
Lit.: Verhulst, A., Die Frühgeschichte der Stadt Gent, FS Edith Ennen, 1972, 108; Gent, red. Decavele, J., 1989
Gentechnologie seit 20. 6. 1990 Gesetz
Gentile ist der Angehörige eines Sippenverbandes (lat. [F.] gens) im römischen Recht. Er ist nachrangig Erbe.
Lit.: Kaser § 12 I 1; Söllner §§ 4, 8; Köbler, DRG 21
Gentili, Alberico (1552-1608) wird nach dem Rechtsstudium in Perugia Richter in Ascoli. Auf der Flucht der Familie vor der Inquisition gelangt er 1581 nach Oxford (1587 Professor für civil law) und veröffentlicht vor allem bedeutende völkerrechtliche (kriegsrechtliche) Werke (De iure belli commentationes [F.Pl.] tres, 1588f., Drei Abhandlungen zum Kriegsrecht). Nach 1590 wird er als Anwalt tätig.
Lit.: Hugo
Grotius and International Relations, hg. v. Bull, H. u. a., 1990, 133
gentry (engl.) Landadel (seit 15. bzw. 16. Jh.)
Lit.:
Gentry, hg. v. Jones, M., 1986
Genua am südlichen Steilabfall der Alpen zum Mittelmeer kommt über Römer, Ostgoten, Byzantiner und Langobarden an die Franken. Seit dem 10. Jh. erlangt es eine eigene Verwaltung. Vielfach unter fremder Herrschaft, wird es 1815 mit dem Königreich Sardinien-Piemont (1861 Italien) vereinigt.
Lit.:
Köbler, Historisches Lexikon; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren
europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff.,
2,2,162; Airaldi, G., Genova, 1986
genus perire non censetur (lat.). Von einer Gattung wird nicht angenommen, dass sie untergeht.
Lit.: Liebs, D., Lateinische Rechtsregeln, 5. A. 1991, 80, Nr. 7
Gény, François (1861-1959) kommt über Algier (1887) und Dijon (1892) nach Nancy (1901, 1905 ordentlicher Professor für bürgerliches Recht) und verfasst bedeutsame Studien über Natur und Methode des Privatrechts (Méthode d’interprétation et sources en droit privé positif, 1899, Science et technique en droit privé positif, 1913ff.).
Lit.: Dabin, J. u. a., Le centenaire du doyen
François Geny, 1963
geometricus -> mos geometricus
Georgenberger Handfeste ist die umfangreichere (von mehreren) Urkunde(n) über den am 17. 8. 1186 auf dem im Bereich der Stadt Enns liegenden St. Georgsberg (Georgenberg) (mündlich) abgeschlossenen Erbvertrag zwischen Herzog Otakar IV. von -> Steiermark und Herzog Leopold V. von -> Österreich, auf Grund dessen mit dem Tod Otakars IV. 1192 die Steiermark an Österreich fällt.
Lit.: Köbler, DRG 94; Baltl/Kocher; Spreitzhofer, K., Die Georgenberger Handfeste, 1986
Gerade ist vielleicht schon im germanischen Recht die Ausrüstung der Braut für die Verheiratung (vgl. rhedo in der [lat.] Lex [F.] Thuringorum [802] und mahalareda in der [lat.] Lex [F.] Burgundionum [um 500]). Im Hochmittelalter umfasst sie im Verbreitungsgebiet des Sachsenspiegels Schmuck, Kleider, Gefäße und Hausrat (Bett, Kiste, Gebetbuch, vielleicht Gänse, Enten, Schafe). Beim Tod des Hausvaters fällt sie (vor allem in der Stadt) als Voraus an die Ehefrau, beim Tod der Frau (vor allem auf dem Land) an eine bestimmte nichtverheiratete weibliche Verwandte (oder einen Geistlichen).
Lit.:
Hübner 664, 739; Köbler, DRG 89, 123, 162; Frommhold, E., Das Recht der Gerade,
Diss. jur. Leipzig 1934; Bungenstock, W., Heergewäte und Gerade, Diss. jur.
Göttingen 1966;
Ottenjohann, H., Das Sondervermögen „Gerade“, in: Aus
dem Leben gegriffen, 1995, 379; Gottschalk, K., Streit um Frauenbesitz, ZRG GA
114 (1997), 182
Gerber, Karl Friedrich Wilhelm (Ebeleben 11. 4. 1823 - Dresden 23. 9. 1891) wird nach dem Rechtsstudium in Leipzig und Heidelberg (Hänel, Albrecht, Puchta, Mittermaier, Vangerov) 1844 außerordentlicher Professor in Jena, 1847 ordentlicher Professor in Erlangen, 1851 Tübingen und 1863 Leipzig. 1871 wird er Kultusminister Sachsens. 1846 legt er eine Untersuchung über das wissenschaftliche Prinzip des ->gemeinen deutschen Privatrechts vor, in der er das deutsche Recht statt als Rechtsquelle als bloßes System von Rechtsgedanken (Geist des deutschen Rechts) versteht. Hierauf gründet er sein erfolgreiches romanistisch beeinflusstes Lehrbuch System des deutschen Privatrechts (1848/9), in welchem er den Geist des deutschen Rechts in konkrete juristische Sätze fasst. 1852 lässt er die auf den Willensäußerungen der einzelnen als Glieder der Volksverbindung beruhende Untersuchung über öffentliche Rechte folgen, die 1865 zu Grundzügen eines Systems des deutschen Staatsrechts (mit den vier Abteilungen Staatsgewalt [Willensmacht des Staates], Organe des Staates, [Formen der] Willensäußerungen des Staates, Rechtsschutz) werden, die den -> Staat als -> juristische Person verstehen und die moderne deutsche Staatsrechtswissenschaft begründen.
Lit.: Köbler, DRG 205; Wilhelm, W., Zur juristischen Methodenlehre im 19. Jahrhundert, 1958; Pauly, W., Der Methodenwandel im deutschen Spätkonstitutionalismus, 1993
gerechter Krieg (lat. bellum [N.] iustum) ist der gerechtfertigte Fall einer gewaltsamen Auseinandersetzung von Völkern oder Staaten. Nach Cicero (106-43 v. Chr.) begründen Rache und Vertreibung von Feinden allein den gerechten Krieg. In gleicher Weise anerkennt das Christentum (Augustinus 354-430) Verteidigung und Strafe als Grund eines gerechten Krieges, zu dem noch die rechte Gesinnung des Kriegführenden hinzukommen muss. Thomas von Aquin (um 1270) fordert die (lat. [F.]) auctoritas des Herrschers, den gerechten Grund und die rechte Einstellung. Francisco de Vitoria begründet die Lehre vom beiderseits gerechten Krieg. Nach Alberico Gentili (1588) schränkt Grotius (1583-1643) demgegenüber dahin ein, dass zwar nur einer der Kriegsführenden im Recht sein könne, beide aber in gutem Glauben streiten könnten. Im 18. Jh. wird auf eine Untersuchung von ungerechten Kriegen und gerechten Kriegen verzichtet. Im 19. Jh. herrscht die Lehre vom freien Kriegsführungsrecht der souveränen Staaten. Dagegen erfolgt nach dem Ersten Weltkrieg eine Rückkehr zur Lehre vom gerechten Krieg, so dass der Angriffskrieg verboten wird.
Lit.: La Paix, 1961, Recueils de la Société Jean Bodin 15; Tooke, J., The Just War in Aquinas and Grotius, 1965; Russel, F., The Just War, 1975; Ziegler, K., Völkerrechtsgeschichte, 1994
gerechter Preis -> Preis
Gerechtigkeit ist das zeitlos gültige Maß richtigen Verhaltens. Bereits Aristoteles (384-322 v. Chr.) unterscheidet die ausgleichende G. (lat. iustitia [F.] commutativa) zwischen den einzelnen und die austeilende G. (lat. iustitia [F.] distributiva) zwischen Allgemeinheit und einzelnen. Ulpian (170-223) erklärt die G. (lat. [F.] iustitia) als den ständigen Willen, jedem sein Recht dadurch zu gewähren, dass man ehrbar lebt, den anderen nicht verletzt und jedem das Seine gibt. Das Christentum bestimmt die G. durch die in der Natur sich zeigende göttliche Ordnung. Seit der Neuzeit versucht der Mensch die G. mit Hilfe der (der Natur des Menschen entsprechenden) Vernunft zu ermitteln. Die G. vollkommen zu verwirklichen, muss dabei wohl als wünschenswertes Ideal angesehen werden, das tatsächlich nicht oft genug erreicht wird.
Lit.:
Köbler, DRG 2, 254; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 4 1984, 231; Welzel, H.,
Naturrecht und materiale Gerechtigkeit, 4. A. 1962; Kissel, O., Die Iustitia, 2. A. 1997; Schimmler,
B., Recht ohne Gerechtigkeit, 1984; Dickhuth-Harrach, H. v., Gerechtigkeit
statt Formalismus, 1986; Recht und Gerechtigkeit im Spiegel der europäischen
Kunst, hg. v. Pleister, W. u. a., 1988; Gerechtigkeit, hg. v. Assmann, J. u.
a., 1997; Manthe, U., Beiträge zur Entwicklung des antiken
Gerechtigkeitsbegriffes, ZRG RA 114 (1997), 1; Prodi, P., Eine Geschichte der
Gerechtigkeit, 2003
Gerhabe ist eine mittelalterliche Bezeichnung für den -> Vormund.
Gericht ist die (staatliche) Einrichtung, welche die Entscheidung in Streitigkeiten durch Rechtsanwendung ausüben soll. Das altrömische Recht unterscheidet dabei (im Zivilverfahren) zwischen dem G. (lat. [N.] ius) und dem Richter (lat. [M.] iudex). Das G. findet auf dem Markt (lat. [N.] forum) vor dem zuständigen Magistrat (seit 367 v. Chr. lat. [M.] praetor) statt, der darüber entscheidet, ob die Rechtsordnung für das Begehren des Verfolgers einen Schutz (lat. [F.] actio) enthält und danach gegebenfalls unter Auswahl oder Auslosung seitens der Parteien den Richter ermittelt. Seit Augustus (63 v. Chr. - 14 n. Chr.) tritt an die Stelle von Magistrat und Richter der einheitliche öffentliche Amtsträger des -> Kognitionsverfahrens, der untersucht und entscheidet. Bei den Germanen finden demgegenüber die Entscheidungen in Streitigkeiten anfangs vermutlich in der vom König oder mehreren Großen geleiteten -> Volksversammlung unter freiem Himmel statt, wobei ein Entscheidungsvorschlag aus dem -> Umstand vorgebracht wird. Im Frühmittelalter leitet zunächst der König oder der (fränkische) (lat.-ad. [M.]) -> thunginus (Dingmann) die Versammlung auf dem -> Malberg, und -> Rachinburgen schlagen ein Urteil vor. Später verdrängt der -> Graf den thunginus. Zwischen 770 und 780 ersetzt Karl der Große die Rachinburgen durch -> Schöffen als Urteiler. Im geistlichen Gericht (Lüs. aus lat. [F.] correctio?) des fränkischen Reiches entsprechen dem Bischof bzw. Archidiakon bzw. Archipresbyter und Sendschöffen, bis seit dem späten 12. Jh. (Reims, Mainz), allgemeiner seit 1246 der gelehrte -> Offizial des Bischofs als ständiger, ordentlicher (berufsmäßiger) Einzelrichter, der selbst entscheidet, erscheint. Noch im Reichskammergericht (1495) ist der Richter grundsätzlich nur Verhandlungsleiter und ist die Hälfte der Beisitzer (Assessoren) nur adlig und (zunächst) nicht rechtsgelehrt. Im Laufe der frühen Neuzeit wird das mehr und mehr in festen Gebäuden tagende G. aber zunehmend mit rechtsgelehrten Berufsjuristen besetzt. Demgegenüber belebt der Liberalismus des 19. Jh.s das Laienelement wieder (-> Schwurgericht). In der Gegenwart ist in Deutschland die -> Gerichtsbarkeit in unterschiedliche Zweige von Gerichten (ordentliches Gericht, Arbeitsgericht, Finanzgericht, Sozialgericht, Verfassungsgericht, Verwaltungsgericht) gegliedert. Diese sind in mehrere Instanzen gestuft (z. B. Amtsgericht, Landgericht, Oberlandesgericht, Bayerisches Oberstes Landesgericht, Bundesgerichtshof). Die meisten der sehr vielen Rechtsstreitigkeiten werden durch Berufsrichter entschieden.
Lit.: Kaser
§§ 80ff.; Köbler, DRG 111, 116, 150; Köbler, WAS; Luschin von Ebengreuth, A.,
Geschichte des älteren Gerichtswesens in Österreich, 1879; Rosenthal, E.,
Geschichte des Gerichtswesens und der Verwaltungsorganisation Baierns, Bd. 1
1889, Neudruck 1968, 1984; Lenel, P., Die Scheidung von Richter und Urteilern,
ZRG RA 34 (1913), 440; Braun, E., Die Entwicklung der Gerichtsstätten in
Deutschland, Diss. jur. Erlangen 1944; Kern, E., Geschichte des Gerichtsverfassungsrechts,
1954; Eberhard, H., Die Gerichtsorganisation der Landgrafschaft Thüringen im
Mittelalter, ZRG 75 (1958), 108; Köbler, G., Richten, Richter, Gericht, ZRG GA
87 (1970), 57; Müller-Volbehr, J., Die geistlichen Gerichte in den Braunschweig-Wolfenbüttelschen
Landen, 1972; Köbler, G., Gericht und Recht in der Provinz Westfalen
(1815-1945), FS G. Schmelzeisen, 1980, 166; Schubert, W., Die deutsche
Gerichtsverfassung 1869-1877, 1981; Drüppel, H., Iudex civitatis, 1981; Keller,
O., Die Gerichtsorganisation des Raumes Marburg im 19. und 20. Jahrhundert,
1982; Handbuch der bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte, hg. v. Volkert,
W., 1983; Schumacher, U., Staatsanwaltschaft und Gericht im Dritten Reich,
1985; Turner, R., The English Justiciary, 1985; Weitzel, J.,
Dinggenossenschaft und Recht,
1985; Recht, Gericht, Genossenschaft und Policey, hg. v. Dilcher, G. u. a.,
1986; Köbler, G., Bilder aus der deutschen Rechtsgeschichte, 1988; Prozessflut?,
hg. v. Blankenburg, E., 1989; Das Oberste Gericht der DDR, 1989; Klemmer,
K./Wassermann, R./Wessel, T., Deutsche Gerichtsgebäude, 1993; Justizgebäude in Sachsen,
1995; Ishikawa, T. Das Gericht im Sachsenspiegel, FS K. Kroeschell,
hg. v. Köbler, G. u. a., 1997;
Lück, H., Die kursächsische Gerichtsverfassung, 1997; Zehetmayer, R., Kloster
und Gericht, 2001
gerichtliche Medizin ist die rechtlich bzw. verfahrensrechtlich bedeutsame Medizin. Im Mittelalter werden allmählich ärztliche Sachverständige in das Verfahren vor Gericht eingeführt. Die erste bekannte richterliche Leichenöffnung findet in Bologna 1302 statt. Die Constitutio Criminalis Carolina (1532) behandelt die Bedeutung verständiger Frauen und verständiger Ärzte für das Strafverfahren allgemein. Im 18. Jh. erscheint die (lat.) medicina (F.) forensis als Vorlesung an den Universitäten. Eigene Lehrstühle folgen etwas später nach (Wien 1804, Prag 1807). 1901 wird im Deutschen Reich g. M. Pflichtfach des Studiums.
Lit.: Die Entwicklung der medizinischen Spezialfächer, 1970; Bader, K., Ärztliche Sachverständige im Mittelalter, 1976
Gerichtsakte ist die (seit dem 14. Jh. einsetzende) -> Akte eines Gerichts.
Lit.: Kroeschell, DRG 2
Gerichtsbarkeit ist die auf Verwirklichung der bestehenden Rechtsordnung gerichtete Tätigkeit (des Staates bzw. der Allgemeinheit) (Judikative). -> Gericht
Lit.: Kaser
§§ 80, 87; Brand, E., Eidgenössische Gerichtsbarkeit, Bd. 1ff. 1952ff.; Hirsch,
H., Die hohe Gerichtsbarkeit, 2. A. 1958; Tomaschek, Die höchste
Gerichtsbarkeit des deutschen Königs und Reiches im 15. Jahrhundert, 1965;
Hageneder, O., Die geistliche Gerichtsbarkeit in Ober- und Niederösterreich,
1967; Laufs, A., Die Anfänge einheitlicher höchster Gerichtsbarkeit in
Deutschland, JuS 1969, 256; Nordhoff-Behne, H., Gerichtsbarkeit und
Strafrechtspflege in der Reichsstadt Schwäbisch-Hall, 1971; Modéer, K.,
Gerichtsbarkeiten der schwedischen Krone im deutschen Reichsterritorium, Bd. 1
1975; Müller-Kinet, H., Die höchste Gerichtsbarkeit im deutschen Staatenbund
1806-1866, 1975; Globig, G., Gerichtsbarkeit als Mittel sozialer Befriedung,
1985; Schild, W., Alte Gerichtsbarkeit, 2. A. 1987; Schild, W., Geschichte
der Gerichtsbarkeit, 1995; Oberste Gerichtsbarkeit, hg. v. Diestelkamp, B.,
1996; Harendil, H., Gesellschaftliche Gerichtsbarkeit, 1997; Royer, J.,
Histoire de la justice en France, 1997; Albert, D., Der gemeine Mann vor dem
geistlichen Richter, 1998; Drecktrah, V., Die Gerichtsbarkeit in den
Herzogtümern Bremen und Verden, 2002
Gerichtsbuch ist das bei einem -> Gericht geführte Buch über gerichtliche Handlungen der streitigen oder freiwilligen Tätigkeit (z. B. Urteile, Rügen, Klagen, Protokolle, Vergleiche, Rechtsgeschäfte). Gerichtsbücher sind beispielsweise überliefert aus den Städten Worms, Bamberg, Bingen, Stralsund, Luckau und aus vielen Dörfern (z. B. Niederingelheim, Eppelsheim, Hamm, Erpolzheim, vor allem in Bayern, Pfalz, Schlesien und Brandenburg).
Lit.: Rehme, P., Über Stadtbücher als Geschichtsquelle, 1913; Schultheiß, W., Über spätmittelalterliche Gerichtsbücher aus Bayern und Franken, FS H. Liermann, 1964, 264
Gerichtsgebrauch ist die an einem oder mehreren Gerichten geübte besondere Art der Rechtsanwendung.
Lit.: Schumacher, D., Das Rheinische Recht, 1970
Gerichtsgefälle sind die an ein -> Gericht zu erbringenden Leistungen. Sie dienen der Unterhaltung der mit der Gerichtsbarkeit betrauten Menschen. Zu ihnen gehört z. B. das Friedensgeld. Seit dem Mittelalter begegnen sich Geldleistungen für einzelne Gerichtshandlungen, wie beispielsweise auch für die Tätigkeit des -> Gerichtsschreibers. Hieraus entwickeln sich bis zum Beginn der Neuzeit an vielen Stellen besondere Ordnungen für im voraus zu erhebende -> Gebühren, welche der im Verfahren Unterliegende zu erstatten hat. Später finden die G. über den allgemeinen Staatshaushalt Verwendung zur Besoldung des Gerichtspersonals mit festen Gehältern.
Lit.: Döhring, E., Geschichte der deutschen Rechtspflege, 1953, 75ff.
Gerichtshof ist ein mit mehreren Richtern besetztes (oberes) Gericht bzw. ein Hof, an dem Gericht gehalten wird.
Lit.: Zimmermann, R., Der oberste Gerichtshof für die britische Zone (1948-1950), ZNR 3 (1981), 158
Gerichtsmedizin ist die für gerichtliche Zwecke
notwendige medizinische Betrachtung.
Lit.: Lorenz, M.,
Kriminelle Körper – Gestörte Gemüter, 1999; Herber, F., Gerichtsmedizin unterm
Hakenkreuz, 2002
Gerichtsordnung ist die Gesamtheit der für ein -> Gericht unmittelbar geltenden Rechtssätze. Sie entwickelt sich aus dem von der Kirche geförderten Gedanken, dass ein rechtliches Verfahren in klarer Weise geordnet sein soll (lat. ordo [M.] iudiciarius). In der Neuzeit wird hieraus die -> Prozessordnung.
Lit.: Meier, A., Die Geltung der Peinlichen Gerichtsordnung Kaiser Karls V. im Gebiete der heutigen Schweiz, 1910; Meyer, D., Gerichtsverfahren und Zivilprozess nach der Solmser Gerichtsordnung von 1571, Diss. jur. Göttingen 1972; Kleinheyer, G., Die Regensburger peinliche Gerichtsordnung, FS H. Krause 1975, 110; Dank, E., Die Appellationsvorschriften der bayerischen Gerichtsordnung von 1520, 1977; Loschelder, M., Die Österreichische Allgemeine Gerichtsordnung von 1781, 1978; Bader, K., Landes- und Gerichtsordnungen im Gebiet des Fürstentums Fürstenberg, FS G. Schmelzeisen, 1980, 9
Gerichtsschreiber ist der wohl seit dem 14. Jh. an einzelnen -> Gerichten zur Aufzeichnung von Rechtshandlungen bestellte besondere -> Schreiber. Seine Rechtskenntnisse sind vielfach denen des ungelehrten Richters und der ungelehrten Schöffen überlegen. 1923/7 wird im Deutschen Reich die Amtsbezeichnung G. durch Urkundsbeamter ersetzt.
Lit.: Kroeschell, DRG 2; Battenberg, F., Gerichtsschreiberamt und Kanzlei des Reichshofgerichts 1235-1491, 1974; Dumke, D., Vom Gerichtsschreiber zum Rechtspfleger, 1993
Gerichtsstab -> Richterstab
Lit.: Rintelen, M., Der Gerichtsstab in den österreichischen Weistümern, FS H. Brunner, 1910, 631; Kocher, G., Richter und Stabübergabe, 1971
Gerichtsstand ist die örtliche, teilweise auch sachliche Zuständigkeit eines Gerichts. Nach dem G. entscheidet sich, ob eine an einem Gericht erhobene Klage zulässig ist. Der G. ist spätestens seit dem Hochmittelalter sehr bedeutsam.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Battenberg, F., Die Gerichtsstandsprivilegien der deutschen Kaiser und Könige, 1983; Hubig, S., Die historische Entwicklung des § 23 ZPO, 2002
Gerichtsverfahren ist das vor und von -> Gerichten durchgeführte Verfahren. Dabei wird bereits im altrömischen Recht zwischen Zivilverfahren und Strafverfahren und zwischen Erkenntnisverfahren und Vollstreckungsverfahren unterschieden. Allerdings setzt sich das G. nur langsam gegenüber der -> Selbsthilfe des Verletzten durch. Mit der Entwicklung Roms zum Weltreich wird dabei die gerichtliche Tätigkeit des Staates immer umfassender. Umgekehrt ist auch in den germanischen Anfängen das G. gegenüber der -> Selbsthilfe (-> Fehde) selten. König und Kirche fördern das G. seit dem Frühmittelalter. Auf die Klage des Verletzten und die Klagantwort des Beklagten entscheiden die unter der Leitung des -> Richters versammelten -> Schöffen den Streit durch ein meist zweizüngiges -> Urteil. Entlastet sich der Beklagte nicht (durch Eid), so siegt der Kläger. Die Vollstreckung führt der Kläger selbst durch. Eine Überprüfung des Urteils steht nur dem König zu. Wohl erst im Hochmittelalter (str.) treten Zivilverfahren und Strafverfahren auseinander. Im Strafverfahren gewinnt die amtliche Untersuchung an Bedeutung. Das Zivilverfahren wandelt sich unter oberitalienisch-kanonistischem Einfluss (Schriftlichkeit). Die Berufung (Appellation) an ein Obergericht wird möglich. In England ändert sich das G. am stärksten zwischen 1154 und 1272. In der Neuzeit erlangt eine Sonderstellung auch das Gebiet des sächsischen Rechts. Im 19. Jh. beeinflusst das freiere Verfahren der französischen Gesetze Zivilprozess und Strafprozess in den deutschen Staaten.
Lit.:
Wetzell, G., System des ordentlichen Zivilprozesses, 3. unv. A. 1978; Planck,
J., Das deutsche Gerichtsverfahren im Mittelalter, Bd. 1f. 1879, Neudruck 1973;
Bartmann, J., Das Gerichtsverfahren vor und nach der Münsterischen
Landgerichtsordnung von 1571, 1908; Döhring, E., Geschichte der deutschen
Rechtspflege, 1953; Leiser, W., Der gemeine Zivilprozess in den badischen
Markgrafschaften, 1961; Wesener, G., Das innerösterreichische
Landschrannenverfahren, 1963; Schmidt, E., Einführung in die Geschichte der
deutschen Strafrechtspflege, 3. A. 1965; Wiggenhorn, H., Der
Reichskammergerichtsprozess, Diss. jur. Münster 1966; Meyer, D.,
Gerichtsverfahren und Zivilprozess nach der Solmser Gerichtsordnung von 1571,
Diss. jur. Göttingen 1972; Fowler-Magerl,
Gerichtsverfassung ist die organisatorische Gestaltung der Rechtspflege. Sie ist anfangs ziemlich einfach, entwickelt sich aber seit dem hohen Mittelalter mit dem Übergang wesentlicher Teile der Gerichtsbarkeit vom König auf die Landesherren zu vielfältigen Gestaltungen. 1877/9 wird im Deutschen Reich die partikuläre G. durch das Gerichtsverfassungsgesetz vereinheitlicht (Amtsgericht, Landgericht, Oberlandesgericht, Reichsgericht, in Österreich Jurisdiktionsnorm von 1895 mit Bezirksgerichten, Landesgerichten, Oberlandesgerichten und Oberstem Gerichtshof). -> Gericht
Lit.: Kaser
§§ 80, 87; Söllner §§ 9, 17; Köbler, DRG 183, 200; Kühns, F., Geschichte der
Gerichtsverfassung und des Prozesses der Mark Brandenburg, Bd. 1f. 1865ff.,
Neudruck 1969; Sohm, R., Die fränkische Reichs- und Gerichtsverfassung, 1871;
Probst, K., Die Entwicklung der Gerichtsverfassung und des Zivilprozesses in
Kurhessen, 1911; Meister, E., Ostfälische Gerichtsverfassung, 1912; Lenel, P.,
Die Scheidung von Richter und Urteilern, ZRG RA 34 (1913), 440; Knapp, H.,
Alt-Regensburgs Gerichtsverfassung, Strafverfahren und Strafrecht, 1914,
Neudruck 1978; Wohlhaupter, E., Hoch- und Niedergericht in der
mittelalterlichen Gerichtsverfassung Bayerns, 1929; Blankenhorn, R., Die
Gerichtsverfassung der Carolina, Diss. jur. Tübingen 1939; Baltl, H., Die
ländliche Gerichtsverfassung Steiermarks, Archiv f. österreich. Gesch. 118
(1951); Schlesinger, W., Zur Gerichtsverfassung des Markengebietes östlich der
Saale, Jb. f. d. Gesch. Mittel- und Ostdeutschlands 2 (1953); Beiträge zur
Geschichte des Gerichtswesens im Lande Braunschweig, 1954; Kern, E., Geschichte
des Gerichtsverfassungsrechts, 1954; Lohmann, U., Gerichtsverfassung und
Rechtsschutz in der DDR, 1966; Weinkauff, H./Wagner, A., Die Umgestaltung der
Gerichtsverfassung und des Verfahrens- und Richterrechts im
nationalsozialistischen Staat, 1968; Weiss, U., Die Gerichtsverfassung in
Oberhessen, 1979; Schubert, W., Die deutsche Gerichtsverfassung (1869-1877),
1981; Holthöfer,
E., Ein deutscher Weg zu moderner und rechtsstaatlicher Gerichtsverfassung,
1997; Lück, H., Die kursächsische Gerichtsverfassung, 1997; Holthöfer, E., Ein
deutscher Weg zu moderner und rechtsstaatlicher Gerichtsverfassung, 1997;
Grilli, A., Die französische Justizorganisation am linken Rheinufer, 1998;
Forster, M., Die Gerichtsverfassung und Zivilgerichtsbarkeit in Straubing,
Diss. jur. Regensburg 1999
Gerichtsverfassungsgesetz -> Gerichtsverfassung
Gerichtsvollzieher ist seit dem 19. Jh. der mit den Zustellungen, Ladungen und Vollstreckungen zu betrauende Beamte. Zuvor werden seine Aufgaben vom Büttel, Fronboten oder Gerichtsdiener wahrgenommen.
Lit.: Köblr, DRG 202; Kern, E.,. Geschichte des Gerichtsverfassungsrechts, 1954
Gerichtszeugnis ist vor allem die Aussage des -> Gerichts (Richter und Schöffen) über Handlungen und Ereignisse vor Gericht. Das G. wird im Hochmittelalter häufig. Es erbringt vollständigen Beweis einer Behauptung und kann nicht gescholten werden. Sachlich kann ein G. auch in einer Gerichtsurkunde enthalten sein.
Lit.: Planck, J., Das deutsche Gerichtsverfahren im Mittelalter, Bd. 2 1897, 157; Brunner, H., Abhandlungen zur Rechtsgeschichte, 1985; Kornblum, U., Das Beweisrecht des Ingelheimer Oberhofes, Diss. jur. Frankfurt am Main 1960; Battenberg, F., Reichsacht und Anleite, 1986
Germane ist der Angehörige derjenigen Völker, welche sich von den Indogermanen abgespaltet haben und die besondere gemeinsame Sprache Germanisch sprechen. Die Germanen werden vielleicht in der ersten Hälfte des 2. Jt.s v. Chr. in Norddeutschland (und Südskandinavien) sichtbar. Sie lassen sich in mehrere Großgruppen (z. B. Nordgermanen, Ostgermanen, Westgermanen, im einzelnen str.) und viele kleinere, seit 325 v. Chr. im griechisch-römischen Schrifttum genannte Völker gliedern. Ihr nicht sicher deutbarer Name ist um 90 v. Chr. bei dem antiken Schriftsteller Poseidonios erstmals bezeugt. Seit dem 1. Jh. v. Chr. dringen sie nach Süden (Teutonen 102 v. Chr. bei Aix, Kimbern 101 v. Chr. bei Vercellae von den Römern geschlagen). Im 4. Jh. überwinden sie den ab 84 n. Chr. von den Römern gegen sie errichteten Grenzwall (lat. [M.] -> limes) und brechen ab 375 in der -> Völkerwanderung in das weströmische Reich ein. 476 setzt der Söldnerführer -> Odowakar den weströmischen Kaiser Romulus Augustulus ab. Es entstehen im Zuge einer Umgestaltung der römischen Welt verschiedene Reiche einzelner, aus den G. hervorgegangener Stämme (Franken, Goten, Burgunder, Alemannen, Langobarden, Vandalen, Angelsachsen). Das Wissen über die G. entstammt im Wesentlichen den römischen Schriftstellern (Caesar, Tacitus).
Lit.: Köbler, DRG 66; Kossinna, G., Die Herkunft der Germanen, 1911; Die Germanen, hg. v. Krüger, P., 5. A. 1988; Mildenberger, G., Sozial- und Kulturgeschichte der Germanen, 2. A. 1977; Uslar, R. v., Die Germanen, 1980; Germanenprobleme aus heutiger Sicht, hg. v. Beck, H., 1986; Price, A., The Germanic Warrior Clubs, 2. A. 1996; Wolfram, H., Die Germanen, 7. A. 2002; Günnewig, B., Das Bild der Germanen und Britannier, 1998; Todd, M., Die Germanen, 2000; Pohl, W., Die Germanen, 2000; Ernst, P./Fischer, G., Die germanischen Sprachen, 2001; Krause, A., Die Geschichte der Germanen, 2002; Hermand, J./Niedermeier, M., Revolutio germanica. Die Sehnsucht nach der alten Freiheit der Germanen 1750-1820, 2002; Maier, B., Die Religion der Germanen, 2003; Arminius und die Varusschlacht, hg. v. Wiegels, R. u. a., 3. A. 2003
Germania (bzw. De origine et situ Germaniae) ist ein 98 n. Chr. (?) verfasstes Werk des römischen Schriftstellers Publius Cornelius Tacitus (um 55 - nach 115, 97 Konsul). Die G. schildert das Naturvolk der Germanen als ein gegen den Sittenverfall in Rom nachzuahmendes Vorbild. Deshalb bedürfen die Aussagen dieser für die germanische Zeit wichtigsten Geschichtsquelle sorgfältiger Prüfung. Überliefert ist die G. durch eine Hersfelder bzw. Fuldaer, 1455 nach Italien gebrachte und dort in ihrem die G. betreffenden Teil verschollene Sammelhandschrift des 9. oder 10. Jh.s.
Lit.: Die Germania des Tacitus, hg. v. Much, R. u. a., 3. A. 1967; Beiträge zum Verständnis der Germania des Tacitus, Teil 1f., hg. v. Jankuhn, H. u. a., 1989ff.; Wolfram, H., Die Germanen, 7. A. 2002
germanisches Recht ist die Gesamtheit der bei den verschiedenen Stämmen der -> Germanen geltenden Rechtssätze. Das germanische Recht ist infolge der bescheidenen Überlieferung nur teilweise bekannt oder erschließbar. Es ist vermutlich größtenteils als Gewohnheitsrecht entstanden, wenngleich auch einzelne Rechtssetzungsakte wahrscheinlich sind. Ein mythischer Gesetzgeber ist ebensowenig anzunehmen wie ein germanischer Rechtsgott. Die einzelne, in Raum und Zeit individuelle germanische Völkerschaft behandelt ihre allgemeinen Angelegenheiten in der von einem König oder mehreren Vornehmen geleiteten -> Volksversammlung. Dort ergehen auch Urteile in Streitigkeiten. Eine allgemeine Verfolgung findet nur bei wenigen Verhaltensweisen (Volksverrat, Unzucht) statt. In der Familie steht der Hausvater an der Spitze. Die Ehe ist grundsätzlich Einehe und wird vom Gewalthaber über die Frau mit dem Mann abgeschlossen. Sie kann durch Einverständnis der Eheleute oder durch Erklärung des Mannes aufgelöst werden. Beim Tod fallen die Güter an die Kinder oder weiteren Verwandten. Ein Testament gibt es nicht. Streitig ist, ob neben Haus und Hof auch Acker und Wiese einzeln zugeordnet sind und der Berechtigte über sie verfügen kann. Die wohl seltenen Tauschgeschäfte und Vergabungen erfolgen als Handgeschäfte. Unrechtserfolge ziehen die -> Fehde nach sich, doch ist ein Ausgleich durch Leistungen, die teils an den Verletzten, teils an die Allgemeinheit gehen, möglich.
Lit.:
Wilda, W., Das Strafrecht der Germanen, 1842, Neudruck 1960; Brunner, H.,
Deutsche Rechtsgeschichte, Bd. 1 2. A. 1906, Neudruck 1958; Beyerle, F., Das
Entwicklungsproblem im germanischen Rechtsgang, 1915; Amira, K., Die
germanischen Todesstrafen, 1922; Wiebrock, I., Die Sippe bei den Germanen der
Frühzeit, 1979; Murray,
Germanic Kinship Structure, 1983; Joswig, D., Die germanische
Grundstücksübertragung, 1984; Kroeschell, K., Germanisches Recht als
Forschungsproblem, FS H. Thieme, 1986; Landau,
P., Prinzipien germanischen Rechts als Grundlage nationalistischer und
völkischer Ideologie, in: Zur Geschichte und Problematik der
Nationalphilologien in Europa, hg. v. Fürbeth, F., 1999
Germanist ist der sich mit den (Germanen und) Deutschen befassende Rechtswissenschaftler oder Sprachwissenschaftler. Er steht in Gegensatz zum Romanisten. Die Unterscheidung entwickelt sich seit dem (17. Jh. [Conring, H.], De origine iuris Germanici, 1643, Hauschild 1741, bzw.) 19. Jh. (Eichhorn, Grimm, Brunner). Sie verliert mit der Internationalisierung des Rechtes an Bedeutung.
Lit.: Marx,
H., Die juristische Methode der Rechtsfindung aus der Natur der Sache, Diss.
jur. Göttingen 1967; Gierke, O. v., Die historische Rechtsschule und die
Germanisten, 1903;
Dilcher, G./Kern, B., Die juristische Germanistik des 19. Jahrhunderts, ZRG GA
101 (1984), 1; Zur Geschichte und Problematik der Nationalphilologien in
Europa, hg. v. Fürbeth, F. u. a., 1999, 327
Gerüfte ist im mittelalterlichen deutschen Recht die durch Geschrei erfolgende Verlautbarung eines (rechtswidrigen) Geschehens (z. B. einer Vergewaltigung) oder einer drohenden Gefahr. Dem G. ist zwecks Hilfestellung Folge zu leisten. Es befreit den Rufenden von dem Verdacht der Verheimlichung.
Lit.: Söllner § 8; Köbler, DRG 70; Köbler, WAS; Grimm, J., Deutsche Rechtsaltertümer, 4. A. 1899, Neudruck 1922, 1989, 1994, 190, 517; His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 1ff. 1920ff., Neudruck 1964
Gesamtgläubigerschaft ist diejenige
Gläubigerschaft, bei welcher jeder Gläubiger die gesamte Schuld verlangen kann,
der Schuldner aber nur einmal zu leisten verpflichtet ist.
Lit.: Riedler, A. Gesamt-
und Teilgläubigerschaft, 1998
Gesamthand ist eine Mehrheit von Menschen, denen ein Sondervermögen in besonderer Art und Weise (gesamthänderisch) zusteht. Vielleicht fällt in einfachen Gesellschaften der Nachlass eines Menschen an mehrere Erben allgemein in der Art und Weise an, dass der einzelne Beteiligte über seinen Anteil am Nachlass (und einzelnen Nachlassgegenständen) nicht (allein) verfügen kann. Jedenfalls deuten die mittelalterlichen Rechtsquellen auf eine derartige Gestaltung (zu gesamter Hand) in Deutschland (-> Ganerbschaft, -> Gemeinderschaft, -> Handelsgesellschaft). In der frühen Neuzeit behandelt die Rechtswissenschaft diese Verbindungen meist als (lat. [F.]) -> societas oder -> communio. Im 19. Jh. versteht Georg -> Beseler (1809-1888) unter der G. eine Gemeinschaft, welche für bestimmte Beziehungen die Grenzen der Persönlichkeit ihrer Glieder aufhebt und dieselbe gleichmäßig über die den Gliedern gemeinsam gewordene Rechtssphäre erweitert, ohne dass jedoch ein neues selbständiges Rechtssubjekt in der Vereinigung begründet wird. Nach dem Protest Otto von -> Gierkes (1888/9), dass ein Bürgerliches Gesetzbuch, das deutsch sein wolle, den deutschen, sozialen Gemeinschaftsgedanken nicht aus dem Recht weisen dürfe, wird die G. als Prinzip, als dessen Kennzeichen die gemeinsame Verfügung der mehreren Beteiligten über den Gegenstand und die Anwachsung der Berechtigung beim Wegfall eines Beteiligten (an die Berechtigungen der Verbleibenden) angesehen werden, an einzelnen Stellen noch in die in Kraft gesetzte Fassung des deutschen -> Bürgerlichen Gesetzbuches (1. 1. 1900) aufgenommen (Gesellschaft, eheliche Gütergemeinschaft, Erbengemeinschaft). Die G. ist nicht juristische Person. Ihre rechtliche Gestaltung ist streitig.
Lit.:
Hübner 154, 250, 570, 680; Kroeschell, DRG 2, 3; Köbler, DRG 122, 207; Gierke,
O., Das deutsche Genossenschaftsrecht, Bd. 2 1873, 923; Buchda, G., Geschichte
und Kritik der deutschen Gesamthandslehre, 1936;
Wächter, T., Die Aufnahme der Gesamthandsgemeinschaften in das Bürgerliche
Gesetzbuch, 2002
Gesamtrechtsnachfolge (Universalsukzession) ist die Nachfolge in einen Inbegriff von Vermögensgegenständen ohne einzelne Übertragungsakte. Sie ist schon dem römischen Recht bei der -> Erbfolge bekannt. An tatsächlicher Bedeutung wird sie aber von der im übrigen vorgesehenen Einzelrechtsnachfolge übertroffen.
Lit.: Kaser § 65 II; Köbler, DRG 37, 59, 210; Eisenhardt, U., Deutsche Rechtsgeschichte, 2. A. 1995, 93
Gesamtschuld ist diejenige Schuld, welche mehrere in der Weise schulden, dass jeder die ganze Leistung zu bewirken verpflichtet, der Gläubiger aber die Leistung insgesamt nur einmal zu fordern berechtigt ist. Sie ist bereits dem klassischen römischen Recht (lat. [N.] [debitum] in solidum) bekannt. Wegen ihrer Brauchbarkeit für den Gläubiger mehrerer Schuldner hat sie sich bis zur Gegenwart behauptet.
Lit.: Kaser § 56 II 1; Köbler, DRG 44; Ehmann, H., Die Gesamtschuld, 1972; Winter, H., Teilschuld, Gesamtschuld und unechte Gesamtschuld, 1985; Wesenberg, G./Wesener, G., Neuere deutsche Privatrechtsgeschichte, 4. A. 1985, 51 (Solidarität)
Gesandter ist der diplomatische Vertreter eines Staates bei einem anderen Staat oder einer internationalen Organisation. Bereits im römischen Recht ist der fremde Gesandte unverletzlich. Im 15. Jh. wird in Italien der ständige Gesandte geschaffen. Im 19. Jh. wird das diesbezügliche Völkerrecht genauer ausgestaltet (Wiener Reglement vom 19. 3. 1815, Aachener Protokoll vom 21. 11. 1818, danach Wiener Übereinkommen vom 18. 4. 1961).
Lit.: Krauske, O., Zur Entwicklung der ständigen Diplomatie, 1885; Menzel, V., Deutsches Gesandtschaftswesen im Mittelalter, 1892; Cuttino, G., English Medieval Diplomacy, 1985; Ziegler, K., Völkerrechtsgeschichte, 1994
Geschäftsfähigkeit ist die Fähigkeit, mit rechtlicher Wirkung durch eigene Handlung Rechtsgeschäfte vorzunehmen. Sie wird bereits vom römischen Recht dem Kind (lat. [M.] infans) (unter 7) abgesprochen. Der etwas ältere Unmündige (lat. [M.] impubes infantia maior) kann rechtlich unvorteilhafte Geschäfte nur mit Einverständnis des Vormundes vornehmen. Um 200 v. Chr. sieht eine (lat.) lex (F.) Laetoria vor, dass die noch nicht 25jährigen geschützt werden, woraus die Möglichkeit entwickelt wird, durch Wiederherstellung des früheren Zustandes (lat. in integrum restitutio [F.]) die Leistungen und sonstigen benachteiligenden Maßnahmen wieder rückgängig zu machen. Im germanischen Recht steht das Kind bis zu seiner Verselbständigung unter der Hausgewalt des Hausvaters oder bis zur Wehrhaftmachung bzw. Geschlechtsreife unter der Hausgewalt des Vormundes. Zwar sind die Geschäfte von Unmündigen wohl an sich wirksam, aber die Unmündigen können die von ihnen oder vom Inhaber der Personalgewalt getätigten Geschäfte nach Erreichen der Mündigkeit widerrufen und umgekehrt Geschäfte, durch die sie verpflichtet werden, nicht erfüllen, solange ihr Vermögen von einem Gewalthaber verwaltet wird. Mit der Aufnahme des römischen Rechts seit dem Spätmittelalter werden dessen Regeln (abgeändert) übernommen. Geschäfte der Geschäftsunfähigen sind nichtig (Kinder unter 7, Entmündigte, Geisteskranke), Geschäfte der beschränkt Geschäftsfähigen bedürfen der Genehmigung des gesetzlichen Vertreters, soweit sie nicht lediglich rechtlich vorteilhaft sind. Der Ausdruck G. wird am 12. 7. 1875 in Preußen verwendet.
Lit.: Kaser
§ 14 I; Hübner 55; Köbler, DRG 160, 207; Knothe, H., Die Geschäftsfähigkeit
der Minderjährigen, 1983
Geschäftsführung ohne Auftrag ist ein gesetzliches, unvollkommen zweiseitiges Schuldverhältnis, das dadurch entsteht, dass ein Geschäftsführer (ohne Auftrag) für einen anderen (Geschäftsherrn) ein Geschäft besorgt, obwohl zwischen ihnen noch kein Rechtsverhältnis (Auftrag) besteht. Die G. o. A. (lat. negotia [N.Pl.] gesta, geführte Geschäfte) ist im römischen Recht entsprechend ihrer Stellung im Edikt des Prätors vermutlich von der Vertretung im Rechtsstreit ausgegangen. Die Verpflichtungen aus der Tätigkeit (Herausgabe des vom Geschäftsführer Erlangten, Ersatz der Aufwendungen des Geschäftsführers) werden wie beim Auftrag auf die Treue (lat. [F.] fides) begründet. Justinian ordnet die G. o. A. als Quasikontrakt ein. Mit der Aufnahme des römischen Rechtes wird die G. o. A. als gesetzliches Schuldverhältnis in Deutschland übernommen.
Lit.: Kaser § 44 II; Söllner § 9; Köbler, DRG 47; Wollschläger, C., Die Geschäftsführung ohne Auftrag, 1976; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1 1985, § 98
Geschäftsgrundlage -> clausula rebus sic stantibus
Lit.: Zirker, M., Vertrag
und Geschäftsgrundlage, 1996; Reiter, C., Vertrag und Geschäftsgrundlage im
deutschen und italienischen Recht, 2002
Geschäftsordnung ist die einer Geschäftsführung einer
Gruppe von Menschen zugrundegelegte Ordnung.
Lit.: Hayungs, C., Die
Geschäftsordnung des hannoverschen Landtages, 1999
Geschäftsunfähigkeit -> Geschäftsfähigkeit
Geschäftszeuge ist der zu einem Geschäft als -> Zeuge zugezogene Mensch. Er findet sich bereits im frühen römischen und im germanischen Recht. Mit Vordringen der Schriftlichkeit verliert er seit dem Hochmittelalter an Bedeutung.
Lit.: Ruth, R., Zeugen und Eideshelfer, 1922
Geschichte ist das in der Dimension Zeit
Geschehene und die damit befasste Wissenschaft. Besondere Gebiete der G. sind
beispielsweise das Recht, die Gesellschaft oder die Wirtschaft. Methode der G.
ist das Verstehen des Vergangenen durch den gegenwärtigen Betrachter.
Lit.: Fuchs, K./Raab, H.,
Wörterbuch Geschichte, 11. A. 1998; Baumgart, W., Bücherverzeichnis zur
deutschen Geschichte, 7. A. 1988; Brandt, A., Werkzeug des Historikers, 14. A.
1996; Simon, C., Historiographie, 1996; Demandt, A., Geschichte der Geschichte,
1997; Burkardt, J., Die historischen Hilfswissenschaften in Marburg, 1997;
Iggers, G., Deutsche Geschichtswissenschaft, 4. A. 1997; Hauptwerke der
Geschichtsschreibung, hg. v. Reinhardt, V., 1997; Das europäische Geschichtsbuch,
1998; Kirste, S., Die Zeitlichkeit des positiven Rechts, 1998; Goetz, H.,
Geschichtsschreibung und Geschichtsbewusstsein, 1999; Das Jahrtausend im
Spiegel der Jahrhunderte, hg. v. Gall, L., 1999; Chun, J., Das Bild der Moderne
in der Nachkriegszeit, 2000; Geschichtskultur, hg. v. Mütter, B. u. a., 2000;
Mehl, A., Römische Geschichtsschreibung, 2001; Kompass der
Geschichtswissenschaft, hg. v. Lottes, G. u. a., 2001; Internet-Handbuch
Geschichte, hg. v. Jenks, S. u. a., 2001; Wolfrum, E., Geschichte als Waffe,
2001; Die Nation schreiben, hg. v. Conrad, C. u. a., 2002; Geschichtswissenschaft um 1950, hg. v. Duchhardt, H., 2002; Lexikon
Geschichtswissenschaft, hg. v. Jordan, S., 2002Fellner, F.,
Geschichtsschreibung und nationale Identität, 2002; Formen römischer
Geschichtsschreibung von den Anfängen bis Livius, hg. v. Eigler, U., 2003
Geschmacksmuster ist ein ästhetisch wirkendes gewerbliches Muster oder Modell, welches durch Gesetz zugunsten des Urhebers besonders geschützt ist. Seine Anfänge gehen auf Zunftordnungen in Florenz (1418), Genf (1432), Flandern und Burgund zurück. Staatliche Regelungen werden im 18. Jh. in Frankreich (1711, 1744) und England (1787) erlassen. Eine Unterscheidung zwischen Kunstwerk und G. findet Frankreich (1787, 1806). In Deutschland wird am 11. 1. 1876 das Geschmacksmustergesetz geschaffen.
Lit.: Schmid, P., Die Entwicklung des Geschmacksmusterschutzes, 1896; Werner, H., Die Geschichte des deutschen Geschmacksmusterrechtes, Diss. jur. Erlangen 1954
Geschworener (lat. [M.] iuratus) ist der Mensch, der einen Schwur (-> Eid) abgelegt hat (, eine Handlung rechtmäßig auszuführen). Geschworene treten im römischen Recht und auch im Frühmittelalter im deutschen Recht auf. Insbesondere Inhaber eines Amtes müssen einen Eid leisten, ihr Amt rechtmäßig auszuüben (z. B. Richter, Schöffe, Bürgermeister, Ratmann). Im 19. Jh. wird das -> Schwurgericht mit besonderen Geschworenen besetzt.
Lit.: Söllner §§ 8, 9, 11; Köbler, DRG 263; Biener, F., Beitrag zur Geschichte des Inquisitionsprozesses und der Geschworenengerichte, 1827, Neudruck 1965; Gneist, R. v., Die Bildung der Geschworenengerichte in Deutschland, 1849, Neudruck 1967; Kern, E., Geschichte des Gerichtsverfassungsrechts, 1954; Behrends, O., Die römische Geschworenenverfassung, 1970; Kleinz, A., Individuum und Gemeinschaft in der juristischen Germanistik, 2001
Geselle ist ursprünglich derjenige, der im selben Raum lebt. Im 18. Jh. wird G. zur Bezeichnung des Handwerkers, der nach einer Lehrzeit eine Prüfung bestanden hat und noch nicht Meister ist.
Lit.: Köbler, WAS; Schanz, G., Zur Geschichte der deutschen Gesellenverbände, 1877; Wissel, R./Hahm, K., Des alten Handwerks Recht und Gewohnheit, Bd. 1ff. 2. A. 1981; Schulz, K., Handwerksgesellen und Lohnarbeiter, 1985
Gesellschaft ist eine Gesamtheit von Menschen, insbesondere im Privatrecht die Vereinigung mehrerer Menschen (ausnahmsweise auch die Tätigkeit eines einzigen Menschen) durch Rechtsgeschäft zur Erreichung eines (gemeinsamen) Zweckes. Im altrömischen Recht schließt sich die G. an die Hauserbengemeinschaft (lat. [N.] -> consortium) an. Daneben entwickelt sich in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten ein formfreier Zusammenschluss zu gemeinschaftlichen Handelsunternehmungen. Aus beiden entsteht die G. (lat. [F.] -> societas). Wohl auch im Anschluss an die Miterbengemeinschaft bilden sich im Hochmittelalter vertragliche Zusammenschlüsse zu Handelszwecken unterschiedlicher Ausgestaltung (stille G., offene G., beschränkte Haftung, unbeschränkte Haftung, Mitarbeit, Kapitaleinsatz). Hieraus werden allmählich die offene Handelsgesellschaft, die Kommanditgesellschaft und die stille G. Nach Entdeckung der Neuen Welt bewirken hoher Kapitalbedarf und großes Risiko die Ausbildung der -> Aktiengesellschaft (Anfang 17. Jh.). Im 19. Jh. wird das Recht der G. genauer geregelt. 1892 wird durch Gesetz eine besondere -> G. mit beschränkter Haftung geschaffen. Die Grundform der nichtrechtsfähigen G. wird im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch (1900) als -> Gesamthand ausgestaltet. In der zweiten Hälfte des 20. Jh.s wird zunächst bei der G. mit beschränkter Haftung die -> Einmanngesellschaft zugelassen.
Lit.: Kaser
§ 43; Hübner § 41; Köbler, DRG 14, 17, 29, 45, 46, 51, 64, 67, 98, 121, 135,
146, 167, 176, 207, 225, 252; Köbler, WAS; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2
1975, 801; Goldschmidt, L., Universalgeschichte des Handelsrechts, (Bd. 1 3.
A.) 1891, Neudruck 1957; Lehmann, K., Die geschichtliche Entwicklung des
Aktienrechts, 1895, Neudruck 1968; Weber, M., Zur Geschichte der
Handelsgesellschaften, 1898; Lévy-Bruhl, H., Histoire juridique des Sociétés de
Commerce en France, 1938; Lutz, E., Die rechtliche Struktur süddeutscher
Handelsgesellschaften, 1976; Servos, R., Die Personenhandelsgesellschaften und
die stille Gesellschaft, Diss. jur. Köln 1984; Weißen-Micus, M., Tatbestandsmerkmale
des Gesellschaftsvertrags im 19. Jahrhundert, 1985; Coing, H., Europäisches
Privatrecht, Bd. 1 1985, § 107; Misera, K., Klagen manente societate, FS R.
Nirk, 1992, 697;
Cordes, A., Spätmittelalterlicher Gesellschaftshandel im Hanseraum, 1998; Hartung,
W., Geschichte und Rechtsstellung der Compagnie in Europa, Diss. jur. Bonn
2000; Hofmeister, J., Die Entwicklung des Gesellschafterwechsels, 2002
Gesellschaft mit beschränkter Haftung ist eine rechtsfähige Kapitalgesellschaft, welche 1892 im Deutschen Reich durch besonderes Gesetz geschaffen wird und welche im 20. Jh. beachtliche Verbreitung erfährt.
Lit.: Kroeschell, 20. Jh.; Köbler, DRG 218, 272; Schubert, W., Die Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Quaderni Fiorentini 11/12 (1982/3), 589; Stroth, R.., Das Recht der GmbH, Diss. jur. Tübingen 1991; Stupp, M., GmbH-Recht im Nationalsozialismus, 2002
Gesellschaftsrecht ist die Gesamtheit der (handelsrechtliche) -> Gesellschaften betreffenden Rechtssätze. Das G. verselbständigt sich als besonderes Rechtsgebiet seit dem 19. Jh.
Lit.: Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,3,2969; Neuere Tendenzen im Gesellschaftsrecht, hg. v. Crone, H. v. d., 2003
Gesellschaftsvertrag ist politisch der von den Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft zur Beseitigung des Kampfes aller gegen alle (idealtypisch) geschlossene Vertrag (Jean Jacques -> Rousseau, [frz.] contrat [M.] social), privatrechtlich der zwischen den Gesellschaftern einer -> Gesellschaft abgeschlossene Vertrag.
Lit.: Söllner § 9; Köbler, DRG 191; Crezelius, G., Neuzeitliche Gesellschaftsverträge, 1987
Gesetz ist die abstrakte und allgemeine, in einem festgelegten Verfahren durch Festsetzung geschaffene rechtliche Regelung. Sein Kern ist die bewusste Festsetzung eines Inhaltes durch besondere Handlung. Als G. erscheint - (nach dem Codex des babylonischen Königs -> Hammurapi (1728-1686 v. Chr.),) nach den Festsetzungen -> Lykurgs, -> Solons und -> Drakons in griechischen Stadtstaaten sowie nach sagenhaften römischen Königsgesetzen - in Rom 451/450 v. Chr. in das -> Zwölftafelgesetz (lat. lex [F.] duodecim tabularum). In der Folge gibt es zahlreiche römische, jeweils nach ihrem Urheber benannte Einzelgesetze (-> lex). Seit Augustus (63 v. Chr. - 14 n. Chr.) greift der Herrscher (Prinzeps, Kaiser) vielfach zur Festsetzung (lat. [F.] constitutio), um das Recht zu gestalten. Dabei werden am Ende des Altertums umfassende Gesetzbücher (lat. [M.Pl.] codices) in Kraft gesetzt (-> Codex Theodosianus, -> Codex). Demgegenüber ist bei den Germanen die Setzung von Recht wohl selten. Die fränkischen Herrscher schließen deshalb in Konstitutionen und Kapitularien eher an römische Vorbilder an. Im 12. Jh. tritt der Setzungsgedanke wieder hervor (-> Landfriede). Er bleibt im Heiligen Römischen Reich aber wegen der Schwerfälligkeit des Gesetzgebungsverfahrens eher Ausnahme. Dagegen wird der absolutistische Landesherr vielfach gesetzgeberisch tätig. Die gewichtigsten Zeugnisse dieses Wirkens sind die -> Polizeiordnungen, -> Reformationen und vor allem die naturrechtlichen Gesetzbücher (-> Kodifikationen) der Wende vom 18. zum 19. Jh. (ALR, ABGB, Cc). Mit dem 19. Jh. beginnt eine noch immer steigende, vom Rechtsstaatsgedanken nicht unwesentlich beeinflusste Gesetzesflut.
Lit.:
Dulckeit/Schwarz/Waldstein; Köbler, DRG 4, 6, 31, 50, 52, 78, 101, 138, 181,
189, 199, 254; Köbler, WAS; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2 1975, 863;
Schubert, A., Augustins Lex-aeterna-Lehre, 1924; Wengler, L., Die Quellen des römischen
Rechts, 1953; Ebel, W., Geschichte der Gesetzgebung in Deutschland, 2. A. 1958,
Neudruck 1988; Gagnér, S., Studien zur Ideengeschichte der Gesetzgebung, 1960;
Kirschenmann, D., „Gesetz“ im Staatsrecht und in der Staatsrechtslehre des
Nationalsozialismus, 1970; Köbler, G., Das Recht im frühen Mittelalter, 1971;
Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen
Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff.; Willoweit, D.,
Gesetzespublikationen und verwaltungsinterne Gesetzgebung, Gedächtnisschrift H.
Conrad, 1979, 601;
Berman, H., Law and Revolution, 1983; Zum römischen und neuzeitlichen
Gesetzesbegriff, hg. v. Behrends, O. u. a., 1987; Karpen, U., Entwicklung
des Gesetzesbegriffes in Deutschland, Gedächtnisschrift W. Martens, 1987;
Hattenhauer, H., Richter und Gesetz (1919-79), ZRG GA 106 (1989), 46; Das
Gesetz in Spätantike und Frühmittelalter, hg. v. Sellert, W., 1992; Nomos und
Gesetz, hg. v. Behrends, O. u. a., 1995; Klemmer, M., Geseetzesbindung und
Richterfreiheit, 1996; Schilling, L., Gesetzgebung im Frankreichs Ludwigs
XIII., Ius commune 24 (1997), 91; Simon, T.,
Krise oder Wachstum?, FS K. Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997; Gesetz und Gesetzgebung
im Europa der frühen Neuzeit, hg. v. Dölemeyer, B. u. a., 1998; Weber, R., Das
Gesetz bei Philon von Alexandria und Flavius Josephus, 2001; Igwecks, T., Die
drei Lesungen von Gesetzen im deutschen Bundestag, 2002; Elster, M., Die
Gesetze der mittleren römischen Republik, 2003
Gesetzblatt ist das amtliche Druckwerk, in dem Gesetze (und Rechtsverordnungen) zu veröffentlichen sind (z. B. 1849 Österreich Reichsgesetzblatt).
Lit.: Silvestri, G., Die deutschsprachigen Gesetzblätter Österreichs, 1967; Willoweit, D., Gesetzespublikationen und verwaltungsinterne Gesetzgebung in Preußen vor der Kodifikation, Gedächtnisschrift H. Conrad 1979, 601
Gesetzbuch ist das umfassende Gesetz. Es findet sich bereits im Altertum (Codex Theodosianus, Codex Justinianus). Danach erscheint es wieder in der frühen Neuzeit (ALR, Code civil, ABGB usw.).
Gesetzesauslegung -> Auslegung, -> Interpretation, -> Gesetz
Lit.: Wesel, U., Rhetorische Statuslehre und Gesetzesauslegung der römischen Juristen, 1967; Pauly, S., Organisation, Geschichte und Praxis der Gesetzesauslegung des königlich preußischen Oberverwaltungsgerichts 1875-1933, 1987
Gesetzespositivismus ist diejenige Form des Positivismus im Recht, welche im letzten Drittel des 19. Jh.s das Recht allein auf das den Volkswillen verkörpernde -> Gesetz gründet. Der G. geht davon aus, dass das ordnungsmäßige Zustandekommen des Gesetzes Willkür ausschließt und Gerechtigkeit gewährleistet. Deshalb bindet er den Richter fest an das Gesetz.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2, 3; Köbler, DRG 189
Gesetzessammlung, Gesetzsammlung, ist die Zusammenstellung von einzelnen Gesetzen zwecks Vermehrung der Rechtssicherheit. Sie erfolgt im Altertum zunächst privat (-> Codex Gregorianus 294, -> Codex Hermogenianus) und danach im besonderen Gesetzbuch (-> Codex Theodosianus, -> Codex). Auch in der Neuzeit erweisen sich teils amtliche, teils private Gesetzessammlungen als notwendig oder sinnvoll.
Lit.: Köbler, DRG 181; Codex Austriacus, 1704, 1748, 1752, 1777; Justizgesetzsammlung (Österreichs), 1780-1848; Politische Gesetzsammlung (Österreichs) 1793-1848; Quellensammlung zum deutschen Reichsstaatsrecht, hg. v. Triepel, H., 5. A. 1931
Gesetzessprecher ist der für Island (930-1262/71) gesicherte bzw. abgeändert auch für Norwegen (um 1100) und Schweden wahrscheinliche, auf Zeit oder Lebenszeit gewählte Rechtskundige, der in der Volksversammlung (-> Ding) das Recht mündlich vorträgt. Die Herkunft des Gesetzessprechers ist unbekannt. In Island verschwindet der G. im 13. Jh. wieder.
Lit.: Köbler, DRG 70; Maurer, K., Das Alter des Gesetzessprecheramtes in Norwegen, FG L. Arndt, 1875, 1; Schröder, R., Gesetzsprecheramt und Priestertum bei den Germanen, ZRG GA 4 (1883), 215; Haff, K., Der germanische Rechtssprecher als Träger der Kontinuität, ZRG GA 66 (1948), 364; Rehfeldt, B., Saga und Lagsaga, ZRG GA 72 (1955), 34; See, K. v., Altnordische Rechtswörter, 1964, 44, 82, 107, 195
Gesetzesumgehung -> Umgehungsgeschäft
Lit.: Schröder, J., Gesetzesauslegung und Gesetzesumgehung, 1985
Gesetzgeber ist der Urheber eines -> Gesetzes. In monarchisch geprägten Zeiten ist dies der -> Monarch (z. B. Augustus, Diokletian, Justinian), in demokratisch strukturierten Gesellschaften das -> Parlament als die Vertretung des Volkes.
Lit.:
Lieberich, H., Kaiser Ludwig der Baier als Gesetzgeber, ZRG GA 76 (1959), 173;
Archi, G., Giustiniano legislatore, 1970; Hesse, H., Gesetzgeber und
Gesetzgebung in Bayern 1848-1870, 1984; Kipper, E., Johann Paul Anselm
Feuerbach, 2. A. 1989;
Hölkeskamp, K., Schiedsrichter, Gesetzgeber und Gesetzgebung, 1999; Miersch,
M., Der sogenannte réferé législatif. Eine Untersuchung zum Verhältnis
Gesetzgeber, Gesetz und Richtermat, 2000
Gesetzgebung ist die Schaffung eines (formellen) -> Gesetzes. Sie ist im Altertum in erheblichem Umfang üblich. Im Frühmittelalter ist sie möglich. Im Hochmittelalter wird sie verstärkt aufgegriffen. Die größte Bedeutung erlangt sie seit dem Absolutismus und der Aufteilung der Gewalten sowie der Anerkennung des Rechtsstaats.
Lit.:
Köbler, DRG 191; Ebel, W., Geschichte der Gesetzgebung in Deutschland, 2. A.
1958, Neudruck 1988; Hattenhauer, H., Die Bedeutung der Gottes- und
Landfrieden, Diss. jur. Marburg 1958; Gagnér, S., Studien zur Geschichte der
Gesetzgebung, 1960; Mühl, M., Untersuchungen zur altorientalischen und
althellenischen Gesetzgebung, 1963; Wolf, A., Typen der Gesetzgebung im
Mittelalter, Ius commune 1 (1967); Vanderlinden, J., Le concept de code en
Europe occidentale, 1967; Birtsch, G., Gesetzgebung und Repräsentation im
späten Absolutismus, HZ 208 (1969), 265; Köbler, G., Das Recht im frühen
Mittelalter, 1971; Dilcher, H., Die sizilianische Gesetzgebung Kaiser
Friedrichs II., 1975; Ziller, G., 30 Jahre Bundesgesetzgebung, in: Bulletin der
Bundesregierung 11. September 1979, Nr. 103, 960; Kussmaul, P., Pragmaticum und
lex, 1981; Kocher, G., Zur Funktion der Gesetzgebung im 18. Jahrhundert, in:
Das achtzehnte Jahrhundert, Bd. 1 1983, 44; Jakobs, H., Wissenschaft und
Gesetzgebung im bürgerlichen Recht, 1983; Gesetzgebung als Faktor der
Staatsentwicklung, 1984; Biesemann, J., Das Ermächtigungsgesetz als Grundlage
der Gesetzgebung im nationalsozialistischen Staat, 1985; Renaissance du pouvoir
législatif et génèse de l´État, hg. v. Gouron, A. u. a., 1988; Wolf, A.,
Gesetzgebung in Europa 1100-1500, 2. A. 1996; Simon, T., Krise oder
Wachstum? FS K. Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997; Ullrich, N., Gesetzgebungsverfahren
und Reichstag, 1996; Gesetz und Gesetzgebung in der frühen Neuzeit, hg. v.
Dölemeyer, B. u. a., 1998; Legislation und Justice, hg. v. Padoa Schioppa, A. u.
a., 1995; Fuhrmann, J., Theorie und Praxis in der
Gesetzgebung des Spätmittelalters in Deutschland, 2001; Prudentia legislatoria,
hg. v. Maier, H. u. a., 2003
gesetzlicher Richter ist
der vom Gesetz durch allgemeine Regeln festgelegte zuständige Richter. Mit
dieser Einrichtung soll im Rechtsstaat unlauterer persönlicher Einflussnahme vorgebeugt
werden. Nach älteren, bis ins Mittelalter zurückreichenden Ansätzen wird sie in
den Verfassungen des 19. Jh.s verwirklicht (Baden 1818 ordentlicher Richter,
Hessen 1820 g. R.).
Lit.: Köbler, DRG 200; Kern,
E., Der gesetzliche Richter, 1927; Scupin, H., Der gesetzliche Richter im
Bonner Grundgesetz, Diss. jur. Tübingen 1963; 2003;
Seif, U., Recht und Justizhoheit, 2003
Gesetzmäßigkeit der Verwaltung ist die Bindung der Tätigkeit der staatlichen Verwaltungsbehörden an rechtliche Vorschriften. Die G. d. V. wird erstmals 1810 von W. J. Behr zur Verhinderung übermäßiger Einschränkungen der menschlichen Handlungsfreiheit eingefordert (System der allgemeinen angewandten Staatslehre).
Lit.: Kroeschell, DRG 3; Köbler, DRG 199
Gesinde ist die Gesamtheit der in einem Hauswesen beschäftigen und der Personalgewalt des Hausvaters unterstehenden Dienstboten (um 1800 10% der Bevölkerung). Zu unterscheiden ist dabei zwischen unfreiem und freiem G. Für das unfreie G. gelten zunächst die allgemeinen Regeln der -> Grundherrschaft. Für das freie G. entwickeln sich in den Städten im Spätmittelalter besondere Gesindevorschriften (z. B. Freiberg um 1300). Im 18. Jh. werden zahlreiche Gesindeordnungen erlassen und werden dann auch in Kodifikationen allgemeine Regeln festgelegt.
Lit.:
Köbler, DRG 127; Köbler, WAS; Hertz, G., Die Rechtsverhältnisse des freien
Gesindes, 1881, 2. A. 1935; Kähler, W., Gesindewesen und Gesinderecht in
Deutschland, 1896; Könnecke, O., Rechtsgeschichte des Gesindes in West- und
Süddeutschland, 1912, Neudruck 1970; Vormbaum, T., Politik und Gesinderecht im
19. Jahrhundert, 1981; Haus und Familie in der spätmittelalterlichen Stadt, hg.
v. Haverkamp, A., 1984; Schröder, R., Das Gesinde war immer frech und
unverschämt, 1992;
Dürr, R., Gesinde in der Stadt, 1995; Gesinde im 18. Jahrhundert, 1995
gesta (N.Pl.) municipalia (lat.) sind im ausgehenden Altertum gemeindliche Verzeichnisse oder öffentliche Akten.
Lit.: Hirschfeld, B., Die gesta municipalia, Diss. Marburg 1904; Recht und Schrift im Mittelalter, hg. v. Classen, P., 1977
Geständnis (lat. [F.] confessio) ist das Eingestehen der Wahrheit einer von einem anderen behaupteten Tatsache durch einen Verfahrensbeteiligten. Das G. gehört, weil es weiteren Streit entbehrlich macht, schon in die Anfänge des Verfahrensrechts. Dort wird es später als Königin der Beweismittel angesehen. Seiner Erzielung dient lange die -> Folter.
Lit.: Kaser § 84 I 2; Köbler, DRG 117; Beyerle, F., Das Entwicklungsproblem im germanischen Rechtsgang, 1914, 400; Kleinheyer, G., Zur Rolle des Geständnisses im Strafverfahren, Gedächtnisschrift H. Conrad, 1980, 367ff.
Gestapo (geheime Staatspolizei) ist die aus meist fähigen und harten, dem Staat aus Überzeugung dienenden, selbst vor brutalsten Maßnahmen nicht zurückschreckenden Polizisten zusammengesetzte politische Polizei (z. B. im nationalsozialistischen Deutschen Reich).
Lit.:
Kroeschell, DRG 3; Weyrauch, W., Gestapo V-Leute, 1989; Gellately, R., Die
Gestapo und die deutsche Gesellschaft, 2. A.
1994; Heuer, H., Geheime Staatspolizei, 1995; Die Gestapo, hg. v. Paul, G. u.
a., 1995; Johnson, E., Nazi Terror, 1999;
Stolle, M., Die Geheime Staatspolizei in Baden, 2001
gestio (lat. [F.]) Betragen, Führung
gesundes Volksempfinden ist im Dritten Reich (1933-45) die der Ideologie entsprechende allgemeine Anschauung, die als Korrektiv eines formaljuristisch gefundenen, dem -> Nationalsozialismus unannehmbar erscheinenden richterlichen Ergebnisses verwendet wird.
Lit.: Rückert, J., Das „gesunde Volksempfinden“ - eine Erbschaft Savignys, ZHF 10 (1983), 199
geteiltes Eigentum
ist das an mindestens zwei in unterschiedlicher Stärke berechtigte Personen
aufgeteilte „Eigentum“ (z. B. Obereigentum, Untereigentum). Es
wurde vor allem von -> Thibaut (1801) abgelehnt und vom deutschen
Bürgerlichen Gesetzbuch (1900) ausgeschlossen. Es lebt in veränderter Form im
Vorbehaltseigentum, im Sicherungseigentum oder in der Wohnraummiete fort.
Lit.:
Kroeschell, 20. Jh.;
Krauss, F., Das geteilte Eigentum im 19. und 20. Jahrhundert, 1999
Gewährleistung ist das Einstehen für die Mangelfreiheit einer Sache oder eines Werkes. Sie findet sich bereits im römischen Kaufrecht (-> Wandelung, -> Minderung). Mit der Aufnahme des römischen Rechts wird sie den einheimischen Grundsatz „Augen auf, Kauf ist Kauf“ zurückdrängend übernommen.
Lit.: Kaser § 41; Hübner; Köbler, DRG 46, 214; Lautner, J., Grundsätze des Gewährleistungsrechts, 1937
Gewährschaft ist das Einstehen des Veräußerers einer Sache für den Fall, dass ein Dritter von dem Erwerber die Sache herausverlangt. Im römischen Recht erhält der Erwerber aus der (lat. [F.]) mancipatio das Recht, in einem solchen Fall den Veräußerer als seinen (lat. [M.]) auctor zu prozessualer Beistandschaft zu veranlassen, um die Sache gegen den Dritten zu verteidigen. Verweigert der Veräußerer die Unterstützung oder erteilt er sie erfolglos, so dass der Dritte die Sache erhält, so haftet der Veräußerer dem Erwerber auf den doppelten Kaufpreis. Außerhalb der (lat. [F.]) mancipatio wird dieses Ergebnis durch eine vertragliche Abrede auf Leistung des doppelten Kaufpreises erreicht. Im deutschen Recht entwickelt sich im Frühmittelalter (str.) eine Gewährschaftsbürgschaft und daraus eine allgemeine G.
Lit.: Kaser § 41 V; Hübner 577f.; Rabel, E., Die Haftung des Verkäufers wegen Mangels im Recht, 1902; Gillis, F., Gewährschaftszug und laudatio auctoris, 1911; Partsch, G., Zur Entwicklung der Rechtsmangelhaftung des Veräußerers, ZRG GA (1960), 87
Gewalt ist der Einsatz von Kraft zur Erreichung eines Zieles sowie die Möglichkeit hierzu. Der moderne Staat strebt das Gewaltmonopol an. Deswegen versucht er die G. des einzelnen möglichst auszuschließen. -> väterliche Gewalt
Lit.:
Köbler, WAS; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 3 1982, 817; Böckenförde, E.,
Gesetz und gesetzgebende Gewalt, 2. A. 1981; Buisson, L., Potestas und caritas,
2. A. 1982; Wenninger, L., Geschichte der Lehre vom besonderen
Gewaltverhältnis, 1982; Richardi, H., Schule der Gewalt, 1983; Willoweit, D.,
Die Herausbildung des staatlichen Gewaltmonopols, in: Konsens und Konflikt, hg.
v. Randelzhofer, A. u. a., 1986, 313; Roth, A., Kollektive Gewalt und
Strafrecht, 1989;
Die Gewalt in der Geschichte, hg. v. Sieferle, R., 1998; Violence in Medieval
Society, hg. v. Kaeuper, R., 2000
Gewaltenteilung ist die Aufteilung der staatlichen Hoheitsgewalt in mehrere sich gegenseitig kontrollierende und beschränkende, von unterschiedlichen Menschen innegehabte Gewalten. Die Vorstellung von der Notwendigkeit der G. entsteht unabhängig von älteren Gedankengängen (z. B. Herodot, Plato, Aristoteles, Cicero) und Wirklichkeitsansätzen (römische Republik) in der frühen Neuzeit als Folge der gegen den -> Absolutismus eines Monarchen gerichteten Aufklärung. Vielleicht schon vor 1690 entwickelt John -> Locke (1632-1704) in England zur Sicherung der Freiheit des einzelnen die Trennung von ausführender Gewalt (executive power) und gesetzgebender Gewalt (legislative power) (1690 Two Treatises of Government, Zwie Abhandlungen über die Regierung). 1748 gestaltet dies Charles de Secondat Baron de la Brède et de -> Montesquieu (1689-1755) in die Dreiteilung Exekutive, Legislative und Judikative um (De l’ésprit des lois, Vom Geist der Gesetze). In Frankreich greifen dies 1789 die Déclaration des droits de l’homme et du citoyen (Erklärung der Menschenrechte und Bürgerrechte) und 1791, 1795 und 1848 die Verfassungen auf. In Deutschland nehmen die meisten Verfassungen der deutschen Einzelstaaten in ihren Text (nur) die Bestimmung auf, dass alle Gesetze der Zustimmung des Landtages bedürftig seien, welche die Freiheit oder das Eigentum der Staatsangehörigen betreffen. Später wird das Gewaltenteilungsschema leitendes Ordnungsprinzip.
Lit.: Köbler, DRG 190, 197, 200; Geschichtliche
Grundbegriffe, Bd. 2 1975, 923; Klimowski, E., Die englische
Gewaltenteilungslehre bis zu Montesquieu, 1927; Kägi, O., Zur Entstehung,
Wandlung und Problematik des Gewaltenteilungsprinzips, 1937; Imboden, M.,
Montesquieu und die Lehre von der Gewaltentrennung, 1959; Gewaltentrennung im
Rechtsstaat, hg. v. Merten, D., 1989; Pahlow, L., Justiz und
Verwaltung, 2000
Gewann ist eine vielleicht in der Grundherrschaft ausgebildete Unterteilung der Ackerflur des mittelalterlichen Dorfes in Gruppen gleichförmiger und einheitlich zu bewirtschaftender Streifen. Die Gewanne werden wegen ihrer gegenwärtigen Unwirtschaftlichkeit durch die Flurbereinigung beseitigt.
Lit.: Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 1 1957, 42
Gewerbe ist die erlaubte, auf Dauer und Gewinnerzielung (str.) gerichtete selbständige Tätigkeit. In Rom finden sich neben der Plantagenwirtschaft von Großgrundherren auch mit Hilfe von Sklaven betriebene Manufakturen für Textilien, Metallwaren und Keramik, welche noch keinen Maschineneinsatz kennen. In den Wirren des 3. Jh.s n. Chr. verfällt die gewerbliche Produktion. Sie beginnt neu in der frühmittelalterlichen Grundherrschaft (Schmied, Töpfer, Weber), gelangt aber erst in der hochmittelalterlichen Stadt zu größerer Bedeutung. Dort wird das G. in der -> Zunft organisiert und reglementiert. Im 19. Jh. löst der Liberalismus die Zwangsordnung auf und schafft die -> Gewerbefreiheit.
Lit.:
Köbler, DRG 67, 78, 97, 134, 175, 225, 250; Schulte, E., Das Gewerberecht der
deutschen Weistümer, 1909; Mannert, L., Die öffentliche Förderung der
gewerblichen Produktionsmethoden, 1930; Henning, F., Wirtschafts- und
Sozialgeschichte, Bd. 1ff. 1973f.; Vom Gewerbe zum Unternehmen, hg. v.
Scherner, K. u. a., 1982; Weyrauch, T., Städtische Amts- und Gewerbeordnungen,
1987;
Reininghaus, W., Gewerbe in der frühen Neuzeit, 1990; Ziekow, J.,
Freiheit und Bindung des Gewerbes, 1992; Kraushaar, M., Die Gewerbegerichte,
in: Arbeit und Recht, 1995, 313; Rohde,
J., Das Recht der genehmigungsbedürftigen Anlagen im Gewerbe- und
Immissionsschutzrecht von 1810, 2000
Gewerbefreiheit ist die Freiheit der gewerblichen Betätigung (Frankreich 1791, Preußen 1807/10/11/45, England 1814, Österreich 1859). Sie ist im einzelnen im Deutschen Reich durch die -> Gewerbeordnung von 1869 näher ausgestaltet.
Lit.: Köbler, DRG 175, 176; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,3,3527; Vogel, B., Allgemeine Gewerbefreiheit, 1983
Gewerbeordnung ist die rechtliche Regelung des Rechts der -> Gewerbe, insbesondere im Norddeutschen Bund das am 21. 6. 1869 geschaffene Gesetz.
Gewerbesteuer ist die vom Gewerbeertrag zu leistende Steuer.
Lit.: Köbler, DRG 55; Heni, G., Historische Analyse und Entwicklungen der Gewerbesteuer, 1991; Schnädter, H., Die Geschichte des Gewerbesteuerrechts, Diss. jur. Köln 1993
gewerblicher Rechtsschutz ist der gewerbliche Rechte betreffende Schutz durch die Rechtsordnung. Er umfasst das Recht der Patente (Venedig 1474, England 1623/4, Frankreich 1791), der Gebrauchsmuster (Deutschland 1871), der Geschmacksmuster (Frankreich 1711, Deutschland 1876), der Zeichen (Deutschland 30. 11. 1874, 12. 5. 1894, 5. 5. 1936) und des unlauteren Wettbewerbs (Deutschland 12. 5. 1894, 7. 6. 1909).
Lit.: Zimmermann, P., Frühe Beispiele aus der Welt der gewerblichen Eigentumsrechte, GRUR 69 (1969), 173; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,3,4205; Simon, J., Das allgemeine Persönlichkeitsrecht und seine gewerblichen Erscheinungsformen, 1981; Gewerblicher Rechtsschutz und Urheberrecht, hg. v. Beier, F., Bd. 1f. 1991
Gewere ist im mittelalterlichen deutschen Recht ein (sachenrechtlicher Vorgang [Einkleidung eines Menschen mit einer Sache oder einem Amt, lat. investitura] und das aus diesem Vorgang erwachsende) Verhältnis eines Menschen zu einer Sache oder einem Amt, kraft dessen der Träger vor allem rechtswidrige Zugriffe auf den Gegenstand abwehren und den Gegenstand nach Wegnahme herausverlangen darf. Die G. gilt der herrschenden Meinung als urtümliche Grundfigur des germanischen Sachenrechts. Wahrscheinlich wird sie aber im spätantiken Kirchenrecht zur Sicherung gegenüber sich wandelnden Sachenrechtsverhältnissen entwickelt. Sie wird formelhaft als Kleid (d.h. äußere Erscheinungsform) des (als gedanklichen Gebildes unsichtbaren) Sachenrechtes (z. B. Eigentum an einem Grundstück) beschrieben. Sie zeigt sich augenscheinlich beispielsweise im Innehaben und Benutzen des Gegenstandes. Der Aufteilung des Sachenrechtes auf mehrere Berechtigte (z. B. Obereigentümer, Untereigentümer) entspricht die Aufteilung in eine ideelle (unkörperliche) und eine leibliche (körperliche) G. Der G. werden eine Offensivfunktion, eine Defensivfunktion und eine Translativfunktion zugeschrieben. Mit der Aufnahme des römischen Rechts seit dem späten Mittelalter wird das Wort G. durch das zu (lat. [F.]) possessio gebildete Wort Besitz abgelöst, innerhalb dessen zwischen mittelbarem und unmittelbarem Besitz unterschieden wird.
Lit.: Hübner 198, 430; Köbler, DRG 74, 90, 123, 162; Köbler, WAS; Albrecht, W., Die Gewere, 1828; Heusler, A., Die Gewere, 1872; Huber, E., Die Bedeutung der Gewere im deutschen Sachenrecht, 1894; Levy, E., The Law of Property, 1975; Köbler, G., Die Herkunft der Gewere, TRG 43 (1975), 195; Ishikawa, T., Die Gewere im Sachsenspiegel, FS H. Thieme, 1986, 59
Gewerkschaft ist ein Zusammenschluss von Menschen zu einem gewerblichen Zweck, insbesondere im Arbeitsbereich der freiwillige Zusammenschluss von Arbeitnehmern zur Sicherung und Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen. Im Bergrecht ist die G. eine wohl im 13. Jh. aus älteren Arbeitsgenossenschaften gebildete Gesellschaftsform ohne festes Grundkapital. Die vor dem Allgemeinen Berggesetz für die Preußischen Staaten vom 24. 6. 1865 gebildete ältere bergrechtliche G. ist -> Gesamthand (mit herkömmlich 128 Wertanteilen [Kuxen] am Gesellschaftsvermögen), die G. neueren Rechts ist juristische Person mit zwischen 100 und 10000 Kuxen. Im Arbeitsrecht bildet sich aus älteren Gesellenvereinen die G. (engl. trade union) zuerst in England, wo sie durch Gesetz (Combination Laws von 1799 bzw. 1800) bis 1824 verboten wird. In Deutschland entwickelt sich die G. nach unbedeutenden Anfängen in der Mitte des 19. Jh.s als arbeitsrechtliche G. nach der Aufhebung gesetzlicher Vereinigungsverbote (Sachsen 1861, Preußen 1867, Norddeutscher Bund 21. 6. 1869 [§ 152 I Gewerbeordnung]). 1868 entsteht ein allgemeiner deutscher Arbeiterschaftsverband (von 12 sog. freien Gewerkschaften), 1869 ein Verband der deutschen Gewerkenvereine. 1890 gründen die freien Gewerkschaften die Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands (1919 Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund). 1894 entwickeln sich christliche Gewerkschaften. Nach Auflösung der freien Gewerkschaften und Einbeziehung der übrigen Gewerkschaften in die Deutsche Arbeitsfront im Dritten Reich (1933-45) wird 1949 in der Bundesrepublik der Deutsche Gewerkschaftsbund mit (16) Einzelgewerkschaften gegründet, dem die Deutsche Angestelltengewerkschaft und der Deutsche Beamtenbund zur Seite stehen. Die G. ist regelmäßig nichtrechtsfähiger -> Verein.
Lit.:
Hübner 312; Köbler, DRG 167, 177, 218, 24; Gierke, O. v., Das deutsche
Genossenschaftsrecht, Bd. 1 1868, Neudruck 1954, 971; Deutsch, J., Geschichte
der österreichischen Gewerkschaftsbewegung, Bd. 1f. 1908ff.; Weber, A., Der
Kampf zwischen Kapital und Arbeit, 6. A. 1954; Jühe, R./Niedenhoff, H./Pege,
W., Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland, 2. A. 1982; Hägermann,
D./Ludwig, K., Europäisches Montanwesen, 1986; Schulte Beerbrühl, M., Vom
Gesellenverein zur Gewerkschaft, 1991; Schneider, M., Kleine Geschichte der
Gewerkschaften, 2. A. 2000; Stadtland, H., Herrschaft nach Plan und Macht der
Gewohnheit, 2001
Gewette ist in Ostfalen im Hochmittelalter die vom Täter an den Richter zu erbringende Leistung, die neben der Leistung an den verletzten Kläger steht. -> fredus, Bann
Lit.: Friese, V., Das Strafrecht des Sachsenspiegels, 1898, 196
Gewicht -> Maß
Gewissensfreiheit ist die Freiheit der Gewissensbildung wie der Gewissensbetätigung. Sie wird in Frankreich um 1600 erkannt. Sie wird fester Bestandteil der -> Grundrechte.
Lit.: Eisenhardt, U., Deutsche Rechtsgeschichte, 2. A. 1995, 300
Gewohnheitsrecht ist das durch langdauernde Übung in der Überzeugung, damit recht zu handeln, von dem Beteiligten geschaffene Recht. Vermutlich erwachsen die ersten Rechtssätze allgemein aus Gewohnheiten und entsteht erst zusätzlich hierzu die bewusste Setzung von Recht durch -> Gesetz. In Rom wird in der Spätantike neben der kaiserlichen Konstitution auch die von Kaiser Konstantin (319) noch bekämpfte Gewohnheit (lat. [M.] mos, [F.] consuetudo) als Quelle neuen Rechtes anerkannt. Im Mittelalter wird das partikuläre G. zusammen mit einzelnen Gesetzen in -> Volksrechten und Rechtsbüchern (-> Landrechten) aufgezeichnet. In der Neuzeit wendet sich der absolute Staat mit seiner Gesetzgebung (Kodifikation) gegen das G. (vgl. Einl. § 60 zum ALR, § 10 ABGB). Auch der liberale Rechtsstaat des 19. Jh.s bevorzugt trotz der abweichenden Einschätzung durch die -> historische Rechtsschule das Gesetz. Dennoch gibt es noch in der Gegenwart gewohnheitsrechtliche Rechtsbildung.
Lit.:
Köbler, DRG 4, 52, 101, 142, 185, 227, 254; Puchta, G., Das Gewohnheitsrecht,
Bd. 1f. 1828ff.; Brie, S., Die Lehre vom Gewohnheitsrecht, 1899; Kaser, M.,
Mores maiorum und Gewohnheitsrecht, ZRG RA 59 (1939), 52; Schmiedel, B.,
Consuetudo im klassischen und nachklassischen römischen Recht, 1966; Köbler,
G., Zur Frührezeption der consuetudo in Deutschland, Hist. Jb. 89 (1969), 337;
Fürst, C., Zur Rechtslehre Gratians, ZRG KA 57 (1971), 276; Bühler, T.,
Gewohnheitsrecht, Enquête, Kodifikation, 1977; Diestelkamp, B., Das Verhältnis
vom Gesetz und Gewohnheitsrecht im 16. Jahrhundert, FS H. Thieme, 1977, 1;
Gilissen, J., La coutume, 1982; Gewohnheitsrecht und Rechtsgewohnheiten im
Mittelalter, hg. v. Dilcher, G., 1992; Overdijk,
D., De gewoonte, 1999; Geyer, P., Das Verhältnis von
Gesetzes- und Gewohnheitsrecht in den privatrechlichen Kodifikationen, Diss.
jur. Göttingen 1998
Lit.: Müller, C., Das Gewohnheitsverbrechergesetz,
1997
Gierke, Otto von (Stettin 11. 1. 1841 - Berlin 10. 10. 1921), Sohn des Stadtsyndikus von Stettin, wird nach dem Rechtsstudium in Berlin und Heidelberg und nach der Promotion (1860, Homeyer) und Habilitation in Berlin (1867, Beseler) Professor in Breslau (1871), Heidelberg (1884) und Berlin (1887). In seiner mehrbändigen Untersuchung Das deutsche Genossenschaftsrecht (Bd. 1ff. 1868ff.) unternimmt er den Versuch der Ermittlung der großen Entwicklungslinien der Geschichte der menschlichen Verbände, in seinem Deutschen Privatrecht (Bd. 1ff. 1895ff.) den Versuch der umfassenden Darstellung der deutschen Privatrechtsentwicklung aus deutschrechtlicher Sicht. Rechtspolitisch beeinflusst er die Gestaltung des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches (1900) und des deutschen Rechtes in sozialrechtlicher Richtung (Der Entwurf eines bürgerlichen Gesetzbuches und das deutsche Recht, 1888/9, -> Gesamthand).
Lit.:
Köbler, DRG 207; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967,
543; Jobs, F., Otto von Gierke und das moderne Arbeitsrecht, Diss. jur.
Frankfurt am Main, 1968; Janssen, A., Otto von Gierkes Methode der
geschichtlichen Rechtswissenschaft, 1974; Spindler, H., Von der Genossenschaft
zur Betriebsgemeinschaft, 1982; Haack, T., Otto von Gierkes Kritik,
1997; Pfennig, C., Die Kritik Otto von Gierkes, 1997; Peters, M., Die
Genossenschaftstheorie Otto von Gierkes, 2002
Gießen an der Lahn ist seit 1607 Sitz einer juristischen Fakultät.
Lit.: Köbler, G., Gießener juristische Vorlesungen 1607-1982, 1982; Köbler, G., Zur Herkunft der Gießener Rechtslehrer des 19. Jahrhunderts, FS W. Mallmann, 1978, 117; Baumgarten, M., Vom Gelehrten zum Wissenschaftler, 1988; Chroust, P., Gießener Universität und Faschismus, 1994
Gilde ist eine Vereinigung mehrerer Menschen im mittelalterlichen nördlichen Europa. Eine G. wird erstmals 688-726 in England als Empfänger von -> Wergeld erwähnt. In Skandinavien erscheint die G. im 12. Jh. Im Hochmittelalter bilden die Gewerbetreibenden Gilden. -> Zunft
Lit.:
Köbler, DRG 121; Köbler, WAS; Wilda, W., Das Gildenwesen im Mittelalter, 1831,
Neudruck 1964; Pappenheim, M., Die altdänischen Schutzgilden, 1885; Weider, M.,
Das Recht der Deutschen Kaufmannsgilden im Mittelalter, 1931; Black, A,.
Guilds, 1984; Gilden und Korporationen, hg. v. Friedland, K., 1984; Gilden und
Zünfte, hg. v. Schwineköper, B., 1985; Anz,
C., Gilden im mittelalterlichen Skandinavien, 1998
Giphanius (van Giffen), Hubert (Buren 1533/4 - Prag 1604) wird nach dem Studium in (Löwen,) Orléans, Bourges, Paris und Orléans teils gefeierter, teils umstrittener Professor in Straßburg (1570), Altdorf (1583) und Ingolstadt (1590) und 1599 Reichshofrat.
Lit.: Wolff, H., Geschichte der Ingolstädter Juristenfakultät, 1973, 134
Glanvill, Ranulf de (Suffolk um 1140? - Akkon
1190), aus normannischer (?), begüterter Familie, wird 1163 als Sheriff von
Yorkshire (bis 1170) und 1173 als Sheriff von Lancashire genannt und 1180 zum
ersten Rechtsberater (lat. [M.] capitalis iustitiarius) König Heinrichs II. von
England erhoben. Seit dem 13. Jh. wird ihm der durch mehr als 30 Handschriften
überlieferte (lat.) Tractatus (M.) de legibus et consuetudinibus regni Angliae
(Treatise on the Laws and Customs of England, Abhandlung von den Gesetzen und
Gewohnheiten Englands) zugeschrieben, eine kurze, klare, in einfachem Latein
vielleicht zwischen 1187 und 1189 verfasste Darstellung des englischen, von den
Gerichten geformten Rechtes (Buch 1-13 Zivilklagen mit 76 Formularen eines
königlichen writ [Buch 7 Erbrecht], Buch 14 Strafklagen), in dem die
römischrechtlichen und kirchenrechtlichen Einflüsse den Kern des einheimischen Rechtes nicht berühren. Der Tractatus ist
das älteste book of authority des -> common
law. Es wird von Henry de -> Bracton benutzt.
Lit.: Holdsworth, W., A History of English Law, Bd. 2 4. A. 1936, 188; Peter, H., Actio und writ, 1957, 20, 105; The Treatise on the Laws, hg. v. Hall, G., 1965; Caenegem, R. van, The Birth of the English Common Law, 2. A. 1988
Glarus ist ein seit 1352 zur Eidgenossenschaft der Schweiz gehöriges, 1803 als Kanton anerkanntes Gebiet an der Linth, das sich am 22. 5. 1887 eine Verfassung gibt.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,461; Die Rechtsquellen des Kantons Glarus, hg. v. Stucki, F., Bd. 1ff. 1983ff.; Schießer, F., Entstehung und Inhalt der Verfassung des Kantons Glarus, Jb. d. hist. Ver. d. Kantons Glarus 71 (1986)
Glaser, Julius (bzw. Josua) (Postelberg 19. 3. 1831 - Wien 26. 12. 1885), Kaufmannssohn, wird 1856/60 Strafrechtsprofessor in Wien und erarbeitet als liberaler Justizminister (1871-9) die österreichische Strafprozessordnung des Jahres 1873.
Lit.: Unger, J., Julius Glaser, 1885; Sinzheimer, H., Jüdische Klassiker der deutschen Rechtswissenschaft, 1953, 127; Juristen in Österreich, hg. v. Brauneder, W., 1987, 184
Glasgow in Schottland erhält um 548 eine erste Kirche. 1136 wird es Sitz eines Bischofs. Sein Marktrecht von 1189 wird 1689 in Stadtrecht umgewandelt. 1451 bzw. 1796 entstehen zwei Universitäten.
Lit.: Durkan, J./Kirk, J.,
The
Glaubensfreiheit ist die Freiheit, einen eigenen religiösen Glauben zu bilden und dafür zu werben. -> Religionsfreiheit
Gläubiger (lat. [M.] -> creditor) ist der aus einem Schuldverhältnis zu einer Leistung Berechtigte. Er ist bereits dem römischen Recht allgemein bekannt. Wird er benachteiligt, so gewährt der Prätor während des Vollstreckungsverfahrens die Wiederherstellung des vorherigen Zustandes (lat. -> in integrum restitutio [F.]) und nach dem Vollstreckungsverfahren ein wiederherstellendes Edikt, woraus sich bei Justinian die (lat.) -> actio (F.) Pauliana (Gläubigeranfechtungsrecht) entwickelt, welche in Deutschland seit dem Spätmittelalter aufgenommen und mit ähnlichen Gestaltungen des mittelalterlichen Stadtrechts verbunden wird.
Lit.: Kaser § 32 I; Hübner; Oertel, R., Entwicklung und Bedeutung des Grundsatzes anteiliger Gläubigerbefriedigung im älteren deutschen Recht, 1901; Schultze, A., Über Gläubigeranfechtung und Verfügungsbeschränkungen des Schuldners, ZRG GA 41 (1920), 210
Gläubigerbenachteiligung ist die bereits dem römischen Recht bekannte, durch Verschiebung von Vermögensteilen des Schuldners erfolgende Benachteiligung von Gläubigern. Ihr sollen besondere gesetzliche Regeln (Anfechtungsgesetz) entgegenwirken.
Lit.: Kaser § 9 III
Gläubigerverzug ist die bereits dem römischen Recht bekannte Verzögerung der Erfüllung durch Fehlen eines zum Eintritt der Erfüllung notwendigen Verhaltens (z. B. Annahme) des Gläubigers.
Lit.: Kaser
§ 37 III; Köbler, DRG 44; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.
glebae adscriptus (lat. [M.]) Schollengebundener (Kolone bzw. Bauer)
Gleichberechtigung ist die Gleichstellung bezüglich der Rechte (für Frauen und Männer). Der Grundsatz der G. wird in Abkehr von der älteren patriarchalischen Familienstruktur im Gefolge der Aufklärung seit der Mitte des 19. Jh.s (1848) verlangt, nachdem zuvor die Ausnahme von der Gleichheit als angesichts der Schwachheit der Frau und ihrer mangelnden Begabung zu vernünftiger Erkenntnis notwendige Schutzmaßnahme erklärt worden war. Danach werden 1869 in Preußen wichtige Einschränkungen der Handlungsfähigkeit der Frau aufgehoben und wird 1877 die Prozessunfähigkeit der Ehefrau beseitigt. Nach 1900 wird die Frau zum Universitätsstudium zugelassen, 1919 erhält sie das aktive und passive Wahlrecht, seit 1922 kann sie die Befähigung zum Richteramt erwerben. Am 29. 7. 1959 entscheidet das deutsche Bundesverfassungsgericht gegen den Vorrang des Mannes bei der gesetzlichen Vertretung der Kinder (Gleichberechtigungsgesetz).
Lit.:
Hübner 71, 656; Köbler, DRG 238; Hippel, T. v., Über die bürgerliche Verfassung
der Weiber, 1792; Wollstonecraft, M., Vindication of the rights of Women, 1793;
Boehmer, G., Die Teilreform des Familienrechts durch das
Gleichberechtigungsgesetz, 1962; Ramm, T., Gleichberechtigung und Hausfrauenehe,
JZ 23 (1968), 41, 90; Dann, O., Gleichheit und Gleichberechtigung, 1980; Leicht-Scholten, C., Die Gleichberechtigung im Grundgesetz, 2000;
Wendrich, J., Die Entwicklung der familienrechtlichen Entscheidungsbefugnisse
der Ehefrau, 2002
Gleichheitsgrundsatz ist der Grundsatz, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Die Gleichheit der Menschen bejahen theoretisch schon die antiken Philosophen (Stoa, Cicero) und das Christentum. Dennoch sind antike und mittelalterliche Gesellschaft durch die Ungleichheit oder die nur stufenförmige Gleichheit gekennzeichnet. Erst in der Aufklärung des 18. Jh.s wird die Beseitigung der ständischen Ungleichheit zur politischen Forderung (-> Montesquieu, -> Voltaire, -> Rousseau). Seit 1776 nehmen die Verfassungen den G. auf (Frankreich [égalité] 1791, Bayern 1818, Preußen 1850, Weimarer Reichsverfassung 1919).
Lit.:
Köbler, DRG 206, 252; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2 1975, 997; Adams, W.,
Das Gleichheitspostulat in der amerikanischen Revolution, HZ 212 (1977), 59;
Erler, A., Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, 1967; Dann, O., Gleichheit
und Gleichberechtigung, 1980; Kleinheyer, G., Aspekte der Gleichheit, Der Staat
Beiheft 4, 1980, 7;
Maldeghem, C. v., Die Evolution des Gleichheitssatzes, 1997; Frenz, B.,
Gleichheitsdenken in deutschen Städten, 2000
Glorious Revolution ist die Bezeichnung für den 1688 durch Eingreifen des Parlamentes unblutigen Wechsel vom 1672 katholisch gewordenen König Jakob II. aus dem Hause Stuart zu Maria II. Stuart und ihrem protestantischen Ehemann Wilhelm III. von Oranien. Obwohl die G. R. keine wirkliche Revolution ist, sondern die aristokratische Ordnung vordergründig eher festigt, legt die in der -> Bill of Rights (1689) errungene Sicherung der Rechte des -> Parlaments die Grundlage für die weitere verfassungsmäßige Entwicklung zum Parlamentarismus.
Lit.: Kroeschell, DRG 2
glossa -> Glosse
glossa (F.)
ordinaria (lat., ordentliche Glosse) ist die Zusammenfassung aller einzelnen
-> Glossen zum römischen bzw. kirchlichen Recht zu einer kettenförmig
um den Text gelegten Einheit durch Accursius (1182/5-1260/3,
96940 Einzelglossen, 22365 zum Digestum vetus, 17969 zum Digestum infortiatum,
22243 zum Digestum novum, 17814 zum Codex [1-9], 4737 zu den Institutionen,
7013 zum Authenticum, 680 zu den Libri feudorum in insgesamt 5 Bänden, durch
etwa 1200 Handschriften belegt) bzw. Johannes Teutonicus (1216). Die
bereits 1258 in Florenz wenig später in Frankreich (Toulouse 1275-1300),
Spanien und Portugal sowie gegen Ende des 13. Jh.s in Deutschland (Johannes von
Erfurt 1285, Brügge 1291) verwendete g. o. des Accursius enthält u. a. etwa
10400 als von früheren Verfassern (z. B. Irnerius 330, Martinus 590, Bulgarus
315) stammend gekennzeichnete Glossen.
Lit.: Accursii Glossa, 1487ff., Neudruck 1968ff.; Wieacker, F.,
Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967; Lange, H., Römisches Recht im
Mittelalter, Bd. 1 1997
Glossator -> Glosse
Glosse ist das ungewöhnliche und deshalb erklärungsbedürftige Wort, dessen Erklärung und die Gesamtheit aller Erklärungen erklärungsbedürftiger Wörter eines Textes (z. B. der Bibel). Im Recht beginnt die Glossierung mit dem Ziel der analysierenden Aufschließung des Textes, dann der Erleichterung des Verständnisses und schließlich der synthetizierenden Entwicklung der justinianischen Texte einer widerspruchsfreien Einheit wohl mit Irnerius (1060? - 1125?) in Bologna. Ihm folgen vor allem die vier Doktoren Bulgarus, Hugo, Jacobus und Martinus. Seit etwa 1160 werden die Glossen durch Namenssiglen gekennzeichnet. Nach 1215 wird die Tätigkeit der Glossatoren durch Begutachtung und Kommentierung ersetzt. -> Malbergische Glosse, Sachsenspiegelglosse
Lit.:
Söllner §§ 3, 25; Köbler, DRG 106, 107; Köbler, LAW; Savigny, C., Geschichte
des römischen Rechts im Mittelalter, Bd. 3ff. 2. A. 1834ff.; Schulte, J. v.,
Die Glosse zum Dekret Gratians, 1872; Engelmann, W., Die Wiedergeburt der
Rechtskultur in Italien, 1938; Calasso, F., I glossatori e la teoria della
sovranità, 2. A. 1951; Dilcher, H., Die Theorie der Leistungsstörungen bei
Glossatoren, Kommentatoren und Kanonisten, 1960; Söllner, A., Die causa im
Kondiktionen- und Vertragsrecht des Mittelalters, ZRG RA 77 (1960), 182;
Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967; Otte, G.,
Dialektik und Jurisprudenz, 1971; Villata di Renzo, G., La tutela, 1975;
Dolezalek, G., Repertorium manuscriptorum veterum Codicis Iustiniani, 1985; Lange, H., Römisches
Recht im Mittelalter, Bd. 1 1997; Otte, G., Logische Einteilungstechniken bei
den Glossatoren, in: Dialektik und Rhetorik, hg. v. Fried, J., 1997, 157;
Mittelalterliche volkssprachige Glossen, hg. v. Bergamnn, R. u. a., 2001
GmbH -> Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Gnade -> Begnadigung
Lit.: Beyerle, K., Von der Gnade im deutschen Recht, 1910; Butz, H., Gnadengewalt und Gnadensachen, 1975; Mickisch, C., Die Gnade im Rechtsstaat, 1996
Gneist, Heinrich Rudolf Hermann Friedrich von (Berlin 13. 8. 1816 - 22. 7. 1895), Justizkommissarssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Berlin (Savigny) 1845 außerordentlicher Professor und 1858 ordentlicher Professor (1857/60 Das heutige englische Verfassungs- und Verwaltungsrecht). Er wirkt als Politiker zunächst gegen Bismarck und später Bismarck unterstützend gegen Sozialisten und Klerikale und fördert maßgeblich das Zustandekommen der Reichsjustizgesetze (1877/9) und die Einführung des richterlichen Prüfungsrechts, der freien Rechtsanwaltschaft und der gerichtlichen Überprüfung der Verwaltungstätigkeit.
Lit.: Schiffer, E., Rudolf von Gneist, 1929; Weber, D., Die Lehre vom Rechtsstaat, Diss. jur. Köln 1968; Luig, K., Soziale Monarchie oder soziale Demokratie, ZRG GA 111 (1994), 464; Hahn, E., Rudolf von Gneist, 1996; Eßer, D., Gneist als Zivilrechtslehrer, 2003
Go ist der hochmittelalterliche Dorfschaftsverband (Landgemeinde) in Sachsen. Meist zweimal jährlich findet eine Versammlung der Gobewohner statt (Goding). Das Alter des G. ist ebenso streitig wie die Herkunft. Im 16./17. Jh. beseitigt der Landesherr den G. zugunsten des Amtes.
Lit.: Heck, P., Der Sachsenspiegel und die Stände der Freien, 1905, 118, 137; Kroeschell, K., Zur Entstehung der sächsischen Gogerichte, FS K. Hugelmann, Bd. 1 1960, 295; Schmeken, E., Die sächsische Gogerichtsbarkeit, Diss. phil. Münster 1961; Landwehr, G., Gogericht und Rügegericht, ZRG GA 83 (1966), 127
Gobler, Justin (St. Goar um 1503 - Frankfurt am Main 21. 5. 1567) wird nach dem Rechtsstudium (u. a. Bourges [Alciat]) Rat, Richter und Publizist. Er übersetzt und kommentiert als erster (vor 1543) die -> Constitutio Criminalis Carolina Karls V. von 1532 ins Lateinische. Durch sein umfangreiches, vielfach angefeindetes Gesamtwerk fördert er sowohl die Aufnahme des römischen Rechtes in Deutschland wie auch die Kenntnis deutschen Rechtes im europäischen Umfeld.
Lit.: Stintzing, R., Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft, Bd. 1 1880, Neudruck 1957, 1978, 582; Kantorowicz, H., Goblers Karolinenkommentar, 1904
Gode (M.) altisländischer Priester(häuptling) (um 1000)
Lit.: See, K. v., Altnordische Rechtswörter, 1964, 107; Karlsson, G., Godar og baendur, 1972
Godefroy (Gothofredus), Denis (Dionysius) (
Lit.: Söllner §§ 22, 23; Köbler, DRG 143; Godefroy-Ménilglaise, D., Les savants Godefroys, 1873, Neudruck 1971; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967
Godefroy (Gothofredus), Jacques (Jacobus) (Genf
1587-1652), Sohn des Denis Godefroy (Dionysius Gothofredus [1549-1622]), wird
nach dem Rechtsstudium in Bourges (1611) und weiteren Studien in Paris 1619
Professor des Rechts in Genf, Ratsmitglied, Syndikus und Diplomat. Er
veröffentlicht 1665 eine kommentierte, kritische Ausgabe des -> Codex
Theodosianus in sechs Bänden, die bis zur Gegenwart nicht ersetzt ist. Neben
kleineren Quelleneditionen verfasst er ein sehr erfolgreiches Handbuch der
(römischen) Rechtsgeschichte (lat. Manuale [N.] iuris, 1632).
Lit.:
Jacques Godefroy (1587-1652), hg. v. Schmidlin, B. u. a., 1991
Goethe, Johann Wolfgang (Frankfurt am Main 28. 8. 1749 - Weimar 22. 3. 1832), Sohn des Juristen und kaiserlichen Rates Johann Kaspar Goethe und einer Stadtschultheißentochter, wird nach dem Rechtsstudium in Leipzig (1765-1768) und Straßburg (1770, Lizentiat, nicht zum Doktor promoviert) Advokat in Frankfurt und Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar und 1775 bzw. 1776 Rat des Herzogs von Sachsen-Weimar, für den er vor allem in den ersten zehn Jahren für mehr als 20000 Verwaltungsangelegenheiten vielleicht ein Drittel seiner Zeit aufwendet. In sein berühmtes dichterisches Werk fließen auch seine rechtlichen Erfahrungen ein.
Lit.:
Meisner, J., Goethe als Jurist, 1885; Schubart-Fikentscher, G., Goethes
Straßburger Thesen vom 6. 8. 1771, 1949; Goethe-Zitate für Juristen, hg. v.
Pausch, A. u. a., 4. A. 2000; Pausch,
A./Pausch, J., Goethes Juristenlaufbahn, 1996; Unwandelbar G., hg. v. Schünemann,
P., 1998; Boyle, N., Goethe, Bd. 1ff. 1999ff.; Heinze, M., Der Advokat Goethe,
NJW 1999, 1897; Goethes Amtliche Schriften, Band 5
Kalendarium über Goethes amtliche Tätigkeit 1776-1819, hg. v. Wahl, V., 2000
Gogericht (Goding) ist das Gericht des Gografen über die Gogemeinde in Sachsen im Mittelalter. Seine Zuständigkeit ist im Sachsenspiegel (1221-4) hauptsächlich auf Fälle niederer Strafgerichte eingeschränkt, umfasst aber nach den Zeugnissen der Wirklichkeit weitere Bereiche. Alter und Herkunft des Gogerichts sind streitig.
Lit.:
Schröder, R., Die Gerichtsverfassung des Sachsenspiegels, ZRG GA (1884), 1;
Hömberg, A., Grafschaft, Freigrafschaft, Gografschaft, 1949; Kroeschell, K.,
Zur Entstehung der sächsischen Gogerichte, FS K. Hugelmann, Bd. 1 1960, 295;
Landwehr, G., Gogericht und Rügegericht, ZRG GA 83 (1966), 127; Bemmann, K.,
Neue Aspekte zur Entstehung der sächsischen Gogerichte, ZRG GA 109 (1992), 95;
Laur, W., Goding und Gogericht in Holstein und Niedersachsen, ZRG GA 111
(1994), 536;
Hachenberg, W., Die Gogerichte, Diss. jur. Münster 1997
Goldast von Haiminsfeld, Melchior (Bischofszell 6. 1. 1578 - Gießen 11. 8. 1635) wird nach dem Studium der Rechtswissenschaft in Ingolstadt und Altdorf und der Promotion in Heidelberg (1603) Herausgeber einheimischer Quellen (z. B. Imperatorum ... statuta, 1607) und Rat (Weimar 1613, Bückeburg 1615, Kaiser 1627).
Lit.: Schecker, H., Melchior Goldast von Haiminsfeld, 1930
Goldene Bulle ist das vor allem die Rechte der -> Kurfürsten regelnde, seit 1400 nach dem seinen sieben erhaltenen Ausfertigungen (5 für Kurfürsten, je eine für Frankfurt und Nürnberg) anhängenden, nach byzantinischem Vorbild im 9. Jh. im Westen eingeführten goldenen Siegel benannte, lateinisch gefasste, vielleicht weitgehend vom Hofkanzler Johann von Neumarkt formulierte Reichsgesetz Kaiser Karls IV. vom 10. 1. 1356 (Kapitel 1-23) bzw. 25. 12. 1356 (Kapitel 24-31). Obwohl die G. B. sich als Privileg darstellt, fasst sie eigentlich nur bereits weitgehend anerkannte Sätze zusammen. Dabei festigt sie das Wahlrecht der sieben Kurfürsten, erkennt die unbeschränkte Gerichtshoheit, das Berg-, Juden- und Zollregal, das Münzrecht und die Landerwerbsberechtigung der Kurfürsten an und regelt das kurfürstliche Erbfolgerecht (Kapitel 7 Primogeniturerbfolge im unteilbaren Fürstentum).
Lit.: Köbler, DRG 95, 101; Lindner, T., Die Goldene Bulle und ihre Originalausfertigungen, MIÖG 5 (1884), 96; Zeumer, K., Die Goldene Bulle Kaiser Karls IV., 1908, Neudruck 1972; Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Reichsverfassung, hg. v. Zeumer, K., 2. A. 1913, 192ff.; Petersen, E., Studien zur Goldenen Bulle von 1356, DA 22 (1966), 227; Eisenhardt, U., Die Rechtswirkung der in der Goldenen Bulle genannten privilegia, ZRG GA 86 (1969), 97; Hergemöller, B., Fürsten, Herren und Städte zu Nürnberg 1355/6, 1983; Die Goldene Bulle. König Wenzels Handschrift, Kommentar von Wolf, A., 2002
Goldene Regel ist
vielleicht seit 1724 der Name für die schon dem Alten Testament bekannte,
lateinisch quod ab alio odis fieri tibi, vide ne alteri tu aliquando facias und
deutsch was du nicht willst, dass man dir tu, das füg´ auch keinem andern zu.
Lit.: Mayer-Maly, T., Der
Weg der Goldenen Regel, FS A. Söllner, 2000
Goldschmidt, Levin (Danzig 30. 5. 1829 - Berlin
16. 7. 1897), Kaufmannssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Berlin, Bonn,
Heidelberg und Berlin (Dissertation De societate en commandite) 1855 in
Heidelberg habilitiert, 1860 außerordentlicher Professor, 1866 ordentlicher
Professor sowie 1875 in Berlin Inhaber der ersten deutschen Handelsrechtsprofessur.
In seinen handelsrechtlichen und handelsrechtsgeschichtlichen Arbeiten
(Handbuch des Handelsrechts, 1864ff., Universalgeschichte des Handelsrechts,
[Bd. 1 3. A.] 1891, Neudruck 1957) bemüht er sich auch um die Verbindung von
römischrechtlichen und nichtrömischrechtlichen Sätzen, um Einbeziehung
wirtschaftswissenschaftlicher Erkenntnisse und um Berücksichtigung der
praktischen Rechtsanwendung mit dem Ziel einer möglichst vielseitigen Sehweise. 1874
ist er Mitglied einer Kommission zur Vorbereitung des Bürgerlichen
Gesetzbuches.
Lit.:
Sinzheimer, H., Jüdische Klassiker der deutschen Rechtswissenschaft, 2. A.
1952; Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, hg. v. Heinrichs, H. u. a., 1993; Weyhe, L., Levin
Goldschmidt, 1996
Gönner, Nikolaus Thaddäus von (Bamberg 18. 12. 1764 - München 18. 4. 1827) wird zunächst in Bamberg, seit 1799 in Ingolstadt bzw. 1800 in Landshut Professor und wechselt 1811 in den Justizdienst Bayerns. Vom Reichsstaatsrecht (Teutsches Staatsrecht, 1804) kommend wendet er sich der politischen Entwicklung folgend der einzelstaatlichen Gesetzgebung zu (Hypothekengesetz 1822). Bedeutsam sind auch seine öffentlichrechtliche Erfassung der Rechtsgrundlagen des Berufsbeamtentums (Der Staatsdienst, 1808) und sein auf die Natur der Sache ausgerichtetes Handbuch des deutschen gemeinen Prozesses (Bd. 1ff. 1801ff.).
Lit.: Koch, J., Nikolaus Thaddäus von Gönners Staatslehre, 1902; Schaffner, L., Nikolaus Thaddäus von Gönner, Diss. jur. Würzburg 1955 (masch.schr.); Stolleis, M., Das Bayerische Hypothekenbankgesetz von 1822, in: Wissenschaft und Kodifikation im 19. Jahrhundert, hg. v. Coing, H. u. a., Bd. 3 1976
Görlitz an der Neiße wird 1071 erstmals erwähnt und hat um 1500 rund 10000 Einwohner. Das Görlitzer Rechtsbuch ist ein in einer in der ersten Hälfte des 14. Jh.s (um 1300?) geschriebenen Abschrift (101 Blätter) erhaltenes Stadtrechtsbuch für Görlitz, das eine wortgetreue ungereimte Übersetzung des (lat.) -> Auctor (M.) vetus de beneficiis ins Mittel(mittel)deutsche (Artikel 1-30 von insgesamt 47) mit Auszügen aus dem Landrecht des Sachsenspiegels, dem Weichbildrecht, vermutlich auch dem Sächsischen Landfrieden (1221) und der Magdeburg-Görlitzer Rechtsweisung (1304) verbindet und dabei in seinem zweiten Teil vielleicht auf dem (verlorenen) lateinischen Auctor vetus (Sachsenspiegel Landrecht) beruht.
Lit.: Köbler, DRG 103; Buhr, J., Das Görlitzer Rechtsbuch, Diss. jur. Bonn 1941 (verloren); Auctor vetus, hg. v. Eckhardt, K., 1966; Lemper, E., Görlitz, 4. A. 1980; Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1 1990, 30; Anders, I./Wolfrum, P., Görlitz, 1996
Goslar am Harz ist Ort einer bedeutenden Königspfalz, neben der eine Stadt entsteht, welcher der Staufer Friedrich II. am 13. 7. 1219 einen großen Freiheitsbrief gibt. Zu Beginn des 14. Jh.s erringt sie die Reichsunmittelbarkeit und zeichnet vermutlich zwischen 1348 und 1360 ihr Recht in den Goslarischen Statuten auf.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Ebel, W., Studie über ein Goslarer Ratsurteilsbuch des 16. Jahrhunderts, 1961; Ebel, W., Das Stadtrecht von Goslar, 1968
Gote ist der Angehörige eines in der
Völkerwanderungszeit von der Ostsee (Gotland) über den Südosten (Krim) 375 n.
Chr. in das Römische Reich eindringenden germanischen Volkes, das sich in ->
Ostgoten (Italien) und -> Westgoten (Gallien, Spanien) aufteilt. Zwischen
25 und 50% der als Goten bezeichneten Menschen dürften nach ihrer volksmäßigen
Herkunft Goten gewesen sein. Ihr Ursprung in Skandinavien wird bezweifelt.
Lit.: Burn, T., A History of the Ostrogoths, 1984; Teillet, S., Des Goths à la nation gothique, 1984; Köbler, G., Gotisches Wörterbuch, 1989; Wolfram, H., Die Goten, 4. A. 2001; Heather, P., Goths and Romans, 1991; Köbler, G., Neuhochdeutsch-gotisches Wörterbuch, 1993; Heather, P., The Goths, 1996; Sonderegger, S., Tradition und Erneuerung der germanischen Rechtssprache aus der Sicht des Gotischen, FS K. Kroeschell, 1997; Mussot-Goulard, R., Les Goths, 1999; Wolfram, H., Die Goten und ihre Geschichte, 2001; Christensen, A., Cassiodorus, Jordanes and the History of the Goths, 2002
Göteborg am Kattegat wird 1619 angelegt und 1621 mit Stadtrecht begabt. 1891 erhält es eine Universität.
Gothofredus -> Godefroy
Gott ist nach jüdischer und christlicher Lehre der Schöpfer des Himmels und der Erde. Er ist der Herr über das Recht, das er als Gebot und Verbot den Menschen gegeben hat (-> Dekalog). Im jüngsten Gericht zieht er den Menschen zur Rechenschaft.
Lit.: Köbler, DRG 108; Bibel und Recht, hg. v. Eckert, J. u. a., 1994; Lang, B., Jahwe der biblische Gott, 2002; Eckart, O., Gottes Recht als Menschenrecht, 2002
Gottesfriede (lat. [F.] pax Dei) ist das im späten Frühmittelalter ([Le Puy um 975,] Charroux 989, Narbonne um 990, Limoges 994, Le Puy 994, Poitiers 1000) von der Kirche ausgehende Friedensgebot, dessen Verletzung kirchliche Folgen nach sich zieht. Der G. erreicht von Südfrankreich aus gegen Ende des 11. Jh.s das Reich (Lüttich 1082, Köln 1083, Bamberg 1085). Inhaltlich sehen beschworene Beschlüsse geistlicher und weltlicher Herren Exkommunikation, Verfluchung, Bußen für Mord, Diebstahl, Raub usw. vor. Besonders geschützt werden Mönche, Kaufleute, Bauern, Frauen, Kirchen oder Vieh. Besondere Zeiten des Friedens sind die hohen Feste und die Tage von Donnerstag bis Sonntag. Seit dem ausgehenden 11. Jh. weicht der G. dem -> Landfrieden.
Lit.: Köbler, DRG 118; Achter, V., Über den Ursprung der Gottesfrieden, 1955; Hattenhauer, H., Die Bedeutung der Gottes- und Landfrieden, Diss. jur. Marburg 1958; Hoffmann, H., Gottesfriede und Treuga Dei, 1964; Körner, T., Iuramentum und frühe Friedensbewegung, 1977; Goetz, H., Gottesfriede und Gemeindebildung, ZRG GA 105 (1988), 122; Wadle, E., Gottesfrieden und Landfrieden, in: Funktion und Form, hg. v. Kroeschell, K. u. a., 1996, 63
Gotteslästerung (vgl. Leviticus 24,11-16) ist die im römischen Recht (Todesstrafe) und seit dem Spätmittelalter (1495) strafbare, besonders verletzende öffentliche Kundgabe der Missachtung des christlichen Gottes, die seit dem 18. Jh. problematisiert wird (von 1813 bis 1827 in Bayern straflos) und 1969 in Deutschland straflos wird.
Lit.: Köbler, DRG 19; Ettinger, J., Zur Lehre von den Religionsregeln, 1919, 29; Leutenbauer, S., Das Delikt der Gotteslästerung, 1984
Gottesstaat ist die Vorstellung von der Herrschaft des christlichen Gottes auf der Erde. Sie wird maßgeblich von Augustinus (354-430) geprägt, der in seinem Werk (lat.) De civitate Dei (413-26) einen Gegensatz von (lat.) civitas (F.) Dei (Staat Gottes) und (lat.) civitas (F.) terrena (irdischer Staat) bildet.
Lit.: Köbler, DRG 82; Loewenich, W. v., Augustin, 1965
Gottesurteil ist das Urteil (eines?) Gottes in einer menschlichen Streitfrage. Im mittelalterlichen, wohl insofern von der christlichen Kirche beeinflussten Recht ist das G. die Entscheidung über die Schuld oder die Unschuld eines Beschuldigten durch ein auf (den christlichen) -> Gott zurückgeführtes äußeres Zeichen (z. B. [folgenloses] Tragen eines glühenden Eisens, [folgenloses] Schreiten über glühende Pflugscharen, [folgenloses] Eintauchen des Armes in siedendes Wasser, [folgenloses] Treten vor die Leichenbahre eines Toten usw.). Streitig ist, ob Zweikampf und Los Gottesurteile sind. Die Stellung der Kirche zum G. ist lange Zeit uneinheitlich. 1219/22 wendet sie sich deutlicher gegen das G. Dennoch erhält sich das G. bis in das 17. Jh., bis es vielleicht durch die Aufnahme des römischen Rechts oder die zunehmende Vernünftigkeit verschwindet.
Lit.: Köbler, DRG 86; Nottarp, H., Gottesurteile, 1949; Nottarp, H., Gottesurteilsstudien, 1956; Hexeter, R., Equivocal Oaths and Ordeals, 1975; Bartlett, R., Trial by fire and water, 1986; Köbler, G., Welchen Gottes Urteil ist das Gottesurteil des Mittelalters?, FS W. Trusen, hg. v. Brieskorn, N., 1994, 89
Göttingen an der Leine (953 Gutingi) wird 1737 Sitz einer aufgeklärten, im 18. Jh. in Deutschland führenden Universität (-> Pütter, -> Hugo). Am 18. 11. 1837 protestieren sieben Göttinger Professoren (u. a. Jacob Grimm und Wilhelm Grimm) gegen die Aufhebung der 1833 gewährten Verfassung seitens des Königs von Hannover und verlieren dadurch ihr Amt.
Lit.:
Köbler, DRG 136, 170; Smend, R., Die Göttinger Sieben, 1951; Ebel, W., Zur
Geschichte des Rechtsstudiums und der Juristenfakultät an der Universität
Göttingen, 1961; Rechtswissenschaft in Göttingen, hg. v. Loos, F., 1987;
Göttingen, hg. v. Denecke, D., 1987; Die Universität Göttingen unter dem
Nationalsozialismus, hg. v. Becker, H. u. a., 1987; Dilcher, G., Der Protest
der Göttinger Sieben, 1988; Die
Geschichte der Verfassung und der Fachbereiche der Georg-August-Universität,
hg. v. Schlotter, H., 1994; See, K. v., Die Göttinger
Sieben, 1997; Boockmann, H., Göttingen, 1997; Jeske, R., Bürgertum in der
Universitätsstadt, 1998; Jeske, R., Bürgertum in der Universitätsstadt
Göttingen, 1999; Szabó, A., Vertreibung, Rückkehr, Wiedergutmachung, 2000; See,
K. v., Die Göttinger Sieben – Kritik einer Legende, 3. A. 2000; Göttinger
Gelehrte, hg. v. Arndt, K. u. a., 2001
Goudelin -> Gudelinus
Graf (lat. [M.] comes) ist im Mittelalter ein ursprünglich königlicher Amtsträger. Der Titel comes findet sich im römischen Altertum seit Kaiser Diokletian (284-313/6) für hohe Höflinge und danach für örtliche Amtsträger (u. a. auch [lat.] comes civitatis). Der frühmittelalterliche fränkische comes soll den Frieden wahren, Übeltäter verfolgen und Schutzbedürftige sichern. Daneben kennt die fränkische (lat. [F.]) Lex Salica einen vielleicht zu got. gagrefts, Befehl, zu stellenden afrk. grafio, der auf Verlangen eines Rechtsuchenden Sachen wegnehmen oder unerwünschte Siedler vertreiben soll und der möglicherweise ein örtlicher königlicher Befehlshaber ist. In der Mitte des 8. Jh.s verschmilzt dieser grafio anscheinend mit lat. comes, dessen Aufgaben in karolingischer Zeit in der Erhaltung des Königsgutes, der Aufbietung der Heerfolgepflichtigen, der Erhebung von Zöllen, der Einziehung von verfallenem Gut und der Leitung des Rechtsstreits um Freiheit und Grund bestehen. Zwar ist der G. absetzbar, doch wird seine Stellung in vornehmen Familien bald erblich. Die richterlichen Aufgaben treten in den Vordergrund. Seit dem 11. Jh. gerät die gräfliche Gewalt unter den Einfluss nichtköniglicher Mächte. Der Grafentitel wird zu einer Standesbezeichnung. Ein Teil der Grafen wird mittelbarer landsässiger Adel, die reichsständischen Grafen treten im Reichsfürstenrat zusammen (schwäbische, wetterauische, fränkische und westfälisch-niedersächsische Grafenkurie). Mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation) verliert auch der reichsunmittelbare G. seine selbständige Bedeutung. G. wird zum verliehenen höheren Adelstitel.
Lit.: Köbler, DRG 84, 86; Köbler, WAS; Ficker, F., Vom Reichsfürstenstand, Bd. 1 1861, 72, 95; Fehr, H., Fürst und Graf im Sachsenspiegel, 1906; Schlesinger, W., Die Entstehung der Landesherrschaft, 1941, Neudruck 1964; Krüger, S., Studien zur sächsischen Grafschaftsverfassung im 9. Jahrhundert, 1950; Guttenberg, E. v., Iudex hoc est comes aut grafio, FS E. Stengel 1952, 93; Sprandel, R., Dux und comes in der Merowingerzeit, ZRG GA 74 (1957), 41; Schölkopf, R., Die sächsischen Grafen, 1957; Bosl, K., Franken um 800, 2. A. 1980; Schulze, H., Grundprobleme der Grafschaftsverfassung, Z. f. württemberg. LG. 44 (1985), 265; Borgolte, M., Die Grafen Alemanniens, 1986; Zotz, T., Grafschaftsverfassung und Personengeschichte, ZGO 136 (1988), 1
Grafenbann ist der vom König im Frühmittelalter dem -> Grafen verliehene -> Bann von 15 Schillingen.
Lit.: Kroeschell, DRG 1
grafio -> Graf
Grafschaft ist der Amtsbezirk des -> Grafen. Im Gegensatz zu älteren Forschungen werden trotz etwa der erheblichen Anstrengungen von Herrschern wie Pippin des Jüngeren oder Ludwig des Frommen in der Gegenwart die Vorstellung einer Deckungsgleichheit von Gauangaben der Quellen und jeweils gegebenen Bezirken von Grafen und die Vorstellung eines lückenlosen Systems von Grafschaften für das Frühmittelalter abgelehnt (Amtsgrafschaften neben auf versteuerten Königsgut gegründeten Streugrafschaften). Zu einer stärkeren Geschlossenheit von Amtsbezirken scheint es mit der Festigung der Landesherrschaft zu kommen.
Lit.:
Köbler, WAS; Krüger, S., Studien zur sächsischen Grafschaftsverfassung im 9.
Jahrhundert, 1950; Schulze, H., Die Grafschaftsverfassung, 1973; Borgolte, M.,
Geschichte der Grafschaften Alemanniens, 1984; Schulze, H., Grundprobleme der
Grafschaftsverfassung, Z. f. württemberg. LG. 44 (1985), 265; Hoffmann, H.,
Grafschaften in Bischofshand, DA 46 (1990), 375
Gragas (Graugans) ist die auf einem Irrtum beruhende, 1548 nachweisbare, seit dem 17. Jh. übliche Bezeichnung für das aus Gesetzen, Gutachten, privaten Aufzeichnungen und Formelsammlungen zusammengesetzte, zwischen 1258 und 1271 aufgezeichnete und durch das Königsbuch (Konungsbok, [lat.] Codex [M.] regius) und das Stadarholsbuch (Stadarholsbok, [lat.] Codex [M.] Arnamagaeanus) der zweiten Hälfte des 13. Jh.s überlieferte, altisländische Recht ([930-1264] Christenrecht, Strafrecht, Eherecht, Erbrecht, Grundgüterrecht und Vertragsrecht). Die Geltung der G. auf Island wird nach der Unterwerfung -> Islands unter Norwegen (1262/4) 1271/81 durch das Gesetzbuch König Magnus Hakonarsons (->Jarnsida, -> Jonsbok) aufgehoben.
Lit.:
Isländisches Recht, hg. v. Heusler, A., 1937; Amira, K. v./Eckhardt, K.,
Germanisches Recht, Bd. 1 4. A. 1960,
120; Foote, P., Some Lines in Logréttutháttr, FS P. Foote, 1984, 155
Granada an der Sierra Nevada geht auf eine keltische Gründung zurück. Im Mittelalter ist es Mittelpunkt eines maurischen Königreiches (1030-50, 1238-1492). 1526/31 erhält es eine Universität.
Lit.: Ladero Quesada, M., Granada, 1988
Grande ordonnance de réformation du royaume ist ein französisches Gesetz von 1302, durch das der König den Schutz der Kirche auch in den Gebieten der Landesherren (Herzöge, Grafen, Barone) übernimmt.
Grangie ist der hochmittelalterliche klösterliche Wirtschaftshof vor allem der Zisterzienser.
Lit.: Wiswe, H., Grangien niedersächsischer Zisterzienserklöster, Braunschweig. Jb. 34 (1953), 5; Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 1 1957, 175f.; Villa, curtis, grangia, hg. v. Janssen, W. u. a., 1983
Gratian (Carraria um 1100 - Bologna? nach 1143 [um 1150?]), (kamaldulensischer Mönch? und) Magister der Theologie in Bologna, verfasst zwischen 1125 und 1140 die -> concordia discordantium canonum (-> Decretum Gratiani). Er begründet mit diesem vielleicht 3800 Kapitel kirchenrechtlicher Quellen zusammenfassenden, die Widersprüche kommentierend auflösenden Werk die kirchenrechtliche Wissenschaft.
Lit.: Köbler, DRG 102, 105; Plöchl, W., Das Eherecht
des Magisters Gratianus, 1935; Kuttner, S., Graziano, 1953, 20; Weigand, R.,
Die Naturrechtslehre der Legisten und Dekretisten, 1967, 132; Kuttner, S.,
Research on Gratian, in: Seventh International Congress of medieval Canon Law,
1984; Weigand, R., Das
kirchliche Wahlrecht im Dekret Gratians, FS K. Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u.
a., 1997, 1331; ;
Winroth, A., The Making of Gratian’s Decretum, 2000
Graubünden ist ein aus antihabsburgischen Bündnissen (1367 Gotteshausbund, 1395 Oberer oder Grauer Bund) entstandener, seit 1497ff. zur -> Eidgenossenschaft in Beziehung tretender Kanton (1803/15) der -> Schweiz.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Bündner Urkundenbuch, Bd. 1ff. bearb. v. Meyer-Marthaler, E. u. a., 1947ff.; Die lex Romana Curiensis, hg. v. Meyer-Marthaler, E., 1959; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,451; Bundi, M., Zur Besiedlungs- und Wirtschaftsgeschichte Graubündens, 1982; Geschichte und Kultur Churrätiens, 1986; Rathgeb, C., Die Verfassungsentwicklung Graubündens im 19. Jahrhundert, 2003
gravamen (lat. [N.]) Last, Beschwerde (im Gegensatz zu Vorteil, Gewinn)
Gravina, Gian Vincenzo (1664-1718), nach dem Studium in Scaela (Caloprese) und Neapel (Biscardi) seit 1689 in Rom, wird Professor zunächst für Zivilrecht, 1703 für kirchliches Recht. Sein Hauptwerk sind die 1701 veröffentlichten (lat.) Origines (F.Pl.) iuris civilis (Ursprünge des weltlichen Rechts).
Lit.: Ghisalberti, C., Gian Vincenzo Gravina, 1962
Graz (zu slaw. gradec, Bürglein) an der Mur wird 1164 als Markt neben einer Burg genannt. Seit 1379 ist es Residenz. 1584 erhält es zum Zweck der Gegenreformation eine Universität, an der auch juristischer Unterricht stattfindet.
Lit.: 850 Jahre Graz, hg. v. Steinböck, W., 1978
Gregorius ist der Verfasser des -> Codex
Gregorianus.
Gregor von Tours (Clermont 30. 11. 538/9 - Tours 17. 11. 594), seit 573 Bischof von Tours, überliefert in seinen zehn Büchern Geschichte (lat. Decem libri [M.Pl.] historiarum) wichtige Gegebenheiten der merowingischen Frankenzeit.
Lit.: Weidemann, M., Kulturgeschichte der Merowingerzeit, 1982;
Goffart, W., The Narrators of Barbarian History, 1988; Heinzelmann, M., Gregor
von Tours, 1994
Greife ist der Angehörige eines vor 1124 christianisierten Herzogsgeschlechts der Pomoranen (Pommern), das seit 1215 einen Greifen im Wappen führt und 1631 ausstirbt.
Lit.: Köbler, Historisches Lexikon; Wehrmann, M., Genealogie des pommerschen Herzoghauses, 1937
Greifswald nahe der Ostsee mit -> lübischem Stadtrecht erhält 1456 eine Universität (1456-1524 3317 Immatrikulationen).
Lit.:
Molitor, E., Die Greifswalder Juristenfakultät, FS zur 500-Jahrfeier der
Universität Greifswald, Bd. 2 1956; Lorenz, S., Aktenversendung und
Hexenprozess, 1983; Feltkamp, K./Biederstedt, R., Greifswald, 1983; Vorholz, I., Die Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät,
2000; Das älteste Greifswalder Stadtbuch
(1291-1332), bearb. v. Poeck, D., 2000; Matthiesen, H., Greifswald in
Vorpommern, 2000; Link, A., Auf dem Weg zur Landesuniversität, 2000;
Greifswald, hg. v. Wernicke, H., 2000
Grenze ist die Trennungslinie zwischen zwei Bereichen, insbesondere zwei Staaten. Ursprünglich nur wenig genau bestimmt, wird die G. mit wachsender Bevölkerungsdichte und zunehmender Territorialisierung immer eindeutiger gekennzeichnet und gesichert. Für die Grenzfestlegung entwickeln sich besondere technische Verfahren, deren Einhaltung strafrechtlich bewehrt wird.
Lit.:
Hübner; Grimm, J., Deutsche Rechtsaltertümer, Bd. 2 4. A. 1899, Neudruck 1922,
1989, 1994, 69; Deutschlands Grenzen in der Geschichte, hg. v. Demandt, A., 3.
A. 1993;
Simmerding, F., Grenzzeichen, 1997; Grenze und Differenz im frühen Mittelalter,
hg. v. Pohl, W. u. a., 2000
Grieche ist der Angehörige des die griechische Sprache sprechenden, von den Indogermanen abstammenden Volkes, das im 2. Jt. v. Chr. in den Südosten Europas eindringt. Nach dunklen, erst mit den 27803 Versen von Ilias und Odysee sich lichtenden Jahrhunderten (1200-800 v. Chr.) bilden die Griechen in der Mitte des 1. Jt.s v. Chr. den Stadtstaat (polis) aus (Sparta, Athen und viele andere). Sie führen die Wissenschaften auf einen hohen Stand (Thales, Anaximander, Anaximenes, Xenophanes, Heraklit, Demokrit, Pythagoras, Sokrates, Plato, Aristoteles). Ihr Recht ist durch schon im 7. Jh. einsetzende Gesetzgebung (Lykurg, Solon, Drakon) und die rechtsphilosophische Unterscheidung von natürlichem Recht (-> Naturrecht) und gesetztem Recht gekennzeichnet.
Lit.:
Köbler, DRG 15, 16, 29;
Zachariae von Lingenthal, K., Geschichte des griechisch-römischen Rechts, 3. A.
1892, Neudruck 1955; Mühl, M., Untersuchungen zur altorientalischen und althellenischen
Gesetzgebung, 1963; Mummenthey, H., Zur
Einführung: Griechisches Recht, JuS 1969, 307; Wolff, H., Das Recht der
griechischen Papyri Ägyptens, 1978; Biscardi, Diritto greco antico, 1982;
Triantaphyllopoulos, Das Rechtsdenken der Griechen, 1985; Greek Law, hg. v.
Foxhall, L. u. a., 1996; Burkert, W., Die Griechen und der Orient, 2003
Griechenland ist ein südosteuropäischer, seit 1. 1. 1981 der -> Europäischen Gemeinschaft (1993 -> Europäischen Union) angehörender Staat. Sein anfangs durch viele Stadtstaaten (z. B. -> Athen) gekennzeichnetes Gebiet wird seit 336 v. Chr. unter Makedonien vereinigt, gelangt 146 v. Chr. unter die Herrschaft der Römer, wird 330 n. Chr. Ostrom bzw. -> Byzanz zugeteilt und fällt 1453 an die Osmanen. Seit dem 4. 3. 1821 erheben sich die Griechen gegen die osmanische Herrschaft. Nach Erringung der Unabhängigkeit wird 1828 der -> Hexabiblos als vorläufiges Zivilgesetzbuch bestimmt. Am 3. 2. 1830 wird G. als unabhängige Erbmonarchie anerkannt, zu dessen König 1832 der bayerische Prinz Otto von Wittelsbach bestimmt wird. Das danach geschaffene Recht ist vom deutschen Recht geprägt (1832-4 Georg Ludwig von Maurer Strafgesetz, Strafprozessordnung, Gerichts- und Notariatsordnung, Zivilprozessordnung, Vorbereitung eines Zivilgesetzbuches). 1940 wird das vom deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch beeinflusste Zivilgesetzbuch geschaffen, dessen Inkrafttreten am 23. 2. 1946 die Geltung des gemeinen Rechts (-> Hexabiblos) beendet. Am 21. 4. 1967 putscht die Armee gegen den König, am 1. 6. 1973 wird die Republik ausgerufen.
Lit.: Lipsius, Das attische
Recht, Bd. 1ff. 1905ff., Neudruck 1984; Jones, The Law and Legal Theory of the
Greeks, 1956; Sontis, J., Das griechische Zivilgesetzbuch, ZRG RA 78
(1961), 355; Woodhouse, C., The story of modern Greece, 1968; Handbuch der
Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v.
Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,5,473; Bengtson, H., Griechische Geschichte, 8. A. 1994; Schuller,
Griechische Geschichte, 4. A. 1995; Inschriftliche Gesetzestexte der
frühen griechischen Polis, hg. v. Hallof, K., 1993; Selb, W., Antike Rechte im
Mittelmeerraum, 1993; Passow,
F., Handwörterbuch der griechischen Sprache, 5. A. 1993; Inschriftliche
Gesetzestexte, hg. v. Hallof, K., 1993; Argyriades, C., Staatsbilder und
Rechtspraktiken, 1994; Christ, C., Griechische Geschichte, 1996; Wesel, U., Geschichte
des Rechts, 1997; Rhodes, P./Lewis, D., The Decrees of the Greek States, 1997;
Einleitung in die griechische Philologie, hg. v. Nesselrath, H., 1997; Hölkeskamp,
J., Schiedsrichter, Gesetzgeber und Gesetzgebung, 1999; Große Gestalten der
griechischen Antike, hg. v. Brodersen, K., 1999; Price, S., Religions of the
Ancient Greeks, 1999; Thomas, C./Conant, C., Citadel to City-State, 1999;
Botsiou, K., Griechenlands Weg nach Europa, 1999; Hölkeskamp, K.,
Schiedsrichter, Gesetzgeber und Gesetzgebung im antiken Griechenland, 1999;
Rosen, K., Griechische Geschichte erzählt, 2000; Riemer, P./Weißenberger,
M./Zimmermann, B., Einführung in das Studium der Gräzistik, 2000; Verfassungsgeschichte und Staatsrechtslehre. Griechisch-deutsche
Wechselwirkungen, hg. v. Kassimatis, G. u. a., 2000; Lotze, D., Griechische
Geschichte, 5. A. 2003; Rose, H., Griechische Mythologie, (10. A.) 2003
Grimm, Jakob (Hanau 4. 1. 1785 - Berlin 20. 9. 1863), Amtmannssohn, wird nach dem nicht abgeschlossenen Rechtsstudium in Marburg (Savigny) Bibliothekar in Kassel und 1829/30 Professor der Germanistik in Göttingen. 1837 wird er als einer der Göttinger Sieben (-> Göttingen) des Amtes enthoben, 1840 nach Berlin an die Akademie der Wissenschaft geholt. 1828 erscheinen nach den Kinder- und Hausmärchen (1812ff., zusammen mit Wilhelm Grimm [24. 2. 1786 - 16. 12. 1859]), den Deutschen Sagen (1816ff.) und der Deutschen Grammatik (1819) seine Deutschen Rechtsaltertümer, über welche er in Berlin auch Vorlesungen hält, seit 1840 seine Deutschen Weistümer sowie 1854ff. sein Deutsches Wörterbuch, durch welche J. G. den germanistischen Teil der historischen Rechtsschule nicht unmaßgeblich beeinflusst.
Lit.: Köbler, DRG 188; Grimm, J., Von der Poesie im Recht, Z. f. gesch. Rechtswissenschaft 2, 1 (1816), 25; Grimm, J./Grimm, W., Deutsches Wörterbuch, Bd. 1ff. 1854ff.; Wieacker, F., Gründer und Bewahrer, 1959, 144; Ebel, W., Jakob Grimm und die deutsche Rechtswissenschaft, 1963; Seitz, G., Die Brüder Grimm, 1984; Dilcher, G., Jakob Grimm als Jurist, JuS 1985, 931
Grolman, Karl Ludwig Wilhelm von (Gießen 23. 6. 1775 - Darmstadt 14. 2. 1829) wird nach dem Rechtsstudium in Gießen und Erlangen Professor in Gießen und 1819 Staatsminister in Hessen-Darmstadt. Er setzt sich für die Auffassung ein, dass es Sinn der Strafe sei, durch Einwirkung auf Straftäter künftigen Verbrechen vorzubeugen (-> Spezialprävention).
Lit.:
Esselborn, K., Grolman, in: Hessische Biographien, Bd. 3 1934, 157; Röger, M., Karl Ludwig
Wilhelm von Grolman, Diss. jur. Gießen 1995
Groningen wird im Jahre 1000 erstmals erwähnt. 1559 wird es Sitz eines Bischofs. 1614 erhält es eine Universität.
Lit.:
Peters, C., Oud Groningen, 1907
Grönland ist die verwaltungsmäßig zu -> Dänemark gehörende größte Insel der Erde. G. wird wohl schon 900 von -> Wikingern entdeckt. Die 982 anschließende Besiedlung geht im Spätmittelalter unter. 1721 beginnt eine Neubesiedlung unter Dänemark, unter dem dänischen Recht erhält G. 1979 Selbstverwaltung.
Lit.: Gad, F., The History of Greenland, 1965; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,2,525
Großbritannien ist ein nordwesteuropäischer, seit 1. 1. 1973 der -> Europäischen Gemeinschaft bzw. -> Europäischen Union angehörender Staat. Er entsteht 1707 durch die Überführung der 1603 gebildeten Personalunion zwischen England und Schottland in eine -> Realunion (Vereinigung des englischen und schottischen Parlamentes). Sein amtlicher Name lautet United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland (Selbstverwaltung 1999, zeitweise aufgehoben). Seine ungeschriebene Verfassung nähert sich unter dem Einfluss des Europarechts den kontinentaleuropäischen Verfassungen an (1998 Human Rights Act zur Aufnahme der Europäischen Menschenrechtskonvention). -> England, -> Schottland, -> Irland
Lit.:
Hrebek, R./Keutsch, W., Gesellschaft und Staat in Großbritannien, 1971; Ritter,
G., Parlament und Demokratie in Großbritannien, 1972; Wellenreuther, H., Der Aufstieg des ersten britischen
Weltreichs, 1987; Metz, K., Industrialisierung und soziale Sicherheit, 1988; British Biographical
Index, hg. v. Bank, D., 1990; Speck, W., A Concise History of Britain, 1993; Rubin, G., Private Property, 1994; Händel,
H./Gossel, D., Großbritannien, 3. A. 1994; Hübner, E./Münch, U., Das politische
System Großbritanniens, 1998; Brodersen, K., Das römische Britannien, 1998; The
Oxford History of the British Empire, Bd. 1f., hg. v. Marshall, P., 1998ff.;
Ottow, R., Eine kommentierte Bibliographie zum britischen Verfassungsdenken der
frühen Neuzeit, 1999; Todd, M., Romain Britain, 3. A. 1999; A Handbook of Dates, for Students of British History, ed. by
Cheney, C. R., revised by Jones, M., 2000; Tompson, R., Islands of law, 2000;
Schnurmann, C., Vom Inselreich zur Weltmacht, 2001; Wende, P., Großbritannien
1500 bis 2000, 2001; Schieren, S., Die stille Revolution – Der Wandel der
britischen Demokratie unter dem Einfluss der europäischen Integration, 2001;
Moeder, R., Inzidente Gesetzesprüfung im Vereinigten Königreich, 2002
Großherzog ist ein Fürstentitel (Toskana 1569, Berg, Hessen-Darmstadt 1806, Luxemburg 1815).
Grotius (de Groot), Hugo (Huig) (Delft 10. 4. 1583 - Rostock 28. 8. 1645), Patrizierssohn, wird nach dem 1594 begonnenen Studium in Leiden und der Promotion in Orléans (1598) 1599 Anwalt und danach Syndikus. 1606-8 erarbeitet er das Werk (lat.) De iure praedae (Vom Recht der Beute), wobei er den Grundsatz der Freiheit der Meere vertritt. 1619 wird er aus politischen Gründen zu lebenslanger Haft verurteilt, aus welcher er 1621 nach Frankreich flieht. In der Gefangenschaft verfasst er die 1621 veröffentlichte niederländische, der Systematik der Institutionen Justinians folgende Inleydinge tot de Hollandsche Rechts-Geleertheyd, in der Verbannung sein Hauptwerk (lat.) De iure belli ac pacis libri tres (, 1625, Drei Bücher Kriegs- und Friedensrecht [einschließlich etwa von Eigentum, Vertrag, unerlaubter Handlung oder Strafe]). Dabei überführt er die aus der Moraltheologie stammenden Naturrechtslehren in die Rechtswissenschaft.
Lit.:
Köbler, DRG 144, 146; Wehberg, H., Hugo Grotius, 1956; Dießelhorst, M., Die
Lehre des Hugo Grotius vom Versprechen, 1959; ter Meulen, J./Diermanse, P.,
Bibliographie des écrits sur Hugo Grotius imprimés au 17e siècle, 1961; De
Pauw, F., Grotius and the Law of Sea, 1965; Brandt, R., Eigentumstheorien von
Grotius bis Kant, 1974; Link, C., Hugo Grotius als Staatsdenker, 1983; The
World of Hugo Grotius, 1984; Hugo Grotius and International Relations, hg. v.
Bull, H. u. a., 1990, 133;
Schnepf, R., Naturrecht und Geschichte bei Hugo Grotius, ZNR 1998, 1
Grundbuch ist ein vom Grundbuchamt geführtes, alle die Rechtsverhältnisse an Grundstücken betreffenden Beurkundungen aufnehmendes öffentliches Register. Seine Ursprünge liegen im Mittelalter (-> Köln um 1130 -> Schreinskarten, Metz [1197], Andernach [12. Jh.], Lübeck [1284], österreichische Städte [14. Jh.]). Die Ordnung erfolgt zunächst nach Geschehniszeitpunkten oder nach Personen, in Anklam (1401) und Hannover (1428) bereits nach einzelnen Grundstücken (Realfoliensystem). Die Aufzeichnung dient anfangs der Gedächtnisstützung, gewinnt später aber selbständigen (konstitutiven) Rechtswert. Die Aufnahme des römischen Rechts drängt das G. zurück. Zunächst nur in Sachsen, seit dem 19. Jh. allgemein (Sachsen 1843, Österreich 1871, Preußen 1872, Deutsches Reich 24. 3. 1897), setzt es sich aus Verkehrsbedürfnissen durch (Dreiteilung in Eigentümer, Reallasten usw., Hypotheken usw.). 1995 beschließt Griechenland als (bislang) letzter Mitgliedsstaat der Europäischen Union, (bis 2009) ein G. einzurichten.
Lit.: Hübner 235; Köbler, DRG 125, 163, 212; Mascher, H., Das deutsche Grundbuch- und Hypothekenwesen, 1869; Randa, A., Die geschichtliche Entwicklung des Institutes der öffentlichen Bücher in Österreich, Z. f. d. Privat- und öffentl. Recht 6 (1879), 81; Grundbuch des Kölner Judenviertels 1135-1425, bearb. v. Kober, A., 1920, Neudruck 2000; Hedemann, J., Die Fortschritte des Zivilrechts im 19. Jahrhundert, II, 2, 1935; Conrad, H., Liegenschaftsübertragung und Grundbucheintragung, 1935; Demelius, H., Österreichisches Grundbuchsrecht, 1948; Deckwirth, H., Das Haus- und Verlassungsbuch der Altstadt Hannover, Hans. Geschichtsbll. N.F. (1971), 1; Böhringer, W., Historie und Vergleich, Rechtspfleger-Studienhefte 1997, 33
Grunddienstbarkeit ist diejenige -> Dienstbarkeit (lat. [F.] servitus), bei der ein Grundstück zugunsten des jeweiligen Eigentümers eines anderen Grundstücks in der Weise belastet wird, dass dieser das Grundstück in einzelnen Beziehungen benutzen darf, dass auf dem Grundstück gewisse Handlungen nicht vorgenommen werden dürfen oder dass die Ausübung eines Rechts ausgeschlossen ist. Dem älteren deutschen Recht ist die G. fremd. Mit der Zunahme der Siedlungsdichte entwickeln sich Nutzungsrechte an fremden Grundstücken. Mit der Aufnahme des römischen Rechts im ausgehenden Mittelalter dringt die Unterscheidung von bloß bestimmten Personen zustehenden Dienstbarkeiten und den dem jeweiligen Eigentümer eines Grundstücks zustehenden Dienstbarkeiten ein.
Lit.: Köbler, DRG 41; Naendrup, H., Zur Geschichte deutscher Grunddienstbarkeiten, 1900; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1f. 1985ff.
Grundeigentum ist das -> Eigentum an einem -> Grundstück. Im Mittelalter ist das Grundstück vielfach lehnsrechtlich oder grundherrschaftlich gebunden. Im 19. Jh. werden diese Bindungen aufgehoben.
Lit.: Judeich, Die Grundentlastung in Deutschland, 1863; Hausmann, S., Die Grundentlastung in Bayern, 1892; Dyckerhoff, E., Die Entstehung des Grundeigentums und die Entwicklung der gerichtlichen Eigentumsübertragung, 1909; Habermann, N., Die preußische Gesetzgebung zur Herstellung eines frei verfügbaren Grundeigentums, in: Wissenschaft und Kodifikation, hg. v. Coing, H. u. a.., Bd. 3 1976, 3; Goeke, U., Das Grundeigentum im Luftraum und im Erdreich, 1999
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist die Verfassung(surkunde) der Bundesrepublik Deutschland vom 23. 5. 1949. Das G. entsteht auf Veranlassung der westlichen Besatzungsmächte des Deutschen Reiches. Ein von den 11 Ministerpräsidenten berufener Verfassungskonvent arbeitet vom 10. bis 23. 8. 1948 auf Herrenchiemsee einen Entwurf eines vorläufigen Organisationsstatuts aus. Dieser wird von einem -> Parlamentarischen Rat in Bonn überarbeitet, von den drei westlichen Militärgouverneuren genehmigt und von den Vertretungen von 10 der 11 damaligen Länder angenommen. Er gliedert sich in einen Grundrechtsteil und einen Organisationsteil (Bundesstaat, Bundestag, Bundesrat, Bundespräsident, Bundeskanzler, Bundesverfassungsgericht und [5] Bundesgerichte).
Lit.:
Köbler, DRG 256; Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, hg. v. Becker,
J., 1979; Buchner, P., Der Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee, 1981;
Diestelkamp, B., Die Verfassungsentwicklung in den Westzonen, NJW 1989, 1312;
Das Grundgesetz und die Bundesrepublik Deutschland, hg. v. Benz, W. u. a.,
1989; Robbers, G., Die Änderungen des Grundgesetzes, NJW 1989, 1125; Das Grundgesetz.
Dokumentation seiner Entstehung, hg. v. Schneider, H., 1990ff.; Wehner, G., Die
Westalliierten und das Grundgesetz, 1994; Kahl, W., Die Entstehung des
Grundgesetzes, JuS 1997, 1083; Bauer, A./Jaestedt, M., Das Grundgesetz im
Wortlaut, 1997; Niclauß, K., Der Weg zum Grundgesetz, 1998; Niclauß, K., Der
Weg zum Grundgesetz, 1998; Wilms, H., Ausländische Einwirkungen auf die
Entstehung des Grundgesetzes, 1999; Wilms, H., Die Entstehung des
Grundgesetzes, 1999; Schneider, H., 50 Jahre Grundgesetz, NJW 1999, 1497; Die
Entstehung des Grundgesetzes, hg., v. Feldkamp, M., 1999; Auf dem Weg zum
Grundgesetz, hg. v. Brakelmann, G., 1999, Wilms, H., Ausländische Einwirkungen
auf die Entstehung des Grundgesetzes, 1999
Grundherr -> Grundherrschaft
Grundherrschaft ist eine von einem (weltlichen oder geistlichen) Grundherrn (z. B. König, Bischof) beherrschte Gesamtheit von Gütern, welche dieser von einem Haupthof (-> Fronhof, Salhof) aus mit Hilfe abhängiger Bauern (Grundholden, Hintersassen) bewirtschaftet. Bereits im Altertum finden sich Verbindungen von umfangreichem Eigentum an Grundstücken und Herrschaftsrechten über Menschen. Wie weit die Germanen Vorformen der G. kennen, ist trotz der Hinweise Tacitus’ nicht sicher. Jedenfalls ist bereits im Frühmittelalter die G. (mit bis zu 5000 Höfen) weit verbreitet. In sie treten Bauern durch Vergebung ihres Hofes ein. Die meist unfreien Hintersassen haben für die Nutzung des ihnen überlassenen Grundstückes -> Abgaben und -> Dienste zu leisten. Die G. ist ein wichtiger Ausgangspunkt für die Bildung von Landesherrschaft. Mit dem Eindringen der Geldwirtschaft im Hochmittelalter wird die G. zur ->Rentengrundherrschaft. Im Nordosten des Reiches entwickelt sie sich seit dem Spätmittelalter zur -> Gutsherrschaft. Der Grundherr erlangt vielfach Patrimonialgerichtsbarkeit und Polizeigewalt. Seit dem ausgehenden 18. Jh. wird die G. bis zur Mitte des 19. Jhs. allgemein beseitigt (-> Bauernbefreiung, Ablösungsgesetzgebung). Grundsätzlich ist die (bäuerliche) G. vom (adligen) -> Lehen streng zu trennen.
Lit.:
Köbler, DRG 16, 28, 32, 51, 77, 96, 111, 133, 174; Wittich, W., Die
Grundherrschaft in Nordwestdeutschland, 1896; Kötzschke, R., Studien zur
Verwaltungsgeschichte der Großgrundherrschaft Werden, 1901; Hofbauer, S., Die
Ausbildung der großen Grundherrschaften im Reiche der Merowinger, 1927; Perrin,
C., Recherches sur la seigneurie rurale, 1935; Dopsch, A., Herrschaft und Bauer
in der deutschen Kaiserzeit, 1939; Lütge, F., Die mitteldeutsche
Grundherrschaft, 2. A. 1957; Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des
mittelalterlichen Dorfes, Bd. 1ff. 1957ff.; Sprandel, R., Das Kloster St.
Gallen, 1958; Lennard, R., Rural England, 1959; Feigl, H., Die
niederösterreichische Grundherrschaft, 1964; Lindkvist, T., Landborna i Norden,
1979; Die Grundherrschaft im späten Mittelalter, hg. v. Patze, H., 1983; Vassberg, D., Land and Society in Golden Age
Castile, 1984; Strukturen der Grundherrschaft im frühen Mittelalter, hg. v.
Rösener, W., 1989; Rösener, W., Grundherrschaft im Wandel, 1991; Kuchenbuch, L.,
Grundherrschaft, 1991; Simon, T., Grundherrschaft und Vogtei, 1995; Grundherrschaft und
bürgerliche Gesellschaft im Hochmittelalter, hg. v. Rösener, W., 1995;
Strutture e trasformazioni della signoria rurate, hg. v. Dilcher, G. u. a.,
1996; Otto, G., Die Arbeitsverfassung der bayerischen Grundherrschaft, 1998
Grundholde -> Grundherrschaft
Grundlagenvertrag ist der am 21. 12. 1972/6. 6. 1973 zwischen Bundesrepublik Deutschland und Deutscher Demokratischer Republik abgeschlossene Vertrag.
Lit.: Nakath, D., Die Verhandlungen zum deutsch-deutschen Grundlagenvertrag 1972, 1993
Grundpfandrecht ist das in der Verpfändung eines Grundstücks bestehende beschränkte dingliche Recht. -> Hypothek, -> Grundschuld
Lit.: Köbler, DRG 212; Planitz, H., Das deutsche Grundpfandrecht, 1936, Neudruck 1983; Schulin, H., Zur Entwicklung des Grundpfandrechts in der Schweiz, in: Wissenschaft und Kodifikation des Privatrechts, hg. v. Coing, H. u. a., Bd. 3 1976
Grundrecht ist das dem einzelnen zustehende, verfassungsmäßig verbürgte elementare Recht. Eine Vorform des Grundrechts wird in den Rechten sichtbar, welche der englische König Johann Ohneland am 15. 6. 1215 den Baronen in der (lat.) -> Magna Charta (F.) libertatum (große Urkunde der Freiheiten) verbriefen muss (z. B. Steuerbewilligung, Pairsgericht). Zur gleichen Zeit sehen einzelne naturrechtliche Theoretiker (Thomas von Aquin 1225-1274) Leben, Freiheit und Eigentum als dem Zugriff des Staates entzogene allgemeine Rechte des Menschen an. In der Neuzeit betonen die Erklärung vom Dordrecht (15./16. 7. 1572) in den Niederlanden sowie Petition of Rights (1628), Habeas-Corpus-Act (1679) und Declaration of Rights (1689) besondere Rechte des einzelnen. In den Einzelstaaten Amerikas finden zu Beginn des Unabhängigkeitskrieges gegen England auch fundamentale Rechte ([engl.] inherent rights, unalienable rights, [franz.] 1770 droits fundamentaux) des einzelnen in die formellen Verfassungen Eingang. Dem folgen deutsche Verfassungen im 19. und 20. Jh. (Preußen 1850, nicht die Verfassung von 1871, Österreich 21. 12. 1867), wobei sich viele Grundrechte bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom politischen Programmsatz zum einlösbaren Rechtsanspruch wandeln. Inhaltlich bilden die verschiedenen Formen der -> Freiheit und der -> Gleichheit (-> Gleichheitsgrundsatz) den Kern der in erster Linie gegen den Staat gerichteten Grundrechte. -> Menschenrecht
Lit.:
Köbler, DRG 191, 194, 195, 231, 232, 257; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2
1975, 1047; Mommsen, T., Die Grundrechte des deutschen Volkes, 1849, Neudruck
1969; Fürstenau, H., Das Grundrecht der Religionsfreiheit, 1891; Eckhardt, E.,
Die Grundrechte vom Wiener Kongreß bis zur Gegenwart, 1913; Jellinek, G., Die
Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, 4. A. 1927; Grundrechte und
Grundpflichten der Reichsverfassung, hg. v. Nipperdey, H., Bd. 1ff. 1929ff.;
Rimscha, W. v., Die Grundrechte im süddeutschen Konstitutionalismus, 1973;
Huber, E., Grundrechte im Bismarkschen Reichssystem, FS U. Scheuner, 1973, 163;
Oestreich, G., Geschichte der Menschenrechte und Grundfreiheiten, 2. A. 1978;
Grundrechte im 19. Jahrhundert, hg. v. Dilcher, G. u. a., 1982; Starck, C.,
Entwicklung der Grundrechte, 1982; Sutter, B., Die Entwicklung der Grundrechte,
1982; Loew, W., Die Grundrechte, 2. A. 1982; Köck, H., Der Beitrag der Schule
von Salamanca zur Entwicklung der Lehre von den Grundrechten, 1987; Eisenhardt, U., Die
gerichtliche Überprüfung, in: Wege europäischer Rechtsgeschichte, 1987, 75; Brauneder,
W., Geschichte der Grundrechte in Österreich, 1992; Dreier, H., Dimensionen der
Grundrechte, 1993;
Böhme, H., Politische Rechte des einzelnen in der Naturrechtslehre, 1993;
Schmale, W., Archäologie der Grund- und Menschenrechte, 1997; Kröger, K.,
Grundrechtsentwicklung, 1998; Mohnhaupt, H., Von den leges fundamentales, Ius
commune 25 (1998), 121; Hufen, E., Entstehung und Entwicklung der Grundrechte,
NJW 1999, 1504; Lamprecht, R., Vom Untertan zum Bürger, 1999; Müller, J.,
Grundrechte in der Schweiz, 1999; Eisenhardt, U., Zur Entwicklung des
Grundrechtsverständnisses, FS A. Söllner, 2000; Die Grundrechte im Spiegel des
Plakats, hg. v. Artinger, K., 2000; Austermühle, G., Zur Entstehung und
Entwicklung eines persönlichen Geheimsphärenschutzes, 2002; Das Menschenbild
der Grundrechte, hg. v. Schünemann, B. u. a., 2002; Schäfer, H.,
Die ungeschriebenen Freiheitsrechte in der schweizerischen Bundesverfassung,
2002; Quellen zur Entstehung der Grundrechte in Deutschland, hg. v.
Fikentscher, W. u. a., 2002
Grundrente ist der Ertrag, den der Grund (Grundstück) ohne Arbeitsaufwand und Kapitalaufwand des Eigentümers abwirft. Die G. ist eine vermögensrechtliche -> Reallast. Sie hat sich vermutlich aus der -> Erbleihe entwickelt. Später wird die G. durch -> Rentenkauf geschaffen. Seit dem 14. Jh. überwiegt die Geldrente die Rente in Naturalleistungen. In der Neuzeit wird die G. durch das verzinsliche hypothekarisch gesicherte -> Darlehen ersetzt.
Lit.: Hübner 397
Grundruhr ist die Berührung des Grundes durch ein Schiff (beim Schiffbruch). Die anfängliche Folge der G. ist, dass das Gut dem zufällt, der es in Besitz nimmt. Seit dem 12. Jh. wird dies von Kirche und Kaiser bekämpft und durch das Strandregal zu ersetzen versucht. Das Völkerrecht der Gegenwart gesteht ein Strandrecht bzw. Bergerecht dem Küstenstaat zu.
Lit.: Nittemaa, V., Das Strandrecht in Nordeuropa im Mittelalter, 1955
Grundschuld ist eine Belastung eines Grundstückes in der Weise, dass an denjenigen, zu dessen Gunsten die Belastung erfolgt, eine bestimmte Geldsumme aus dem Grundstück zu zahlen ist. Die in Mecklenburg ausgebildete G. wird 1900 in das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch aufgenommen.
Lit.: Kroeschell, DRG 2, 3; Köbler, DRG 213; Buchholz, S., Abstraktionsprinzip und Immobiliarrecht, 1978
Grundsteuer ist die von -> Grundstücken und grundstücksgleichen Rechten zu entrichtende -> Steuer. Sie wird bereits von dem römischen Kaiser Diokletian (284-313/6) erhoben. Der frühneuzeitliche Staat greift dies wieder auf. Wegen der bisher eher geringen Höhe ist künftig mit verstärkter Abschöpfung zu rechnen.
Lit.: Köbler, DRG 55, 152; Mit dem Zehnten fing es an, hg. v. Schultz, U., 3. unv. A. 1992
Grundstück ist der abgegrenzte Teil der Erdoberfläche (, der im Bestandsverzeichnis eines Grundbuchblattes unter einer besonderen Nummer gebucht ist). Im römischen Recht sind die italischen Grundstücke (lat.) -> res (F.Pl.) mancipi. Im deutschen Recht wird das G. vielfach anders behandelt als die bewegliche Sache. Im 20. Jh. ist der Erwerb landwirtschaftlich genutzter Grundstücke durch das Erfordernis staatlicher Genehmigung eingeschränkt (Grundstücksverkehrsbekanntmachung vom 15. 3. 1918, Grundstücksverkehrsgesetz vom 28. 7. 1961, österreichische Grundverkehrsordnung vom 9. 8. 1915, Grundverkehrsgesetz 1919).
Lit.: Kaser §§ 18, 28; Hübner 181; Köbler, DRG 90; Hallermann, H., Die Erbleihe an Grundstücken in den westfälischen Städten, 1925; Richter, G., Die Grundstücksübertragung im ostfälischen Sachsen, 1934; Mayer-Edenhauser, T., Das Recht der Liegenschaftsübereignung in Freiburg, 1937; Köbler, G., Die rechtliche Regelung des Eigentumserwerbs an Grundstücken in Preußen, in: Wissenschaft und Kodifikation, hg. v. Coing, H. u. a., Bd. 3 1967, 201; Joswig, D., Die germanische Grundstücksübertragung, 1984
Gründungsstadt ist die durch bewusste Gründungshandlung geschaffene -> Stadt (z. B. Freiburg im Breisgau 1120?).
Lit.: Kroeschell, DRG 2
Grundvertrag -> Grundlagenvertrag
Gudelinus (Goudelin), Petrus (Ath 1550 - Löwen 1619) wird nach dem Rechtsstudium (1567) in Löwen und einer Tätigkeit als Advokat 1582 Professor in Löwen. In seinen posthum veröffentlichten Werken verbindet er römisches Recht mit den Gewohnheitsrechten der Niederlande und Frankreichs.
Lit.:
Leuven. 550 jaar universiteit, 1976, 301
Gulathingsbok ist das in einer Handschrift der Mitte des 13. Jh.s (um 1250) und in weiteren Fragmenten überlieferte, vielleicht in verschiedenen Redaktionen (Olavstext, Magnustext) des späten 11. bis 13. Jh.s gefasste Recht des Things von Gula (Gulen) nahe dem Sognefjord, welches die älteste norwegische Rechtsaufzeichnung darstellt. 1267 setzt König -> Magnus Hakonarson eine neue, nur in ihrem Christenrecht erhaltene G. in Kraft. Zahlreiche Bestimmungen werden 1274 in das norwegische Reichsrecht (Landslag) übernommen.
Lit.:
Norwegisches Recht. Das Rechtsbuch des Gulathings, hg. v. Meißner, R., 1935;
Amira, K. v./Eckhardt, K., Germanisches Recht, Bd. 1
4. A. 1960, 112; Sveaas Andersen, P., Samlingen av Norge, 1977, 247
Gülte, Gült, ist eine Bezeichnung für die mittelalterliche -> Grundrente.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 116
Gundling, Nicolaus Hieronymus
(Kirchensittenbach 25. 2. 1671 - Halle 9. 12. 1729), Pfarrerssohn, wird nach
dem Studium der Theologie in Altdorf, Jena, Leipzig und Altdorf Hofmeister in
Halle. Als Schüler Thomasius’ wird er Professor für Beredsamkeit und Naturrecht
in Halle (Abriß zu einer rechten Reichshistorie, 1708).
Lit.: Stolleis, M., Geschichte des
öffentlichen Rechts in Deutschland, Bd. 1 1988, 302
Gutachten ist die Beurteilung einer Frage durch einen Fachmann. Bereits die klassische römische Rechtswissenschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass seit Augustinus (63 v. Chr. - 14 n. Chr.) einzelnen Juristen (Respondierjuristen) das Recht verliehen wird, auf eine Anfrage im Namen des Staatsoberhauptes (lat. [M.] princeps) eine gutachtliche Antwort (lat. [N.] responsum) zu erteilen, welcher der (lat. [M.] iudex) Richter zu folgen hat. Seit dem 13. Jh. erteilen die oberitalienischen Juristen (-> Konsiliatoren, z. B. Johannes Bassianus als Schüler des -> Bulgarus, Azo [1150?-1220]) G. Mit der -> Aktenversendung beginnt eine reiche gutachterliche Tätigkeit der juristischen Fakultäten (bis 1877/9). Die Technik des Gutachtens geht von der Frage aus und folgert von Voraussetzungen auf ein Ergebnis hin.
Lit.: Söllner §§ 9, 10, 14, 15, 17; Köbler, DRG 107; Seeger, H., Die strafrechtlichen Consilia Tubingensia, 1877; Kohler, J./Liesegang, E., Das Römische Recht am Niederrhein, Bd. 1f. 1896ff.; Klugkist, E., Die Göttinger Juristenfakultät als Spruchkollegium, Diss. jur. Göttingen 1951 masch.schr.; Baumgärtel, G., Die Gutachter- und Urteilstätigkeit der Erlanger Juristenfakultät, Diss. jur. Erlangen 1952; Schott, C., Rat und Spruch der Juristenfakultät Freiburg im Breisgau, 1965; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967; Schikora, A., Die Spruchpraxis an der juristischen Fakultät zu Helmstedt, 1972; Kempter, F., Die Gutachten- und Urteilstätigkeit der Juristenfakultät Ingolstadt-Landshut-München, Diss. jur. Mannheim 1976
Gutalagh ist das wohl nach 1285 (str.) in der Volksversammlung nach norwegischem Vorbild entstandene, in zwei Handschriften (um 1350, [1470 bzw.] 1587) und zwei Übersetzungen überlieferte Recht der Insel Gotland, das um 1400 auch in die deutsche Sprache übersetzt wird.
Lit.: Wessén, E., Lex Gotlandiae, 1945; Amira, K. v./Eckhardt, K., Germanisches Recht, Bd. 1 4. A. 1960, 108; Sjöholm, E., Gesetze als Quellen mittelalterlicher Geschichte, 1976
Gütergemeinschaft ist der (vertragliche) Güterstand, bei dem grundsätzlich das gesamte Vermögen der Ehegatten, das sie bei Eingehung der -> Ehe haben oder später erwerben, kraft Gesetzes gemeinschaftliches Vermögen (Gesamtgut) wird. Die G. findet sich bereits im Frühmittelalter bei Franken und Westfalen in der Form der -> Errungenschaftsgemeinschaft. Im Hochmittelalter dringt sie in örtlich recht verschiedener Form weiter vor, wobei die Verwaltung der Güter grundsätzlich dem Mann zusteht. Im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch (1900) wird die für rund 11 Millionen Menschen bestehende allgemeine Gütergemeinschaft zu einem vertraglich festlegbaren Ehegüterstand (Wahlgüterstand), für den der Grundsatz der -> Gesamthand gilt.
Lit.: Hübner; Köbler, DRG 88, 122, 161, 207, 210, 267; Schröder, R., Geschichte des ehelichen Güterrechts in Deutschland, Bd. 1ff. 1863ff., Neudruck 1967; Possel-Dölken, P., Das westfälische eheliche Güterrecht im 19. Jahrhundert, 1978
guter Glaube ist das Vertrauen auf die Richtigkeit eines Anscheins. Im römischen Recht (D. 50, 17, 54) gilt der Grundsatz (lat.) -> nemo plus iuris transferre potest quam ipse haberet (niemand kann mehr Rechte übertragen als er hat), so dass nur der wahre Berechtigte ein Recht übertragen kann. Demgegenüber schützen hochmittelalterliche Quellen den Erwerber von Sachen, die der Berechtigte freiwillig aus der Hand gegeben hat, ohne dass Unkenntnis des Rechtsmangels vom Dritten verlangt wird. Der (lat.) Codex (M.) Theresianus (1766) lässt den sofortigen Erwerb durch den gutgläubigen Erwerber zu. Gedanklich beeinflusst könnte dabei die Formulierung g. G. von der lateinischen bona fides (F.) (guten Treue) sein.
Lit.: Hübner 433; Kroeschell, DRG 2; Köbler, DRG 212; Bruns, C., Das Wesen der bona fides bei der Ersitzung, 1872; Hübner, H., Der Rechtsverlust im Mobiliarsachenrecht, 1955; Kofferath, G., Stand der Forschung über die geschichtlichen Grundlagen des Gutglaubensschutzes (§§ 932ff. BGB), Diss. jur. Bonn 1962; Kaiser, M., Der gute Glaube im Codex iuris canonici, 1965; Söllner, A., Der Erwerb vom Nichtberechtigten in romanistischer Sicht, FS H. Coing, 1982, 389; Hinz, W., Die Entwicklung des gutgläubigen Fahrniserwerbs, 1991; Good Faith in European Contract Law, ed. by Zimmermann, R. u. a., 2000
Güterrecht -> Ehegüterrecht
Gütertrennung ist der Ehegüterstand, bei dem jeder Ehegatte alleiniger Berechtigter der ihm bei der Eheschließung gehörigen Güter bleibt und alleiniger Berechtigter der von ihm in der Ehe erworbenen Güter wird. Bei den Germanen wird, sofern die Frau Gut (Aussteuer, Unterhaltssicherung) in die Ehe einbringt, dieses Gut wohl vom Mann (nur) verwaltet. Dieser Güterstand der grundsätzlichen Gütertrennung mit Verwaltungseinheit auf der Seite des Mannes, besteht anscheinend im Frühmittelalter bei den deutschen Stämmen mit Ausnahme der Franken und Westfalen. Später wird die G. von der -> Gütergemeinschaft zurückgedrängt. Die neuzeitlichen Kodifikationen behandeln die G. als einen Regelgüterstand. In Österreich sieht § 1237 ABGB (1811/2) Gütertrennung vor, welche aber infolge verschiedener unklarer Vermutungen inhaltlich als „vermutete“ Verwaltungsgemeinschaft verstanden wird. Im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch (1900) ist die G. ein Wahlgüterstand. Die mit dem Gleichberechtigungsgesetz vom 18. 6. 1957 als Regelgüterstand festgelegte -> Zugewinngemeinschaft ist inhaltlich G. mit Wertausgleich der Zugewinne beider Ehegatten nach Auflösung der Ehe. Daneben ist die einfache G. zulässig.
Lit.: Hübner; Köbler, DRG 88, 122, 161, 210, 267; Schröder R., Geschichte des ehelichen Güterrechts in Deutschland, Bd. 1ff. 1863ff., Neudruck 1967; Martitz, F., Das eheliche Güterrecht des Sachsenspiegels, 1867; Brauneder, W., Die Entwicklung des Ehegüterrechts in Österreich, 1973
gutes altes Recht ist ein Schlagwort für die von Fritz Kern verbreitete Ansicht, dass das germanische Recht deswegen gegolten habe, weil es alt und gut gewesen sei, so dass im Mittelalter Recht nicht geschaffen, sondern nur nach Beseitigung der von den Menschen bewirkten Verdunkelung wiederentdeckt habe werden können. Diese Ansicht widerspricht der germanischen und mittelalterlichen Wirklichkeit, in der sich Recht unablässig entsprechend den menschlichen Bedürfnissen ausformt. Sie deckt sich allerdings mit der christlichen Trias von Paradies, Sündenfall und Erlösung, der im Recht der göttliche Dekalog, die menschliche Verirrung (Rechtsverdunkelung) und die (Möglichkeit der) Rückkehr zum von Gott gegebenen (und deswegen notwendigerweise guten, alten) Recht entspricht, wie sie die christliche Kirche auch im Mittelalter verkündet.
Lit.: Kern,
F., Über die mittelalterliche Anschauung vom Recht, HZ 115 (1916), 496; Köbler,
G., Das Recht im frühen Mittelalter, 1971; Rückert, J., Die Rechtswerte der
germanistischen Rechtsgeschichte im Wandel der Forschung, ZRG GA 111 (1994),
272; Köbler, G., Recht, Gesetz und Ordnung im Mittelalter, in: Funktion und
Form, hg. v. Kroeschell, K. u. a., 1996, 93; Willoweit, D., Vom guten alten Recht,
Jb. d. historischen Kollegs, 1997, 23
gute Sitten (lat. -> boni mores [M.Pl.]) sind die vom Recht für anerkennenswert gehaltenen Verhaltensweisen. Im römischen Recht werden Geschäfte, die das (gute) Herkommen der Vorfahren (lat. [boni] mores [M.Pl.] maiorum) verletzen, wie beispielsweise die Schenkung einer erwarteten Erbschaft eines noch lebenden Dritten, von den Juristen und den Kaisern als rechtswidrig bekämpft. Mit der Aufnahme des römischen Rechtes seit dem Spätmittelalter werden die guten Sitten als Bewertungsmaßstab übernommen.
Lit.: Kaser § 9 II; Köbler, DRG 43; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1 1985, 414
Gutglaubensschutz -> guter Glaube
gutgläubiger Erwerb ist der Erwerb einer nicht dem Veräußerer gehörigen Sache zu Lasten des Berechtigten durch einen Erwerber, der -> guten Glauben in bezug auf das Recht des Veräußerers haben muss. Der gutgläubige Erwerb dient dem Verkehrsinteresse.
Lit.:
Kroeschell, 20. Jh.; Hinz, W., Die Entwicklung des gutgläubigen Fahrniserwerbs,
1991; Hinz,
W., Die Entwicklung des gutgläubigen Fahrniserwerbs, ZEuP 1995, 398 Engstfeld,
J., Der Erwerb vom Nichtberechtigten, 2002
Gutsherrschaft ist das geschlossene, in Eigenwirtschaft durch Tagelöhner bewirtschaftete Großgrundeigentum (-> Grundherrschaft), in welchem der Eigentümer meist auch die unteren hoheitlichen Befugnisse (Gerichtsbarkeit, Polizei) ausübt. Sie entsteht als Folge der mittelalterlichen Ostsiedlung, in welcher der oft ritterliche Siedlungsunternehmer Vorrechte erlangt. Seit dem Spätmittelalter sieht sich der adlige, im Kriegswesen entbehrlich werdende Ritter darauf verwiesen, seine Eigenwirtschaft auszuweiten. Unter Verwendung der ihm vom Landesherrn überlassenen Herrschaftsrechte verdrängt er seit der Mitte des 16. Jh.s die Bauern von ihren Höfen (Bauernlegen). Seit dem Ende des 18. Jh.s wird die G. von der Aufklärung bekämpft. Im 19. Jh. werden viele Güter aufgeteilt, 1945 findet eine sozialistische Enteignung der (ostdeutschen) Gutsherren statt.
Lit.:
Köbler, DRG 134; Maybaum, H., Die Entstehung der Gutsherrschaft im
nordwestlichen Mecklenburg, 1926; Spies, K., Gutsherr und Untertan in der
Mittelmark Brandenburg zu Beginn der Bauernbefreiung, 1972; Die Grundherrschaft
im späten Mittelalter, hg. v. Patze, H., 1983; Konflikt und Kontrolle,
in: Haak, H., Die Gutsherrschaft, 1991; Gutsherrschaftsgesellschaften, hg. v.
Peters, J., 1997; Schleinert, D., Die
Gutswirtschaft im Herzogtum Pommern-Wolgast, 2001; Maur, E., Gutsherrschaft und
zweite Leibeigenschaft in Böhmen, 2001
Haager Landkriegsordnung ist das auf den Friedenskonferenzen in Den Haag (Niederlande) 1899/1907 geschlossene Abkommen über die Gesetze und Gebräuche des Landkrieges.
Lit.: Ziegler, K., Völkerrechtsgeschichte, 1994
Haarscheren ist eine Form der Körperstrafe oder sonstigen kennzeichnenden Behandlung.
Lit.: His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 1f. 1920ff., Neudruck 1964
Habeas-corpus-Akte ist das 1679 zum Schutz der Freiheit erlassene englische Gesetz, nach welchem niemand ohne richterlichen Haftbefehl verhaftet oder ohne richterliche Überprüfung in -> Haft gehalten werden darf.
Lit.: Kluxen, K., Englische Verfassungsgeschichte, 1987
Habilitation ist der Nachweis vertiefter wissenschaftlicher
Befähigung zu Lehre und Forschung in Deutschland seit dem frühen 19.
Jahrhundert (Berlin 1810/1816, um 1870 in Tübingen erst 58
Prozent der ordentlichen Professoren habilitiert).
Lit.: Bruch, R. vom,
Forschung und Lehre, 2000, 69
Habsburg (Habichtsburg) ist eine um 1020 von Bischof Werner von Straßburg an der oberen Aare (in der heutigen Nordostschweiz) errichtete Burg, nach welcher sich seit 1090 eine südwestdeutsche, bis in das 10. Jh. zurückzuverfolgende Adelsfamilie benennt, die 1273 den deutschen König (Rudolf von H.) stellt. Sie belehnt sich 1282 in den Söhnen des Königs mit -> Österreich und baut von dort eine Hausmacht auf. Vom Spätmittelalter bis 1806 stammt der König bzw. Kaiser des Heiligen Römischen Reichs (deutscher Nation) fast durchgehend aus dieser Familie. Von 1806 bis 1918 herrscht sie im selbständig gewordenen Österreich(-Ungarn) weiter.
Lit.:
Köbler, DRG 95, 129, 131; Köbler, Historisches Lexikon; Das Habsburgische
Urbar, Bd. 1f. 1894ff.; Die Auflösung des Habsburgerreiches, 1970; Wandruszka,
A., Das Haus Habsburg, 1978; Wachter, D., Der Aufstieg der Habsburger, 1982;
Die Habsburger, hg. v. Hamann, B., 1988; Kamm, R., Geschichte des
Habsburgerreiches, 1990;
Krieger, K., Die Habsburger im Mittelalter, 1994;
Bankl, H., Die kranken Habsburger, 1998; Hansert, A., Welcher Prinz wird König,
1998; Noflatscher, H., Räte und Herrscher, 1998; Die Habsburger im deutschen
Südwesten, hg. v. Quarthal, F./Faix, G., 1999; Erbe, M., Die Habsburger, 2000; Heimann,
H., Die Habsburger, 2001; Leidinger, H./Moritz,
V./Schippler, B., Schwarzbuch der Habsburger, 2003
Hafen ist der Landeplatz und die Liegestelle
für Schiffe. Der H. erscheint schon im Altertum.
Lit.: See- und Flusshäfen
vom Hochmittelalter bis zur Industrialisierung, hg. v. Stoob, H., 1986;
Rademacher, M., Die Geschichte des Hafen- und Schiffahrstsrechts in Hamburg,
Bd. 4 1999 (Selbstverlag)
Haflidaskra ist das 1117/8 in -> Island eingeführte, nicht überlieferte Recht, das in der -> Gragas aufgeht.
Lit.: Johannesson, Islands Historie, 1969
Haft ist die amtliche Entziehung der Bewegungsfreiheit vor allem zum Zweck der Untersuchung oder Bestrafung und der Erzwingung einer Handlung. Ihre Voraussetzungen sind zunächst nicht festgelegt. Bereits die englische -> Habeas-corpus-akte (1679) verlangt aber einen richterlichen Haftbefehl bzw. eine richterliche Untersuchung. Im Rechtsstaat des 19. Jh.s wird jeder staatliche Eingriff in die Freiheit von einer gesetzlichen Gestattung abhängig gemacht (Bayern 1818, Baden 1818, Württemberg 1819 usw.).
Lit.:
Köbler, DRG 205; Thissen, M., Das Verhaftungsrecht, Diss. jur. Bonn 1961;
Hermes, T., Der Haftgrund der Verdunkelungsgefahr, 1992; Ollinger, T., Die
Entwicklung des Richtervorbehalts im Verfassungsrecht, 1997
Haftbefehl ist die schriftliche Anordnung eines Richters, eine Person in Haft zu nehmen. Vorstufen des Haftbefehls sind sowohl der englische warrant of commitment, der dem Büttel (constable) aufgibt, den Beschuldigten in das Gefängnis zu bringen, wie auch der französische -> lettre de cachet, der oft den königlichen Befehl enthält, sich in ein Gefängnis zu begeben. Demgegenüber bestimmt nach der englischen -> Habeas-corpus-akte (1679) die französische -> Déclaration des droits de l’homme et du citoyen (1789), dass kein Mensch in Haft genommen oder gefangengehalten werden darf, außer in den durch Gesetz bestimmten Fällen und nach den vom Gesetz vorgeschriebenen Förmlichkeiten. Die französische Verfassung von 1791 fordert für jede Verhaftung einen polizeilichen oder gerichtlichen H. Nach der Verfassung von 1795 muss der H. den Haftgrund und die Rechtsgrundlage enthalten und dem Verhafteten abschriftlich ausgehändigt werden. Die Verfassung von 1799 verlangt einen richterlichen H. Der 1808 erlassene Code d’instruction criminelle unterscheidet vier Arten von Haftbefehlen und wirkt in der Folge auf das deutsche Strafverfahrensrecht ein (Bayern 1813, Deutsches Reich 1848, Reichsstrafprozessordnung 1877/9).
Lit.: Speck, H., Die Geschichte der Voraussetzungen für die Anordnung der Untersuchungshaft, Diss. jur. Kiel 1969
Haftpflichtversicherung ist die für den Fall der gesetzlichen Verpflichtung zu einer -> Haftung abzuschließende oder abgeschlossene -> Versicherung (z. B. [1939] des Halters eines Kraftfahrzeuges).
Lit.: Bar, C. v., Das Trennungsprinzip, AcP 181 (1981), 289
Haftung ist das Unterworfensein des Schuldners als Person mit seinem Vermögen unter den Vollstreckungszugriff des Gläubigers. Die H. ermöglicht deshalb die Erzwingung der Erfüllung, welche der Schuld als solcher (vermutlich) fehlt. Dementsprechend gibt es (einzelne Fälle von) H. ohne Schuld und Schuld ohne H. Im römischen Recht ist nach Ersetzung des ursprünglichen rächenden Zugriffsrechts des Verletzten gegenüber dem unrecht handelnden Täter durch eine Sühnegabe auch die künstliche Herstellung einer H. durch Geschäft möglich (z. B. lat. [N.] -> nexum, [F.] -> sponsio - stipulatio). Später tritt neben der H. auch der Gedanke der Schuld hervor. Spätestens in der jüngeren Republik wird in der (lat. [F.]) -> obligatio neben der H. die Schuld mitverstanden. Ähnliche Verhältnisse sind auch für das germanische Recht anzunehmen. Dementsprechend setzt sich seit dem Frühmittelalter die Auffassung durch, dass jede Schuld auch ohne besondere zusätzliche Vereinbarung eine H. zur Folge habe. Auf dieser Grundlage wird seit dem Spätmittelalter mit der Aufnahme des römischen Rechts auch die römische Vorstellung von der (lat. [F.]) obligatio aufgenommen. Die älteste Form der leiblichen Haftung endet dabei im Jahre 1868. Im übrigen steht neben der Haftung eines einzelnen bestimmten Gegenstandes (Sache, Recht) die allgemeine, grundsätzlich unbeschränkte Vermögenshaftung. Vertraglich ist jeweils auch eine Haftungsbeschränkung möglich.
Lit.: Kaser
§ 32 II; Köbler, DRG 26, 59, 127, 167; Gierke, O. v., Schuld und Haftung nach
älterem deutschem Recht, 1910, Neudruck 1969; Schneider-Horn, W., Die Haftung
des Verkäufers für Rechtsmängel nach lübischem Recht, Diss. jur. Hamburg 1969;
Benöhr, H., Zur außervertraglichen Haftung im gemeinen Recht, FS M. Kaser,
1976, 689; Diestelkamp, B., Die Lehre von Schuld und Haftung, in: Wissenschaft
und Kodifikation, hg. v. Coing, H. u. a., Bd. 6 1982, 21; Schubert, W., Die
Gesellschaft mit beschränkter Haftung, Quaderni Fiorentini 11/12 (1982/3), 589; Eska, A., Schuld und
Haftung, Diss. jur. Potsdam 1998; Jansen, N., Die Struktur des Haftungsrechts,
2003
Hagenrecht ist ein im 12. Jh. im Weserbergland sichtbar werdendes günstiges Bodennutzungsrecht der hochmittelalterlichen deutschen Rodungssiedlung.
Lit.: Engel, F., Das Rodungsrecht der Hagensiedlungen, 1949; Kroeschell, K., Waldrecht und Landsiedelrecht, Hess. Jb. f. LG. 4 (1954), 117; Molitor, E., Verbreitung und Bedeutung des Hägerrechts, in: Adel und Bauern, 2. A. 1967, 331; Asch, J., Grundherrschaft und Freiheit, Nds. Jb. 1978, 107
Hagerup, Francis (1853-1921), Beamtensohn, wird nach dem Rechtsstudium in München, Leipzig und Paris 1887 Professor und 1895 Ministerpräsident. Durch eine Reihe von wichtigen Beiträgen zu verschiedenen Rechtsgebieten (Privatrecht, Methodenlehre, Strafprozess, Zivilprozess, Strafrecht) wird er zu einem der bedeutendsten Rechtswissenschaftler -> Norwegens.
Lit.: Kaartvedt, A., Hoyres Historie, Bd. 1 1984, 133
Hale, Sir Matthew (1609-1676), früh verwaist, wird nach kurzem Theologiestudium in Cambridge (1626) 1628 Mitglied von Lincoln’s Inn in London, 1636 Anwalt, 1654 Richter und Parlamentsmitglied, nach der Wiedereinsetzung des englischen Königs Karl II. 1660 Richter am Court of Exchequer und 1671 Chief Justice of the King’s Bench. In seinen nach seinem Tod teilweise gedruckten Schriften versucht er eine Ordnung des englischen Strafrechts (Pleas of the Crown), eine methodische Erfassung des Rechts (Analysis of the Civil Part of the Law), eine Geschichte des Strafrechts (History of the Pleas of the Crown) und eine Geschichte des Common Law (History of the Common Law).
Lit.: Burnet, G., Life and Death of Sir Matthew Hale,
1682; Holdsworth, W., History of English Law, Bd. 6 1937, 574
Halle an der Saale ist ein wegen des dortigen Salzvorkommens schon um 1000 v. Chr. besiedelter Ort, der wohl im 12. Jh. Stadt wird. Nach dem 1680 erfolgten Übergang an den Markgrafen von Brandenburg richtet dieser 1694 eine aufgeklärte Modelluniversität in H. ein (->Thomasius).
Lit.:
Köbler, DRG 136; Gaupp, E., Das alte magdeburgische und hallische Recht, 1826;
Schildt, B., Die Spruchtätigkeit der Halleschen Juristenfakultät, Diss. jur.
Halle 1980; Halle, 2. A. 1983;
300 Jahre Universität Halle, hg. v. Speler, R., 1994; Maier, H., Aufklärung,
Pietismus, Staatswissenschaft, HZ 261 (1995), 769; Hallesche
Rechtsgelehrte jüdischer Herkunft, hg. v. Pauly, W., 1996; Hüls, T., Die Juristenausbildung an der Universität Halle, 1997; Rechtsgeschichte
in Halle, hg. v. Lieberwirth, R., 1998; Jelowik, L., Tradition und Fortschritt,
1998; Rüdiger, A., Staatslehre und Staatsbildung, 2000
Halm ist der Stengel des Grases, der im mittelalterlichen Recht vielfach als Symbol der -> Investitur mit einem Gut verwendet wird.
Lit.: Grimm, J., Deutsche Rechtsaltertümer, 4. A. 1899, Neudruck 1922, 1989, 1994, Bd. 1, 168 u. ö.
Haloander (Meltzer), Gregor (Zwickau 1500-1531) gibt 1528-31 auf der Grundlage der Vorarbeiten Polizians und Bolognins sowie der Florentiner Handschrift eine (humanistische) unglossierte Ausgabe der justinianischen Rechtstexte mit unvollständigen griechischen Bestandteilen in Pandekten und Codex und griechischen Novellen heraus, in welcher er die mittelalterliche Gliederung der Pandekten beseitigt, die Inskriptionen beachtet und im Codex die Subskriptionen herstellt.
Lit.: Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,1,645
Hals und Hand ist im deutschen Mittelalter eine Paarformel für die Lebensstrafe bzw. Leibesstrafe.
Halseisen ist im deutschen Mittelalter eine Vorrichtung, mit deren Hilfe ein Straftäter am -> Pranger befestigt wird.
Lit.: Preu, A., Pranger und Halseisen, Diss. jur. Erlangen 1949
Halsgericht (13. Jh. [1296]) -> Hals und Hand, Halsgerichtsordnung
Halsgerichtsordnung ist eine Bezeichnung für eine Strafverfahrensordnung am Beginn der frühen Neuzeit ([Nürnberg 1314,] Ellwangen 1466, Nürnberg 1485, Tirol 1499, (Volkach 1504,) Radolfzell 1506, Bamberg 1507, Laibach 1514, Krain 1535, Niederösterreich 1514/1540, Kärnten, Steiermark, Oberösterreich 1559). Als H. wird auch die -> Constitutio Criminalis Carolina Karls V. von 1532 benannt. In den Halsgerichtsordnungen ist zu erkennen, wie sich das Schwergewicht des Verfahrens auf das ermittelnde Vorverfahren verlagert.
Lit.:
Köbler, DRG 139; Schmidt, E., Die Maximilianischen Halsgerichtsordnungen, 1949;
Schultheiß, W., Geschichte des Nürnberger Ortsrechts, 1957, 10; Weber, H., Die
peinliche Halsgerichtsordnung Karls V., ZRG GA 77 (1960), 288; Schild, W., Die
Halsgerichtsordnung der Stadt Volkach, 1997
Hambacher Fest ist das vom 27. - 30. 5. 1832 auf der Burgruine von Hambach (Maxburg) in der Pfalz auf Einladung des Schriftstellers Philipp Jakob Siebenpfeiffer (1785-1849) als politische Kundgebung des Liberalismus mit etwa 25000 Teilnehmern durchgeführte Fest. Die geplante Wahl einer provisorischen Nationalregierung zwecks Abschaffung der Monarchie und Bildung eines Bundes von Republiken nach amerikanischem Muster scheitert. Die Hauptverantwortlichen werden auf Drängen Österreichs und Preußens zu Haft verurteilt. -> Deutscher Bund
Lit.: Wirth, J., Das Nationalfest der Deutschen zu Hambach, Teil 1f. 1832; Das Hambacher Fest, hg. v. Baumann, K., 2. A. 1982
Hamburg ist ein vielleicht aus einem Königshof Karls des Großen nahe der Mündung der Alster in die Elbe erwachsener Stadtstaat. 1189 bestätigt Kaiser Friedrich I. Barbarossa der Neustadt H. umfangreiche Handels-, Zoll- und Schiffahrtsrechte. Um 1270 wird das Recht im sog. Ordeelbook aufgezeichnet, 1292 erhält die Stadt vom Stadtherrn das Recht der eigenen Rechtssetzung. Am Beginn des 15. Jh.s wird die Reichsunmittelbarkeit anerkannt (1460 Reichsstadt). 1497 wird das Recht in einer Bilderhandschrift neu gefasst, 1603 nach dem Vorbild Nürnbergs reformiert.
Lit.:
Köbler, Historisches Lexikon; Baumann, H., Das Privatrecht der freien und
Hansestadt Hamburg, Bd. 1f. 1856; Ipsen, H., Hamburgs Verfassung und
Verwaltung, 1965; Bolland, J., Das hamburgische Ordeelbook, ZRG GA 72 (1956),
83; Die Bilderhandschrift des Hamburger Stadtrechts 1497, erl. v. Reincke, H.,
1968; Hamburger Testamente, bearb. v. Loose, H., 1970; Hamburg, hg. v. Loose,
H., 1982; Voß, J. v., Die Verwaltungsgerichtsbarkeit in Hamburg, 1988; Stadtgeschichte
Hamburg, red. v. Schöller, A., 1990; Hochschulalltag im Dritten Reich, hg. v.
Krause, E. u. a., 1991; Hoppe,
C., Die Bürgschaft im Rechtsleben Hamburgs, 1997;
Rademacher, R., Die geschichte des Hafen- und Schiffahrtsrechts in Hamburg, Bd.
3 1997
Hammurapi (1793-1750 bzw. 1728-1686 v.
Chr.), König von Babylon, veranlasst die wichtige eine 1901/2 auf einer
Dioritstele entdeckte Rechtssammlung des orientalischen Altertums (Codex
Hammurapi)
mit 280 Abschnitten. Noch älter ist der -> Codex Urnammu.
Lit.: Driver/Miles,
The Babylonian Laws, 1952ff.; Nörr, D., Studien zum Strafrecht im Kodex Hammurapi,
1954; Haase, R., Einführung in das Studium keilschriftlicher Quellen, 1965;
Ringer, J., Noch einmal: Was war der „Kodex“ Hammurapi, in: Rechtskodifikation,
hg. v. Gehrke, H., 1994;
Wesel, U., Geschichte des Rechts, 1997
Hand ist ein menschliches Gliedmaß, das als Teil des Menschen im Recht vielfach symbolisch verwendet wird. -> Hals und Hand
Lit.: Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, Bd. 1f. 4. A. 1899, Neudruck 1922, 1989, 1994; Jursch, H./Jursch, L., Hände als Symbol und Gestalt, 8. A. 1951
Handel ist der Ankauf und Verkauf von Waren auf dem Weg vom Hersteller zum Verbraucher. An seinem Anfang steht der -> Tausch. Mit der Verwendung von -> Geld beginnt der -> Kauf den Tausch abzulösen. Bedeutsam ist der H. im Stadtstaat des Altertums und seit dem Hochmittelalter in der Stadt. Mit dem 19. Jh. tritt die Selbstversorgung allgemein hinter der Versorgung durch Markt und Handel zurück.
Lit.: Köbler, DRG 13, 16, 29, 67, 78, 97, 167, 176, 217, 225, 242, 271; Stein, W., Handels- und Verkehrsgeschichte der deutschen Kaiserzeit, 1922, Neudruck 1967; Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in Mittel- und Nordeuropa, Bd. 1ff. hg. v. Düwel, K., 1985ff. (Bd. 3 Der Handel im frühen Mittelalter); Siems, H., Handel und Wucher im Spiegel frühmittelalterlicher Rechtsquellen, 1992; North, M., Kommunikation, Handel, Geld und Banken, 2000; Gassert, M., Kulturtransfer durch Fernhandelskaufleute, 2001; Hornbogen, J., Travail national – nationale Arbeit – die handelspolitische Gesetzgebung in Frankreich und Deutschland, 2002
Handelsbuch ist das seit dem Spätmittelalter vom Händler über seine Geschäfte geführte -> Buch, das in der Neuzeit auch rechtlich den Beweis erleichtert (ALR [1794]).
Lit.: Köbler, DRG 167
Handelsgericht ist das für Handelssachen zusständige Gericht.
Lit.: Schön, D., Die
Handelsgerichtsbarkeit im 19. Jahrhundert, Diss. jur. Bonn 1999
Handelsgesellschaft ist die -> Handel treibende -> Gesellschaft. Sie erscheint zum einen im Mittelmeerraum (Venedig, Genua), wobei die (lat. [F.]) commenda (Seedarlehen) gegenüber der H. (lat. societas [F.] maris) zumindest zeitweise den Vorrang hat. Aus der Erbengemeinschaft entwickelt sich die -> offene H. Sie wird in Florenz 1408 durch die Beschränkung der Haftung abgeändert, woraus sich im 16. Jh. als neue Form die -> Kommanditgesellschaft ergibt. Im nordischen Bereich finden sich ebenfalls genossenschaftliche Unternehmungen. Bedeutsam sind hierbei die Kommission (-> sendeve) und das Darlehen (wederlegginge). In Oberdeutschland bilden Familien offene Handelsgesellschaften (z. B. Fugger). Mit der Entdeckung der Neuen Welt seit 1492 werden hohes Kapital und breite Gefahrenstreuung notwendig. Hieraus entwickelt sich die -> Aktiengesellschaft (1602 Niederländische ostindische Handelskompagnie). Allgemein befasst sich der deutsche Gesetzgeber mit der H. im Allgemeinen Landrecht (Preußens) von 1794. Frankreich, das bereits 1673 und 1681 ordonnances zum Handel erlassen hatte, setzt 1808 einen eigenen (franz.) Code de commerce (Handelsgesetzbuch) in Kraft, der die Aktiengesellschaft (franz.) société (F.) anonyme gesetzlich regelt. Im Deutschen Bund behandelt 1861 das -> Allgemeine Deutsche Handelsgesetzbuch die offene Handelsgesellschaft, die Kommanditgesellschaft, die Aktiengesellschaft und die stille Gesellschaft. Das Handelsgesetzbuch von 1897 nimmt zusätzlich die Kommanditgesellschaft auf Aktien auf. Mit dem 20. 4. 1892 wird die -> Gesellschaft mit beschränkter Haftung geschaffen, mit dem 30. 1. 1937 die Aktiengesellschaft in einem eigenen Gesetz verselbständigt.
Lit.: Köbler, DRG 127; Weber, M., Zur Geschichte der Handelsgesellschaften, 1889; Goldschmidt, L., Universalgeschichte des Handelsrechts, (Bd. 1 3. A.) 1891, Neudruck 1957; Rehme, P., Geschichte des Handelsrechts, 1913; Schulte, A., Geschichte der großen Ravensburger Handelsgesellschaft, Bd. 1 1923; Bruhl-Lévy, H., Histoire juridique des Sociétés de Commerce en France, 1938; Lopez, R., The Commercial Revolution of the Middle Ages, 1971; Lutz, E., Die rechtliche Struktur süddeutscher Handelsgesellschaften, 1976; Hagemann, H., Basler Handelsgesellschaften im Spätmittelalter, FS F. Vischer, 1983, 557
Handelsgesetzbuch ist das den Handel regelnde besondere Gesetzbuch. Es erscheint 1808 als (franz.) Code (M.) de commerce in Frankreich, wo schon -> ordonnances von 1673 und 1681 vorangegangen waren (-> Spanien 1829 [Código de comercio], -> Portugal 1833, -> Niederlande 1838). Im -> Deutschen Bund wird nach einem vergeblichen Versuch von 1848 auf bayerischen Antrag und unter Verwendung preußischer und österreichischer Vorlagen 1861 ein -> Allgemeines Deutsches Handelsgesetzbuch geschaffen, welches die einzelnen Mitgliedsstaaten als eigenes Gesetz in ihrem Staatsgebiet einführen. Es wird 1897 in das Handelsgesetzbuch mit auf den Kaufmann abstellendem subjektivem System umgeformt.
Lit.:
Köbler, DRG 182, 184, 217; Protokolle der Kommission zur Beratung eines
allgemeinen deutschen Handelsgesetzbuches, hg. v. Lutz, J., Bd. 1ff. 1858,
Neudruck 1984; Wild, P., Der Einfluss des Allgemeinen deutschen
Handelsgesetzbuches auf die Privatrechtsdogmatik, Diss. jur. Saarbrücken 1966;
Schubert, W., Die Einführung der Allgemeinen Deutschen Wechselordnung und des
Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuchs als Bundesgesetze 1869, ZHR 144
(1980), 484; Entwurf eines allgemeinen Handelsgesetzbuches für Deutschland
(1848/49), hg. v. Baums, T., 1982; Schulz, R., Die
Entstehung des Seerechts des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuches, 1987;
Quellen zum Handelsgesetzbuch von 1897, hg. v. Schubert, W., 1986ff.; 100 Jahre
Handelsgesetzbuch, hg. v. Paschke, M. u. a., 1998
Handelskammer ist die im 19. Jh. geschaffene Körperschaft des öffentlichen Rechtes zur Wahrung und Förderung der Interessen der Mitglieder im Bereich des Handels (Hamburg 1868, Preußen 1870).
Lit.: Fischer, W., Unternehmerschaft, Selbstverwaltung und Staat, 1964; Bibliographie zur Geschichte und Organisation der Industrie- und Handelskammern, hg. v. Ernst, S., 1986
Handelsrecht ist das Recht des -> Handels
bzw. subjektiv das Sonderprivatrecht der -> Kaufleute. Es entwickelt sich
trotz einiger besonderer Einrichtungen für den Handel im Altertum erst seit dem
Mittelalter in Oberitalien (Genua 1056, Pisa 1161 Constitutum usus, Mailand 1170)
und Spanien (Barcelona, Valencia). Führend sind dabei die genossenschaftlichen
Zusammenschlüsse der Kaufleute. Bemerkenswert sind Einflüsse der Araber. Für
das Seerecht gewinnen Rhodos (8. Jh.),
Trani (11. Jh.), Oléron (12. Jh.), Pisa (1161), Genua (1350) und
Barcelona (1348 -> Consolat del Mar) besondere Bedeutung, im
nordeuropäischen Raum die -> Hanse. In der frühen Neuzeit findet sich H.
hauptsächlich in den städtischen Statuten (Hamburg 1603, 1642 u. ö., Nürnberg 1647, 1654, Leipzig 1682 u. a.), daneben auch
in Reichspolizeiordnungen (1523, 1530, 1548, 1577 u. ö.). Etwa zu dieser Zeit
setzen auch wissenschaftliche Bemühungen um das H. ein (-> Mevius 1586,
Johann Marquard 1662). In Frankreich erlässt Ludwig XIV. 1673 die (frz.) ->
ordonnance du commerce und 1681 die (frz.) -> ordonnance de la marine. Im
Heiligen Römischen Reich (deutscher Nation) befasst sich Kreittmayr in seinen
Anmerkungen mit dem H. Die erste zusammenfassende Regelung ist im preußischen
-> Allgemeinen Landrecht (1794) als Standesrecht
der Kaufleute enthalten. Demgegenüber fasst der französische -> Code de
commerce (1808) das H. als sachliches Sonderrecht des Handels auf. Eine
eigenständige deutschrechtliche Sonderentwicklung im deutschen Bereich lässt
sich nicht erkennen, obgleich sich die Lehrbücher des gemeinen deutschen
Privatrechts besonders auch des Handelsrechts annehmen. -> Handelsgesetzbuch
Lit.:
Hübner; Köbler, DRG 205; Goldschmidt, L., Universalgeschichte des
Handelsrechts, (Bd. 1 3. A.) 1891, Neudruck 1957; Rehme, P., Geschichte des
Handelsrechts, 1913; Raisch, P., Die Abgrenzung des Handelsrechts vom
bürgerlichen Recht als Kodifikationsproblem des 19. Jahrhunderts, 1962; Raisch,
P., Geschichtliche Voraussetzungen, 1965; Scherner, K., Anfänge einer
Handelsrechtswissenschaft im 18. Jahrhundert, ZHR 136 (1972), 465; Handbuch der
Quellen und Literatur zur neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v.
Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 2,1,797, 2,2,571, 3,3,2853; Köbler, G., Die
Wissenschaft des gemeinen deutschen Handelsrechts, in: Wissenschaft und
Kodifikation, hg. v. Coing, H. u. a., Bd. 1 1974, 277; Bergfeld, C.,
Einzelkaufmann und Unternehmer, Person und Organisation im Handelsrecht, in:
Wissenschaft und Kodifikation, hg. v. Coing, H. u. a., Bd. 6 1982, 126;
Sonnleithner, G. v., Bearbeitung des Handelsrechts durch Ignaz von
Sonnleithner, 1982; Montag, J., Die Lehrdarstellungen des Handelsrechts von
Georg Friedrich Martens bis Meno Pöhls, 1986; Mohnhaupt, H., „Jura mercatorum
durch Privilegien“, in: Wege europäischer Rechtsgeschichte, hg. v. Köbler, G.,
1987, 308; Müller-Boysen, C., Kaufmannsschutz und Handelsrecht im
frühmittelalterlichen Nordeuropa, 1990; Modernisierung des Handelsrechts im 19.
Jahrhundert, hg. v. Scherner, K., 1993; Ittenbach, H., Handelsrechtssysteme,
1994; Eisenhardt,
U., Zu den deutschrechtlichen Wurzeln des Handelsrechts, FS P. Raisch, 1998, 51
Handelsvertrag ist der den -> Handel zwischen mindestens zwei -> Staaten betreffende Vertrag. Er findet sich seit dem 12. Jh., und zwar neben dem Privileg des Herrschers.
Lit.: Treue, W., Die deutsche Landwirtschaft zur Zeit Caprivis, Diss. phil. Berlin 1933; Prüser, J., Die Handelsverträge der Hansestädte Lübeck, Bremen und Hamburg, 1962
Handelsvertreter (bis 1953 Handlungsagent) ist der als Vertreter tätige Gehilfe des -> Kaufmanns.
Lit.:
Schmidt, D., Die Reform des Rechts der Handelsvertreter, 1995; Bromm, B., Die Entstehungsgeschichte des Berufs der
Handelsvertreter, 2000
Handfeste ist eine mittelalterliche Bezeichnung für ein Schriftstück (vgl. gr. [N.] cheirógraphon, Handschrift) (z. B. Georgenberger H. 1186, Kulmer H. 1233, Berner H. 1218?).
Handgemal ist im deutschen Mittelalter das Handzeichen und das vielleicht damit bezeichnete Stammgut.
Lit.: Köbler, WAS; Homeyer, C., Über die Heimat nach altdeutschem Recht, Abh. d. Akad. d. Wiss. Berlin 1852
handhafte Tat ist im Mittelalter die durch Ergreifen des Täters in oder unmittelbar nach der Ausführung gekennzeichnete Tat (vgl. im römischen Recht das [lat.] furtum [N.] manifestum). Wahrscheinlich darf in germanischer Zeit der handhafte Täter sofort getötet werden. Die frühmittelalterlichen Volksrechte gestatten die Tötung zwar nicht (mehr) in allen Fällen, aber doch bei nächtlicher Tat, bei Widerstand oder Flucht. Vor Gericht ist dem Handhafttäter der -> Reinigungseid verwehrt. Im Hochmittelalter darf nur noch der handhafte Ehebrecher sofort getötet werden. In der vom Inquisitionsprozess gekennzeichneten Constitutio Criminalis Carolina (1532) scheint ein besonderes Verfahren bei handhafter Tat nicht mehr auf.
Lit.: Kaser §§ 32 II, 21 I; Kroeschell, DRG 1, 2; Köbler, DRG 70, 86; Köbler, WAS; Scherer, M., Die Klage gegen den toten Mann, 1909; Meyer, H., Gerüft, Handhaftverfahren und Anefang, ZRG GA 37 (1916), 382
Handlung ist das menschliche Verhalten, das als von Willen beherrschbar gedacht ist und daher objektiv zugerechnet werden kann. In den Einzelheiten problematisch wird die H. erst der neuzeitlichen Rechtswissenschaft.
Lit.: Köbler, DRG 204, 208
Handlungsfähigkeit -> Geschäftsfähigkeit
Handlungsfreiheit ist die grundsätzlich bestehende Freiheit des Menschen, zu tun und zu
lassen, was er will. Sie wird seit dem 18. Jh. in Verfassungsurkunden
aufgenommen. Ihre bei dichtem Zusammenleben notwendigen Schranken finden sich
vor allem in Gesetzen.
Lit.: Kukk, A., Verfassungsgeschichtliche Aspekte zum Grundrecht der
allgemeinen Handlungsfreiheit, 2000
Handschenkung ist die am Anfang der Entwicklung der -> Schenkung stehende, auch in der Gegenwart bei geringwertigen Gütern übliche, sofort vollzogene Schenkung.
Lit.: Meinig, I., Die Entwicklung der Lehre von der Handschenkung, Diss. jur. Frankfurt am Main 1972
Handschlag ist das gegenseitige Handgeben zweier Vertragspartner zum Zeichen des Abschlusses des Geschäftes im deutschen Recht, dem bei den Römern lat. manum dare entspricht.
Lit.: Siegel, H., Handschlag und Eid, 1894
Handschrift ist die mit der Hand ausgeführte Schrift und das dadurch geschaffene umfangreichere Ergebnis. Die H. entsteht mit der Entwicklung der -> Schrift und geht seit der Mitte des 15. Jh.s für bedeutsamere Schreibergebnisse in das gedruckte -> Buch über. Möglicherweise konnte ein Schreiber täglich etwa sieben Seiten schreiben. In Bologna wurden dabei seit 1250 Handschriften jeweils in Lagen an Berufsschreiber zur Vervielfältigung abgegeben (Peciensystem).
Lit.:
Mazal, O., Lehrbuch der Handschriftenkunde, 2. A. 1986; Le livre au Moyen Age,
hg. v. Glenisson, J., 1988 ; Chriftkultur und Reichsverwaltung unter den
karolingern, hg. v. Schieffer, R., 1996; Soetermeer, F., Utrumque ius in
peciis, 2002; Literaturbericht Handschriftenkataloge, DA 57 (2001), 555
Handschuh ist ein Bekleidungsstück der menschlichen Hand, das im (deutschen) Recht als Symbol Verwendung findet (z. B. Fehdehandschuh).
Lit.: Norton-Kyshe, J., The
Law and Customs relating to Gloves, 1901; Schwineköper, B., Der Handschuh im
Recht, 1938
Hand wahre Hand ist im spätmittelalterlichen deutschen Recht (seit dem 14. Jh. bzw. später) eine Wendung, die zum Ausdruck bringen soll, dass der Eigentümer, der einem anderen eine bewegliche Sache anvertraut, diese nur von ihm, nicht dagegen von einem Dritten, an welchen die Sache gelangt ist, zurückverlangen kann. Alter und Herkunft der Wendung sind streitig. Der Sache nach enthält zwar bereits der Sachsenspiegel einen entsprechenden Satz, doch sind die mittelalterlichen Lösungen dieses Rechtsproblems durchaus unterschiedlich. Mit der Aufnahme des römischen Herausgabeanspruches des Eigentümers seit dem Spätmittelalter erweist sich ein erneutes Durchdenken der Frage als erforderlich, als dessen Folgen der -> gute Glaube des Erwerbers bedeutsam wird. Der -> Codex Theresianus (1766) erkennt den gutgläubigen Eigentumserwerb des Erwerbers an.
Lit.: Hübner 433; Köbler, DRG 125, 163; Anners, E., Hand wahre Hand, 1952; Völkl, A., Das Lösungsrecht von Lübeck und München, 1991
Handwerk ist Bearbeitung und Verarbeitung von Stoffen für andere ohne Verwendung industrieller Arbeitsformen (z. B. Schreiner, Zimmermann, Maurer, Bäcker, Metzger, Fischer). Im Altertum wird diese Tätigkeit überwiegend von -> Sklaven ausgeführt, im Frühmittelalter im Rahmen der -> Grundherrschaft. Dagegen bildet sich in der hochmittelalterlichen Stadt das freie H. in vielfältiger Aufgliederung aus und schließt sich genossenschaftlich ab (-> Zunft, -> Gilde, -> Innung). Wer in einem H. tätig sein will, muss dieses mit einer mehrjährigen Lehre bei einem Meister erlernen. Danach kann er als Geselle wirken. Vollberechtigt ist er im H. erst, wenn er Meister geworden ist. In manchen Städten nehmen seit dem 14. Jh. die Angehörigen des Handwerks an der Stadtherrschaft teil. Im Kampf mit der liberalen -> Gewerbefreiheit des 19. Jh.s gelingt dem H. die Bewahrung der durch Prüfungen nachzuweisenden Qualifikationsmerkmale bis in die Gegenwart (Handwerksordnung). Trotz der Konkurrenz der Industrie vermag das H. sich zu halten.
Lit.:
Köbler, DRG 78, 111; Stockbauer, J., Nürnbergisches Handwerksrecht des 16.
Jahrhunderts, 1879; Schulte, E., Das Gewerberecht der deutschen Weistümer,
1909; Zatschek, H., Handwerk und Gewerbe in Wien, 1949; Proesler, H., Das
gesamtdeutsche Handwerk im Spiegel der Reichsgesetzgebung, 1954; Fischer, W.,
Handwerksrecht und Handwerkswirtschaft um 1800, 1955; Schraepler, E.,
Handwerkerbünde und Arbeitervereine, 1972; Uhl, H., Handwerk und Zünfte in
Eferding, 1973; Soliva, C., Die Zürcherische Handwerksordnung von 1681, FS J.
Bärmann, 1975; Göttmann, F., Handwerk und Bündnispolitik, 1977; Renzsch, W.,
Handwerker und Lohnarbeiter in der frühen Arbeiterbewegung, Diss. phil.
Göttingen 1981; Wissell, R./Hahm, K., Des alten Handwerks Recht und Gewohnheit,
Bd. 1ff. 2. A. 1981; Das Handwerk in vor- und frühgeschichtlicher Zeit, hg. v.
Jankuhn, H. u. a., Bd. 1f. 1981ff.; Schichtel, P., Das Recht des zünftigen
Handwerks im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken, 1986; John, P., Handwerk im
Spannungsfeld, 1987; Peter, S., Handwerksgerichtsbarkeit zwischen Absolutismus
und Liberalismus, 1987; Lexikon des alten Handwerks, hg. v. Reith, R., 1990;
Schultze, H., Das ehrbare Handwerk, 1993; Weyrauch, T.,
Handwerkerorganisationen, 1996; Brohm, U. Die
Handwerkerpolitik Herzog Augusts des Jüngeren, 1999; Handwerk in Europa, hg. v.
Schulz, K., 1999; Stadt und Handwerk, hg. v. Kaufhold, H. u. a., 2000; Blume, H., Ein Handwerk – eine Stimme, 2000; Winzen, K., Handwerk –
Städte – Reich, 2002
Hänel, Albert (1833-1918) wird nach dem Rechtsstudium und nach der Habilitation in Leipzig als Professor in Königsberg und seit 1863 in Kiel ein bedeutender liberaler Vertreter des Staatsrechts (Deutsches Staatsrecht, 1892).
Lit.: Friedrich, M., Zwischen Positivismus und materialem Verfassungsdenken, 1971; Stolleis, M., Geschichte des öffentlichen Rechts, Bd. 2 1992, 355
Hängen ist das Töten eines Menschen durch Aufhängen an einem Strick (-> Todesstrafe, -> Galgen). Das H. ist dem römischen Altertum fremd, den Germanen bekannt. Später wird vor allem der Dieb gehängt. Seit 1771 wird das H. im deutschen Sprachraum durch das Enthaupten ersetzt. Mit dem Verbot der -> Todesstrafe verschwindet es allgemein.
Lit.: Amira, K. v., Die germanischen Todesstrafen, 1922
Hannover ist ein aus Braunschweig-Lüneburg hervorgegangenes, nach der Stadt (1163? bzw. 1189) H. an der Leine benanntes norddeutsches Fürstentum (1714-1837 Personalunion mit England), das 1814 zum Königreich aufsteigt und 1866 von Preußen annektiert wird. -> Göttingen
Lit.: Köbler, DRG 186; Köbler, Historisches Lexikon; Allgemeine Bürgerliche Prozessordnung für das Königreich Hannover vom 4. 12. 1847, Bürgerliche Prozessordnung für das Königreich Hannover vom 8. 11. 1850, Neudruck 1971; Merkel, J., Der Kampf des Fremdrechtes mit dem einheimischen Rechte, 1904; Deckwirth, H., Das Haus- und Verlassungsbuch der Altstadt Hannover, Hans. Geschichtsbll. N.F. 26 (1971), 1; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff., 3,2,2618, 3,3,2896; May, J., Vom obrigkeitlichen Stadtregiment zur bürgerlichen Kommunalpolitik, 2000
Hanse (ahd. hansa, Schar) ist ein von hochmittelalterlichen Kaufleuten ausgehender norddeutscher -> Städtebund. Seinen Anfang bildet vielleicht die schon im beginnenden 11. Jh. bevorrechtigte Genossenschaft deutscher Kaufleute in England. Bedeutsam wird danach die Gründung deutschbesiedelter Städte von Lübeck bis Riga (1201), Reval (nach 1219) und Dorpat (um 1230). Seit den Wirren des Interregnums fassen die einander nahestehenden Städte gemeinsame Beschlüsse (Wismar 1256, Lübeck 1358 [mnd.] stede von der dudeschen hanse). Außer in London (Guild Hall, Stalhof) bestehen bedeutsame Niederlassungen in Nowgorod (um 1200-1494), Brügge und Bergen (um 1340). Unter der Führung der H., der bis zu 70 Städte angehören, kann im Kampf gegen Dänemark 1368 Kopenhagen erobert werden. In der frühen Neuzeit treten viele Städte aus der H. aus, so dass nach 1669 nur noch ein Schutzbündnis von Bremen, Hamburg und Lübeck verbleibt.
Lit.:
Köbler, DRG 97; Köbler, WAS; Schäfer, D., Die deutsche Hanse, 1914; Rörig, F.,
Vom Werden und Wesen der Hanse, 3. A. 1943; Pagel, K., Die Hanse, 3. A. 1963;
Dollinger, P., La Hanse, 4. A. 1989; Schildhauer, J., Die Hanse, 6. A. 1985;
Die Hanse, 3. A. 1999; Der hansische Sonderweg?, hg. v. Jenks, S. u. a., 1993;
Stoob, H., Die Hanse, 1995;
Ziegler, H., Die Hanse, 1996; Genossenschaftliche
Strukturen in der Hanse, hg. v. Jörn, N. u. a., 1999; Hammel-Kiesow, R., Die
Hanse, 2000; Pichierri, A., Die Hanse, 2000; Pitz, E., Bürgereinung und
Städteeinung, 2001; Daenelle, E., Die Blütezeit der deutschen Hanse, 3. A.
2001; Novgorod, hg. v. Angermann, N. u. a., 2002
Hansegraf ist im Mittelalter verschiedentlich eine Benennung für einen Amtsträger in der Stadt mit unterschiedlichen Aufgaben (Regensburg 1184, Brügge 1187, Österreich seit 1266, Kassel 1323, Bremen 1405).
Lit.: Planitz, H., Die deutsche Stadt im Mittelalter, 5. A. 1980, 58, 284
Hardenberg, Karl August (Essenroda 31. 5. 1750 - Genua 26. 11. 1822) wird nach dem Rechtsstudium in Leipzig und Göttingen (Pütter) und einem Besuch am Reichskammergericht in Wetzlar 1770 Verwaltungsbeamter in Hannover, 1782 in Braunschweig, danach in Preußen (1791 Staatsminister für Ansbach und Bayreuth, 6. 10. 1810 - 1822 Staatskanzler in Preußen). Mit seinem Namen verbinden sich die Maßnahmen der Stein-Hardenbergschen Reformen (Bauernbefreiung, Gewerbefreiheit 1810, Regulierungsedikte 1811, 1816).
Lit.: Vaupel, R., Die Reorganisation des preußischen Staates unter Stein und Hardenberg, 1938; Thielen, P., Karl August von Hardenberg, 1967; Vogel, B., Allgemeine Gewerbefreiheit, 1983; Hermann, I., Hardenberg, 2003
Häresie ist die dem kirchlichen Dogma widersprechende Irrlehre (Ketzerei). Sie wird schon im ausgehenden Altertum durch Verbote von Gottesdiensten, Enteignung von Gütern und Androhung der Todesstrafe sowie im Mittelalter seit 1231/2 durch besondere Inquisitoren (Untersucher) bekämpft.
Lit.:
Köbler, DRG 117; Grundmann, H., Religiöse Bewegungen
im Mittelalter, 1935; Selge, K., Die ersten Waldenser, Bd. 1f. 1967;
Lerner, E., The Heresy, 1972; Merlo, G., Eretici, 1977; Segl, P., Ketzer in
Österreich, 1984;
Häresie und vorzeitige Reformation, hg. v. Smahel, F., 1998; Lambert, M.,
Häresie im Mittelalter, 2001
Harmenopulos, Konstantinos, verfasst 1345 als Richter von Thessaloniki ein -> Hexabiblos genanntes Gesetzeshandbuch des spätbyzantinischen Reiches in sechs Büchern, welches nach weiter Verbreitung auf dem Balkan während der Osmanenzeit 1828 in Griechenland als vorläufiges Zivilgesetzbuch (bis 1946) Verwendung findet.
Lit.: Söllner §§ 23; Köbler, DRG 107; Juristen, hg. v. Stolleis, M., 1995
Harmschar (F.) Qual, Schande
Harpprecht, Johannes Friedrich (Walheim 20. 1. 1560 - Tübingen 18. 9. 1639), früh verwaister Juristensohn, wird nach dem Studium der Philosophie und Rechtswissenschaft in Straßburg, Tübingen und Marburg 1589 in Tübingen promoviert und nach kurzer Tätigkeit am Reichskammergericht 1592 Professor in Tübingen. Sein bekanntestes Werk ist ein sechsbändiger Kommentar zu den Institutionen Justinians (Opera [N.Pl.] omnia multis insignibus quaestionibus adaucta, 1627-30, Gesammelte, mit vielen berühmten Untersuchungen vermehrte Werke), der auch die Praxis und das heimische Recht berücksichtigt.
Lit.: Schnee, H., Die Professoren Dr. Harpprecht und Dr. Schöpf, FS G. Schreiber, 1963, 272
Hartmann von Aue (Oberrheingebiet 1160/5 - nach 1210?), mittelhochdeutscher Dichter, der vielleicht von (lat.) legibus (Gesetzen) gelesen hatte und dadurch (mhd.) legiste geworden ist. Seine Werke erfassen zahlreiche rechtliche Geschehnisse.
Lit.: Fehr, H., Das Recht in der Dichtung, 1931; Wapnewski, P., Hartmann von Aue, 3. A. 1967
Hasse, Johann Christian (1779-1830) wird nach dem Rechtsstudium in Kiel (Thibaut) Professor in Jena, Königsberg, Berlin und Bonn. In seinem Buch Die Culpa des römischen Rechts (1815) teilt er die (lat. [F.]) culpa unter Missachtung der Quellen in die Widerrechtlichkeit und die Schuld (culpa).
Lit.: Stintzing, R./Landsberg, E. v., Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft, 1880ff., Neudruck 1957, 1978, III 2, 289
Hauberggenossenschaft ist eine im Siegerland übliche, seit dem 15. Jh. belegte Genossenschaft zur landwirtschaftlich-gewerblichen Nutzung des Niederwaldes im Turnus von 16-18 Jahren. Sie ist juristische Person.
Lit.: Achenbach, H., Die Hauberggenossenschaften des Siegerlandes, 1863; Lorsbach, J., Hauberge und Hauberggenossenschaften des Siegerlandes, 1956
Häuptling (lat. [M.] capitaneus) ist seit dem 14. Jh. in Friesland ein Anführer.
Hauriou, Maurice (1856-1929), Professor für Verwaltungsrecht (1888) und Verfassungsrecht (1920) in Toulouse, begründet, ausgehend vom Verwaltungsakt, die Wissenschaft vom Verwaltungsrecht in Frankreich (Précis de droit administratif et de droit public général, 1892, Grundriß des Verwaltungsrechts und allgemeinen öffentlichen Rechts).
Lit.: Sfez, L., Essai sur la contribution du doyen Hauriou au droit
administratif français, 1966
Haus ist das zum Benutzen durch Menschen bestimmte größere Gebäude. Seinem Schutz dient der Hausfriede. Die Hausgewalt steht lange Zeit in erster Linie dem Hausvater zu. Die Hausdurchsuchung ist nur unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Der Bau eines Hauses unterliegt bei dichterer Besiedlung öffentlichrechtlichen Vorschriften (Baurecht, hochmittelalterliche Stadt, 19. Jh.). Übertragen ist H. auch das Geschlecht (oder Herrschaftsgebiet des Geschlechts).
Lit.: Kaser §§ 4, 12; Hübner 127; Köbler, DRG 21, 71, 88, 120,
160; Köbler, WAS; Lhotsky, A., Was heißt „Haus Österreich“?, Anz. d. Akad. d.
Wiss. Wien, phil.-hist. Kl. 93 (1956), 155; Benedikt, H., Die Monarchie des
Hauses Österreich, 1968; Kroeschell, K., Haus und Herrschaft, 1968; Deckwirth,
H., Das Haus- und Verlassungsbuch der Altstadt Hannover, Hann. Geschichtsbll.
N.F. 26 (1971), 1; Köbler, G., Das Recht an Haus und Hof im
spätmittelalterlichen Lübeck, in: Der Ostseeraum, hg. v. Friedland, K., 1980,
31; Haus und Familie in der spätmittelalterlichen Stadt, hg. v. Haverkamp, A.,
1984; Histoire de la vie privée, hg. v. Aries, P. u. a..,
Bd. 2 1985;
Haus und Hof in ur- und frühgeschichtlicher Zeit, hg. v. Beck, H. u. a., 1997
Hauser, Kaspar ist der Name eines am 26. Mai 1828 in Nürnberg aufgefundenen,
der Sprache unkundigen jungen, am 17. Dezember 1833 an den Folgen eines
Anschlags vom 14. Dezember 1833 verstorbenen Mannes, dessen Herkunft insbesondere
P. J. Anselm von Feuerbach sehr beschäftigte, ohne dass sie bislang geklärt
ist.
Lit.: Forker, A., Kaspar Hauser, in: Die Bedeutung P. J. A. Feuerbachs
(1775-1833) für die gegenwart, 2003, 99
Hauserbe (lat. suus heres [M.]) ist im römischen Recht der Mensch, der durch den Tod des Vaters gewaltfrei (lat. sui iuris) wird, nämlich vor allem der (mündige) Sohn, die (mündige) Tochter, das adoptierte Kind, der adrogierte Sohn sowie die gewaltunterworfene Ehefrau.
Lit.: Kaser § 66; Söllner § 8; Köbler, DRG 23, 38
Hausfriede ist das Recht, innerhalb der eigenen Wohnung und des umfriedeten Lebensbereiches ungestört zu sein. Bereits im Frühmittelalter sind Tötung und Verletzung innerhalb des Hauses mit höherer Buße bewehrt. Im Hochmittelalter wird der Friede für das Haus allgemein erfasst. Danach schaffen partikulare Rechte sowie 1871 das deutsche Reichsstrafgesetzbuch einen besonderen Tatbestand des Hausfriedensbruches.
Lit.: Osenbrüggen, E., Der Hausfriedensbruch, 1857, Neudruck 1968; Bader, K., Studien zur Rechtsgeschichte des mittelalterlichen Dorfes, Bd. 1ff. 1957ff.
Hausgesetz ist die von einer hochadligen Familie für sich gesetzte besondere Rechtsordnung. Das H. findet sich seit Anfang des 14. Jh.s. Es betrifft vor allem die Erbfolge, die Ehe und die Veräußerlichkeit des Familiengutes (z. B. -> Dispositio Achillea für die Hohenzollern 1473, -> Pragmatische Sanktion vom 19. 4. 1713 für Österreich). Im 19. Jh. wird das H. von der Genehmigung durch den Staat abhängig.
Lit.: Schulze, H., Die Hausgesetze der regierenden deutschen Fürstenhäuser, Bd. 1ff. 1862ff.; Turba, G., Die Grundlagen der Pragmatischen Sanktion, 1911
Hausgewalt -> Haus
Haushalt ist ursprünglich die häusliche Verbrauchsgemeinschaft, seit dem 20. Jh. die Gesamtheit der der Erfüllung der öffentlichen Aufgaben dienenden Einkünfte und Ausgaben einer -> juristischen Person des öffentlichen Rechts (-> Staatshaushalt), welche nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika seit dem 19. Jh. vom Parlament durch ein Haushaltsgesetz beschlossen werden müssen.
Lit.: Köbler, DRG 99, 129; Friauf, K., Der Staatshaushaltsplan,
1968;
Haushalten in Geschichte und Gegenwart, hg. v. Richarz, I., 1994; Rothenbacher,
F., Historische Haushalts- und Fanubenstatistik, 1997
Hauskind ist im römischen Recht das unter der väterlichen Gewalt lebende -> Kind.
Lit.: Kaser §§ 12 I 2b, 33 III, 49 I, 50 III 4a, 66 VI, 68 III 2
Häusler ist im mittelalterlichen Recht der nur ein Haus und kein Feld besitzende Dorfbewohner (Gärtner, Kossäte, Seldner).
Lit.: Schröder, R./Künßberg, E. v., Lehrbuch der Deutschen Rechtsgeschichte, 7. A. 1932, Neudruck 1966, 457
Hausmarke ist im Mittelalter und in der Neuzeit ein bestimmtes, dem Wappen des Adels vergleichbares schriftartiges Erkennungszeichen für einen Menschen oder ein Haus (u. a. Handelsmarke, Notarssignet).
Lit.: Homeyer, C., Haus- und Hofmarken, 1870, Neudruck, 1964; Grohne, E., Die Hausmarken und Hauszeichen, 1912; Gmür, M., Schweizerische Bauernmarken und Holzurkunden, 1917
Hausmeier (lat. maior [M.] domus) ist der Leiter einer Hausverwaltung im spätrömischen Italien und im Frühmittelalter. Bei den fränkischen Königsfamilien finden sich (anfangs unfreie) H. seit dem 6. Jh. Im Jahre 751 verdrängt der austrasische H. Pippin der Jüngere aus dem Geschlecht der Arnulfinger oder Pippiniden den König aus dem Geschlecht der -> Merowinger und begründet die Königsfamilie der -> Karolinger.
Lit.: Köbler, DRG 76; Hermann, E., Das Hausmeieramt, 1880, Neudruck 1970; Heidrich, J., Titulatur und Urkunden der arnulfingischen Hausmeier, Archiv f. Diplomatik 11/12 (1965/6), 71; Haas, K., Studien zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des fränkischen maior-domus-Amts, Diss. phil. Heidelberg 1968; Heidrich, J., La maison du palais Neustriens, Francia Beiheft 16/1 1989, 217
Haussuchung ist die Durchsuchung eines Hauses. Nach altrömischem Recht kann bei Diebstahlsverdacht eine (lat.) quaestio (F.) lance et licio (Untersuchung mit Schüssel und Schurzfell) erfolgen, bei welcher der Suchende nackt, nur mit einem Schurzfell (lat. [N.] licium) bekleidet und eine Schüssel (lat. [F.] lanx) tragend, das Haus betreten muss und der Täter bei erfolgreicher Suche als handhafter Dieb (lat. fur [M.] manifestus) getötet werden darf. Im Mittelalter ist H. bei Verfolgung einer abhanden gekommenen beweglichen Sache möglich. Vermutlich wird bei erfolgloser H. der Suchende bußpflichtig. Seit dem Hochmittelalter bedarf die H. mehr und mehr der vorherigen Erlaubnis des Richters oder Rates. Im 19. Jh. sichern die Verfassungen vor willkürlicher H. (Hessen-Kassel 1831, Reich 1848). Im 20. Jh. gewähren sie ein Grundrecht auf Freiheit der Wohnung, das nur durch Gesetz eingeschränkt werden kann.
Lit.: Kaser § 51 I 2; Grimm, J., Deutsche Rechtsaltertümer, Bd. 2 4. A. 1899, Neudruck 1922, 1989, 1994; Schwerin, C. Frhr. v., Die Formen der Haussuchung, 1924; Wolff, J., Lanx et licium, in: Sympotica F. Wieacker 1970, 59
Haustürgeschäftswiderrufsgesetz ist ein deutsches Gesetz vom 16. 1. 1986, das im Interesse des Verbrauchers bestimmt, dass eine auf Abschluss eines Vertrages über eine entgeltliche Leistung gerichtete Willenserklärung eines Kunden in bestimmten Fällen erst wirksam wird, wenn sie der Kunde nicht binnen einer Frist von einer Woche schriftlich widerruft.
Lit.: Köbler, DRG 266
Hauswirtschaft ist die auf den einzelnen Haushalt beschränkte, alle verwendeten Güter herstellende und verbrauchende Wirtschaft. Sie ist bereits im antiken Rom zugunsten der Marktwirtschaft aufgegeben. Im Frühmittelalter erweitert sie sich auf die jeweilige Grundherrschaft und tritt seit dem Hochmittelalter zurück, um seit dem 19. Jh. fast gänzlich ihre Bedeutung zu verlieren.
Lit.: Köbler, DRG 67, 77; Bauer, L./Matis, H., Geburt der Neuzeit, 1988
Haut und Haar ist eine mittelalterliche Bezeichnung für Leibesstrafen.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 1f. 1920ff., Neudruck 1964
Haverei (Haverie) ist der während einer Schiffahrt an Fahrzeug und Ladung entstehende Schaden. Dazu übernimmt bereits das römische Recht die im hellenistischen Bereich entwickelte (lat.) -> lex (F.) Rhodia de iactu (rhodisches Gesetz über den Seewurf), nach welcher der Schiffer, der in Seenot Güter eines Befrachters ins Meer wirft und sein Schiff rettet, dem geschädigten Befrachter zur Erstattung eines anteiligen Ausgleiches entsprechend dem Wert der Ladungen der anderen Befrachter verpflichtet ist, gegen die er seinerseits Rückgriff nehmen darf. Im Hochmittelalter ändern dies die -> Rôles d’Oléron in gewisser Weise ab. Auch das Hamburger Stadtrecht bildet Regeln über die H. aus, wobei im 18. Jh. zwischen kleiner, nur das Frachtgut betreffender, und großer, auch das Schiff erfassender H. unterschieden wird. Über das -> Allgemeine Deutsche Handelsgesetzbuch (1861) gehen diese Regeln in das deutsche Handelsgesetzbuch (1897) ein.
Lit.: Kaser § 42 IV 4; Claussen, C., Über die lex Rhodia de iactu, Diss. jur. Kiel 1876; Heck, P., Das Recht der großen Haverei, 1889; Reincke, H., Die ältesten Formen des hamburgischen Schiffsrechts, Hamburg. Geschbll. 63 (1968); Krieger, K., Ursprung und Wurzeln der rôles d’Oléron, 1970; Landwehr, G., Die Haverei in den mittelalterlichen deutschen Seerechtsquellen, 1985; Landwehr, G., Zur Begriffsgeschichte der Haverei, FS H. Niederländer, 1991, 57
hebräisch -> Israel, Jude
Heck, Philipp (St. Petersburg 22. 7. 1858 - Tübingen 28. 6. 1943) wird nach dem Studium von Mathematik und Recht in Leipzig und der Habilitation in Berlin Professor in Greifswald (1891), Halle (1892) und Tübingen (1901). Er begründet in der Nachfolge Rudolf von Iherings die gegen -> Begriffsjurisprudenz und -> freie Rechtsschule gerichtete -> Interessenjurisprudenz, welche Lücken im Recht durch Vergleich gesetzlicher Entscheidungen von Interessengegensätzen (oder bei deren Fehlen durch persönliches Wertempfinden) schließen will. Daneben verfasst er Grundrisse zum Schuldrecht (1929) und Sachenrecht (1930) und zahlreiche rechtsgeschichtliche Arbeiten.
Lit.: Heck, P., Begriffsbildung und Interessenjurisprudenz, 1932; Kallfass, W., Die Tübinger Schule der Interessenjurisprudenz, 1972; Wolf, M., Philipp Heck als Zivilrechtsdogmatiker, 1996; Schoppmeyer, H., Juristische Methode als Lebensaufgabe, 2001
Heer ist der zu Land kämpfende Teil der Streitkräfte. Sowohl in Rom wie auch bei den Germanen ist das H. zunächst allgemeines Volksheer. In Rom beginnt mit Marius (um 100 v. Chr.) die Umwandlung in ein Berufsheer von Söldnern, das nach Bedarf aufgestellt wird. Bereits unter Augustus (63 v. Chr. - 14 n. Chr.) ist ein stehendes H. von 27-28 Legionen zu 6000 Männern vorhanden. Seit dem Frühmittelalter (9. Jh. - 12. Jh.) verschwindet bei den germanistischen Nachfolgevölkern das Volksheer der einfachen Freien und wird durch ein ständisches Reiterheer (Ritter) im Umfang von meist nicht mehr als 2000 Gepanzerten ersetzt. An dessen Stelle tritt seit dem 14. Jh. der berufsmäßige, zunächst mit Lanze, dann mit Feuerwaffen ausgerüstete Fußsoldat, der nach Bedarf angeworben wird (Landsknechte). Das Reichsheer besteht aus geringen Kontingenten der Reichsstände, wobei sich die mächtigeren Fürsten zunehmend ihren Gestellungsverpflichtungen entziehen. Seit der Mitte des 17. Jh.s strebt der Landesherr ein stehendes H. an. Dabei ersetzt später die Aushebung die Anwerbung (Preußen 1733). Zu Beginn des 19. Jh.s wird die allgemeine Wehrdienstpflicht eingeführt (Preußen 3. 9. 1814). 1919 wird das deutsche H. auf 100000 Mann beschränkt, doch durchbricht Hitler bald diese Einschränkung. 1956 wird die Bundeswehr der Bundesrepublik Deutschland eingerichtet.
Lit.:
Dulckeit/Schwarz/Waldstein § 29 III; Köbler, DRG 112, 150, 152, 198; Köbler,
WAS; Stein, L. v., Die Lehre vom Heerwesen, 1872; Grosse, R., Römische
Militärgeschichte, 1920; Niemann, A., Kaiser und Heer, 1923; Conrad, H.,
Geschichte der deutschen Wehrverfassung, Bd. 1 1939; Oestreich, G., Zur
Heeresverfassung der deutschen Territorien von 1500 bis 1800, FG F. Hartung,
1958, 419; Keen, M., The Laws of War, 1965; Hermann, C., Deutsche
Militärgeschichte, 1966; Müller, K., Das Heer und Hitler, 1969; Contamine, P.,
La guerre au Moyen Age, 3. A. 1992; Masson, P., Die deutsche Armee, 1996; Die Wehrmacht, hg. v. Müller, R. u. a., 1999; Gilliver, K.,
Auf dem Weg zum Imperium, 2003
Heerbann ist seit dem Frühmittelalter (Erstbeleg um 665) der das -> Heer betreffende -> Bann des Königs, dessen Aufgebotsrecht mit dem H. bewehrt ist.
Lit.: Kroeschell, DRG 1
Heergewäte (Hergewäte) ist die Heeresbekleidung für den Krieg. Das H. wird wohl schon seit dem Frühmittelalter in einer Sondererbfolge an einen männlichen Verwandten (ältesten Sohn) vererbt. In den Städten seit dem Hochmittelalter im Schwinden begriffen, wird es zwischen dem 17. und 19. Jh. (Fehmarn) allgemein abgeschafft.
Lit.: Köbler, DRG 73, 89, 123, 162; Bungenstock, W., Heergewäte und Gerade, Diss. jur. Göttingen 1966
Heerschild ist ein Einteilungskriterium der mittelalterlichen Ordnung der lehnsrechtlich gestuften Gesellschaft. Nach dem Sachsenspiegel (1221-24) hat der König den ersten H. Die geistlichen Fürsten stehen im zweiten H., die weltlichen Fürsten im dritten. Wie weit die (siebenstufige) Heerschildordnung nach unten reicht, ist auch den mittelalterlichen Zeitgenossen nicht völlig klar.
Lit.: Kroeschell, DRG 1; Köbler, DRG 98; Ficker, J., Vom Heerschilde, 1862, Neudruck 1964; Krieger, K., Die Lehnshoheit der deutschen Könige, 1979
Hegel, Georg Friedrich Wilhelm (Stuttgart 27. 8. 1770 - Berlin 14. 11. 1831), Beamtensohn, wird nach dem Studium von Philosophie und Theologie in Tübingen Hauslehrer und nach der Habilitation (1801) außerordentlicher Professor in Heidelberg (1816) und Berlin (1818). Für H. ist Weltgeschichte der notwendig fortschreitende Prozess, in welchem sich der absolute Geist seiner Freiheit im dialektischen Dreischritt von These, Antithese und Synthese bewusst wird. In der tatsächlichen Umwelt versteht H. den preußischen Staat als Verwirklichung der Freiheit. Damit wird zu Unrecht der Staat dem einzelnen stärker übergeordnet als notwendig.
Lit.:
Landau, P., Hegels Begründung des Vertragsrechts, ARSP 59 (1973), 117;
Flechtheim, O., Hegels Strafrechtstheorie, 2. A. 1975; Materialien zu Hegels
Rechtsphilosophie, hg. v. Riedel, M., 1975; Theunissen, M., Sein und Schein,
1980; Gessmann, M., Hegel, 1999; Fulda, F., Georg
Wilhelm Friedrich Hegel, 2003
Hegung ist im deutschen Recht die förmliche Eröffnung von gerichtlichen Versammlungen durch künstliche Abgrenzung und Durchführung eines Frage-Antwort-Ritus. Alter und Herkunft der im 13. Jh. eindeutig sichtbaren Vorgangsweise sind unklar. Bereits seit dem Spätmittelalter wird die H. ziemlich sinnentstellt durchgeführt.
Lit.: Planck, J., Das deutsche Gerichtsverfahren im Mittelalter, Bd. 1 1879, Neudruck 1973, 130; Burchard, K., Die Hegung, 1893; Grimm, J., Deutsche Rechtsaltertümer, Bd. 2 4. A. 1899, Neudruck 1922, 1989, 1994, 437, 483
Hehler ist, wer eine Sache, die ein anderer
gestohlen oder sonst durch eine gegen fremdes Vermögen gerichtete rechtswidrige
Tat erlangt hat, ankauft, sich oder einem Dritten verschafft, absetzt oder
absetzen hilft, um sich oder einen Dritten zu bereichern. Der H. ist strafbar (->
Der Hehler ist nicht besser als der Stehler). Bereits ein Privileg
Heinrichs IV. für die Juden in Speyer und Worms von 1090 bestimmt aber, dass
Juden, welche gestohlene Sachen gegen Entgelt erworben haben, sie nur gegen
Ersatz des Kaufpreises herausgeben müssen (sog. Hehlerprivileg oder
Lösungsrecht). Mit dem Ausgang des Mittelalters verliert das Lösungsrecht an
Bedeutung, ohne ganz zu verschwinden. -> Der Hehler ...
Lit.:
Hübner 433; Kroeschell, DRG 2; Meyer, H., Das Hehlerrecht, in: Forschungen zur
Judenfrage, Bd. 1 1937, 92; Feenstra, R., Zum Ursprung des Lösungsrechts, FS G.
Kisch, 1955, 237; Kisch, G., Zur Rechtsstellung der Juden im Mittelalter, ZRG
GA 81 (1964), 360; Wolff, B., Begünstigung,
Strafvereitelung und Hehlerei, 2002
Heidelberg am Neckar unterhalb einer wohl im 11. Jh. erbauten Burg wird seit dem 13. Jh. ein bedeutender Ort der seit 1214 wittelsbachischen Pfalzgrafen bei Rhein, an dem 1386 eine Universität errichtet wird.
Lit.: Köbler, DRG 100; Dickel, G., Die Heidelberger juristische
Fakultät, 1961; Willoweit, D., Das juristische Studium in Heidelberg, in:
Semper aperta, FS Universität Heidelberg, hg. v. Doerr, W., Bd. 1 1985, 85;
Landwehr, G., Heidelberger Juristen in sechs Jahrhunderten, in: Richterliche
Rechtsfortbildung, FS der juristischen Fakultät zur 600-Jahr-Feier der
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, 1986, 653; Heidelberger
Strafrechtslehrer im 19. und 20. Jahrhundert, hg. v. Küper, W., 1986; Der
Humanismus und die oberen Fakultäten, hg. v. Keil, G. u. a., 1987; Wolf, K., Die
Heidelberger Universitätsangehörigen, 1991; Kolb, J., Heidelberg, 1998
Heilige Allianz ist das am 26. 9. 1815 zwischen Franz I. von -> Österreich, Friedrich Wilhelm III. von -> Preußen und Alexander I. von -> Rußland abgesprochene religiös-moralische Manifest, das neben dem Bekenntnis zur christlichen Religion und zu den Grundsätzen der Legitimität, Legalität und Stabilität auch ein allgemeines Beistandsversprechen enthält. Ihm treten fast alle christlichen Staaten Europas bei. Bereits 1823 außerhalb Europas und 1830 in Europa (Belgien, Griechenland) wird das legitimistische Interventionsprinzip auf Grund der sich entwickelnden Interessengegensätze der beteiligten Mächte aufgegeben.
Lit.: Köbler, DRG 170; Näf, W., Zur Geschichte der Heiligen Allianz, 1928
Heiliger -> Reliquie
Heiliger Stuhl -> Papst
Heiliges Römisches
Reich (deutscher Nation) ist die sich im Spätmittelalter ausformende
Bezeichnung des (ersten) deutschen Reiches (1474, amtlich 1512, um 1000 regnum
Teutonicum, 1122 Romanorum imperator, 1157 [lat.] sacrum imperium [N.], 2.
Hälfte 13. Jh.s sacrum Romanum imperium). Das H. R. R. wird
getragen von -> König bzw. Kaiser und -> Reichsständen. Es endet als H.
R. R. auf den politischen Druck Napoleons am 6. 8. 1806 mit der Niederlegung
der Krone durch Kaiser Franz II. (aus der Familie der -> Habsburger). Die h.
M. legt den im 15. Jh. aufkommenden, tatsächlichen Zusatz „Deutscher Nation“
als auf das deutschsprachige Gebiet einschränkend aus. Die -> Verfassung des
Heiligen Römischen Reiches wird durch eine Reihe von einzelne Fragen
behandelnden „Grundgesetzen“ bestimmt, die man bereits mit dem Wormser
Konkordat von 1122 beginnen lassen kann (vor allem Licet iuris 1338, Goldene
Bulle 1356, Wiener Konkordat 1448, Ewiger Landfriede 1495,
Reichskammergerichtsordnung 1495, Augsburger Reichsabschied 1555, Westfälischer
Friede 1648, Jüngster Reichsabschied 1654, Reichshofratsordnung 1654,
Capitulatio perpetua 1711, Reichsputationshauptschluss 1803).
Lit.:
Köbler, DRG 110, 133; Krebs, C., Teutscher Reichsstaat, Teil 1f. 1706f.; Moser,
J., Teutsches Staatsrecht, Bd. 1ff. 1737ff., Neudruck 1968; Diehl, E., Heiliges
Römisches Reich deutscher Nation, HZ 156 (1937), 457; Wesenberg, G., Die
Privatrechtsgesetzgebung des Heiligen Römischen Reiches, Studi P. Koschaker,
Bd. 1 1954, 187; Aretin, K. Frhr. v., Heiliges Römisches Reich 1776-1806, 1967;
Aretin, K. Frhr. v., Das Alte Reich, Bd. 1ff. 1980ff. (Band 4 Register); Das
Staatsrecht des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, hg. v. Wagner, W.,
1968; Schubert, E., König und Reich, 1979; Walter, G., Der Zusammenbruch des
Heiligen Römischen Reiches, 1980; Nonn, U., Heiliges Römisches Reich deutscher
Nation, ZHF 9 (1982), 129; Hammerstein, N., Das
Römische am Heiligen Römischen Reich, ZRG GA 100 (1983), 119; Heiliges
Römisches Reich und moderne Staatlichkeit, hg. v. Brauneder, W., 1993; Luh, J.,
Unheiliges Römisches Reich, 1995; Schulze, H., Kaiser und Reich, 1998;
Schmidt, G., Geschichte des Alten Reiches, 1999; Marquardt, B., Das
Römisch-deutsche Reich als segmentäres Verfassungssystem, 1999; Imperium
Romanum – irregulare corpus – Teutscher Reichs-Staat, hg. v. Schnettger, M.,
2002; Gotthard, A., Das Alte Reich 1495-1806, 2003
Heilung (von Rechtsgeschäften) -> Konvaleszenz
Heimbürge ist seit dem Hochmittelalter der Leiter einer meist dörflichen Gemeinde zwischen Elsaß und Thüringen, der endgültig im 19. Jh. verschwindet.
Lit.: Wiemann, H., Der Heimbürge, 1962
Heimfall ist der Anfall des Nachlasses von erbenlos verstorbenen Menschen. Er steht teils dem Grundherrn, teils dem Lehnsherrn, teils der Gemeinde, teils dem König oder Landesherrn bzw. Staat zu. Im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch (1900) ist der -> Fiskus gesetzlicher Erbe.
Lit.: Hübner 777; Poll, B., Das Heimfallsrecht auf den Grundherrschaften Österreichs, 1925, Neudruck 1978; Schmelzeisen, G., Polizeiordnungen und Privatrecht, 1955, 149; Jewell, H., English Local Administration, 1972
Heimtücke (F.) Hinterhältigkeit
Lit.: Dörner, B.,
Heimtücke, 1998
Heineccius, Johann Gottlieb (Eisenberg 11. 9.
1681 - Halle 31. 8. 1741) wird nach dem Studium der Theologie in Leipzig und
des Rechts in Halle (Stryk, Thomasius, Böhmer, Gundling, Ludewig) 1713
Philosophieprofessor und 1720/1 Rechtsprofessor in Halle, Franeker (1723),
Frankfurt an der Oder (1727) und Halle (1733). Seine dogmatischen Grundrisse
(darunter die erste geschlossene Darstellung des deutschen Privatrechts und das
erste römischrechtliche Lehrbuch moderner Form) machen ihn zum einflussreichsten
deutschen Juristen des 18. Jh.s
(Antiquitatum Romanarum syntagma [N.], 1721, Elementa [N.Pl.] iuris civilis
secundum ordinem institutionum, 1725, Elementa [N.Pl.] pandectarum, 1727, Jurisprudentia
[F.] Romana, 1738ff., Antiquitates [F.Pl.] Germanicae jurisprudentiam patriam
illustrantes, 1772ff., Elementa [N.Pl.] iuris Germanici, 1735f., Elementa
[N.Pl.] iuris naturae et gentium, 1737, deutsch 1994, Grundzüge des Natur- und
Völkerrechts).
Lit.: Köbler, DRG 144; Luig, K., Die Anfänge der Wissenschaft vom deutschen Privatrecht, Ius commune 1 (1967), 195; Elementa iuris naturae et gentium (deutsch), hg. v. Bergfeld, C., 1994
Heingereiden (Haingeraiden) sind (16) seit dem 13. Jh. nachweisbare dörfliche Marknutzungsverbände von den Vogesen bis zur Haardt, welche seit 1792 von Frankreich beseitigt werden.
Lit.: Christmann, E., Name und Entstehung der pfälzischen Heingereiden, ZGO 99 (1951), 407; Ziegler, H., Die Auflösung der Haingeraiden, Pfälzer Heimat 20 (1969), 20
Heinrich der Löwe (1128/9? - Braunschweig 6. 8. 1195), -> Welfe, Herzog von Sachsen (1142) und Bayern (1156), gefährdet durch seine beinahe königliche Machtstellung den mit ihm verwandten deutschen Kaiser Friedrich I. Barbarossa (-> Staufer). Da er mehreren Ladungen in einem von Fürsten wegen Landfriedensbruches eingeleiteten Verfahren vor dem Kaiser nicht Folge leistet, wird er im Juni 1179 geächtet und als Folge des Nichterscheinens in einem daraufhin wegen Nichtachtung der Majestät begonnenen Verfahrens im Januar 1180 für aller Reichslehen verlustig erklärt. Im April 1180 wird das Herzogtum Sachsen in Westfalen (an den Erzbischof von Köln) und (östliches) Sachsen (Bernhard von Askanien) geteilt, im September 1180 das Herzogtum Bayern an Otto von -> Wittelsbach gegeben. H. d. L. behält nur die Eigengüter um Braunschweig und Lüneburg. Mit der Zerschlagung des Stammesherzogtums Sachsen wird die Bildung von -> Ländern weiter gefördert.
Lit.:
Güterbock, F., Die Gelnhäuser Urkunde und der Prozess Heinrichs des Löwen,
1920; Bärmann, J., Die Städtegründungen Heinrichs des Löwen, 1961; Diestelkamp,
B., Welfische Städtegründungen und Stadtrechte des 12. Jahrhunderts, ZRG GA 81
(1964), 164; Jordan, K., Heinrich der Löwe, 2. A. 1980; Heinrich der Löwe, hg.
v. Mohrmann, W., 1980; Engels, O., Stauferstudien, 1988; Heinrich der Löwe, hg.
v. Luckhardt, J., 1995; Ehlers, J., Heinrich der Löwe,
1997; Seibert, H., Heinrich der Löwe und die Welfen, HZ 268 (1998), 375;
Gaethke, H., Herzog Heinrich der Löwe und die Slawen nordöstlich der unteren
Elbe,1999; Heinrich der Löwe, hg. v. Fried, J. u. a., 2003
Heinrich von Segusia -> Hostiensis
Heirat (F.) -> Eheschließung
Lit.: Mantl, E., Heirat als
Privileg, 1997; Liebl, R., Ein Königreich als Mitgift, 1998
Heirat macht mündig.
Lit.: Deutsche Rechtsregeln und Rechtssprichwörter, hg. v. Schmidt-Wiegand, R., 1996 (Hillebrand 1858)
Heiratserlaubnis ist die Erlaubnis der Eheschließung eines Menschen mit einem anderen durch einen Dritten. Im Frühmittelalter bedarf die Braut der H. des Inhabers der Personalgewalt, welche später auf die Fälle fehlender Ehemündigkeit eingeschränkt wird. Daneben benötigt der Unfreie die H. des Grundherrn. Seit dem 16. Jh. begründet der Landesherr Heiratserlaubnisse für Beamte, Soldaten, Kranke, Witwen usw. Die Aufklärung drängt seit dem ausgehenden 18. Jh. die H. allgemein zurück.
Lit.: Thudichum, F., Über unzulässige Beschränkungen des Rechts der Verehelichung, 1866; Köstler, R., Die väterliche Ehebewilligung, 1908; Schmelzeisen, G., Polizeiordnungen und Privatrecht, 1955, 30; Schwab, D., Grundlagen und Gestalt der staatlichen Ehegesetzgebung in der Neuzeit, 1967
Heliand („Heiland“) ist eine nach der lateinischen Übersetzung (6. Jh.) der Evangelienharmonie des Syrers Tatian (2. Jh.) vor 850 (wohl in Fulda oder Werden) verfasste altsächsische Stabreimdichtung. Es ist streitig, in welchem Umfang das Werk frühmittelalterliches Recht wiedergibt (Herrschaft, Stände, Rüge).
Lit.: Vilmar, A., Deutsche Altertümer im Heliand, 2. A. 1862; Lagenpusch, E., Das germanische Recht im Heliand, 1894; Kuhn, H., Die Grenzen der germanischen Gefolgschaft, ZRG GA 73 (1956), 28; Sowinski, B., Darstellungsstil und Sprachstil im Heliand, 1985; Heliand und Genesis, hg. v. Taeger, B., 10. A. 1996
Hellenismus ist ursprünglich der richtige Gebrauch der griechischen Schriftsprache, später die Ausbreitung griechischer Kultur seit Alexander dem Großen (356 - 13. 6. 323).
Lit.: Kaser
§§ 1 II 2, 3 III 4; Söllner §§ 18, 19, 22; Kreissig, H., Geschichte des
Hellenismus, 1984;
Gehrke, H., Geschichte des Hellenismus, 2. A. 1995; Hellenismus, hg. v. Funck,
B., 1997; Die Rezeption der Antike, hg. v. Konstantinou, E., 1998; Christ, K.,
Hellas, 1999; Heinen, H., Geschichte des Hellenismus, 2003
Heller, Hermann (Teschen 17. 7. 1891 - Madrid 5. 11. 1933), Rechtsanwaltssohn, wird nach dem Rechtsstudium in Wien, Innsbruck und Graz 1920 in Kiel (Radbruch) habilitiert, 1928 zum außerordentlichen Professor in Berlin und 1932 zum ordentlichen Professor in Frankfurt am Main (bis 7. 4. 1933) ernannt. Er versteht in der Staatslehre den Staat als sozialen Rechtsstaat.
Lit.: Robbers, G., Hermann Heller, 1983; Der soziale Rechtsstaat, hg. v. Müller, C./Staff, J., 1984; Deutsche Juristen jüdischer Herkunft, hg. v. Heinrichs, H. u. a., 1993, 767; Fiedler, W., Das Bild Hermann Hellers, 1994; Goller, P., Hermann Heller, 2002
Helmstedt ist von 1576 bis 1810 Sitz einer vom Herzog von Braunschweig gegründeten Universität.
Lit.: Schikora, A., Die Spruchpraxis an der juristischen Fakultät zu Helmstedt, 1972; Kundert, W., Katalog der Helmstedter juristischen Disputationen, 1984; Alschner, U., Universitätsbesuch in Helmstedt, 1998
Helsinki (Helsingfors) wird 1550 vom König von Schweden gegründet und 1640 verlegt. Am neuen Ort erhält es eine Universität. 1812 wird es Hauptstadt des russischen Großfürstentums -> Finnland.
Helvetische Republik ist die nach dem keltischen, von Caesar 58 v. Chr. besiegten Stamm der Helvetier benannte, von Frankreich (Napoleon) beeinflusste Republik in der -> Schweiz (1798-1803).
Lit.: Levi, R., Der oberste Gerichtshof der Helvetik, 1945; Zwicky, J., Das Gefängniswesen zur Zeit der Helvetik, Diss. jur. Zürich 1982; Alkaly, M., Das materielle Strafrecht der französischen Revolution, 1984
Henker ist der 1276 in Augsburg zuerst bezeugte Vollstrecker des (auf Hängen lautenden) Todesurteils. Der H. gilt als unehrlich. Vor der Vollstreckung steht dem Hinzurichtenden eine Henkersmahlzeit zu.
Lit.: Angstmann, E., Der Henker in der Volksmeinung, 1928; Hentig, H. v., Vom Ursprung der Henkersmahlzeit, 1958; Schuhmann, H., Der Scharfrichter, 1964; Glenzdorf-Treichel, Henker, Schinder und arme Sünder, 1978
Henlich ist ursprünglich der Heiratsgesang und im Hoch- und Spätmittelalter insbesondere im Recht des Ingelheimer Oberhofes der -> Ehevertrag.
Lit.: Gudian, G., Ingelheimer Recht im 15. Jahrhundert, 1968, 104
Henneberg, Berthold von (1441/2 - 21. 12. 1504), aus der Familie der Grafen von Henneberg-Römhild, wird nach dem Studium der Theologie in Erfurt (1455) und Italien Domherr in Mainz (1464) und Erzbischof von Mainz (20. 5. 1484). Er bestimmt als Reichskanzler maßgeblich die Reformen des Heiligen Römischen Reiches (deutscher Nation) im Jahre 1495 (-> Reichskammergericht, -> Landfriede, -> Gemeiner Pfennig).
Lit.: Weiß, E., Berthold von Henneberg, 1889; Bader, K., Ein Staatsmann vom Mittelrhein, 1955; Schröcker, A., Unio atque concordia, Diss. phil. Würzburg 1970
Heraldik (F.) Wappenkunde
Lit.: Köbler, DRG 3; Berchem, E. Frhr. v., Heraldische Bibliographie, 1937; Galbreath, D., Handbüchlein der Heraldik, 2. A. 1948; Gumowski, M., Handbuch der polnischen Heraldik, 1969; Zenger, Z., Ceska heraldika, 1978; Bertenyi, I., Kis, magyar eimertan, 1983; Lexikon der Heraldik, 1984; Henning, E./Jochums, G., Bibliographie zur Heraldik, 1984; Dictionnaire heraldique, 1985; Woodcock, T./Robinson, J., The Oxford Guide to Heraldry, 1988; Handbuch der Heraldik, 19. A. 1998; Filip, V., Einführung in die Heraldik, 2000
Heraklit von Ephesos (um 500 v. Chr.) ist der erste europäische Philosoph, der den Einsatz des einzelnen für die rechtliche Ordnung als Voraussetzung für den Bestand des Gemeinwesens hervorhebt.
Lit.: Moser, P., Heraklits Kampf ums Recht, 1993
Herausgabeanspruch ist der Anspruch auf die Herausgabe eines Menschen oder einer Sache. Der bekannteste Fall des Herausgabeanspruches ist die schon dem altrömischen Recht vertraute (lat.) -> rei vindicatio (F.). Sie lebt im modernen H. in abgewandelter Form fort.
Lit.: Kaser § 27 I; Köbler, DRG 212
Herder, Johann Gottfried (Mohrungen 25. 8. 1744 - Weimar 18. 12. 1803) wird nach dem Theologiestudium in Königsberg (1762-4) Prediger. Er sieht in der Volkssprache und im Volkslied den Ausdruck des unbewusst schaffenden -> Volksgeistes, dessen nationale Eigenart geschichtlichen Eigenwert besitzt (Idee der Kulturnation). Damit beeinflusst er -> Savignys Verständnis vom Recht als sich organisch entfaltendem Teilbereich der Gesamtkultur in bedeutsamer Weise.
Lit.: Herder, J., Über die neuere deutsche Literatur, 1766/7; Herder J., Abhandlung über den Ursprung der Sprache, 1772; Würtenberger, T., Johann Gottfried Herder und die Rechtsgeschichte, JZ 12 (1957), 137; Kalletat, F., Herder und die Weltliteratur, 1984
heredis institutio (lat. [F.] Erbeinsetzung) ist in klassischer römischer Zeit die schon früh an den Anfang des Testamentes zu stellende, lange Zeit unabdingbare Erbeinsetzung (z. B. [lat.] Titius heres esto).
Lit.: Kaser §§ 65 II 1, 67 I 2
hereditas ([F.] lat.) ist im römischen Recht die vor allem aus Vermögensrechten gebildete Erbschaft (das Erbe). Die h. fällt als Einheit durch Gesamtnachfolge dem Erben an.
Lit.: Kaser §§ 65f.; Köbler, LAW
hereditas (F.) iacens (lat.) (liegende bzw. ruhende Erbschaft) ist im römischen Recht die einem Außenerben (lat. heres [M.] extraneus) anfallende Erbschaft in der Zeit zwischem dem Tod des Erblassers und der Ergreifung der Vermögensrechte durch den Außenerben. Ursprünglich gelten die Erbschaftsgegenstände als (lat.) res (F.) nullius (Sachen niemands). Die Rechte und Pflichten bestehen weiter, haben aber zeitweilig keinen Träger und können deswegen nicht geltend gemacht werden. Die h. i. kann Rechte erwerben. Die h. i. wird mit der Aufnahme des römischen Rechts seit dem Spätmittelalter übernommen (z. B. Österreich).
Lit.: Kaser § 72 I; Coing, H., Europäisches Privatrecht, Bd. 1 1985, 562, 621, 629
hereditatis petitio (lat. [F.] Erbschaftsbegehren) ist bereits im altrömischen Recht das Herausverlangen der Erbschaft durch eine Person, die behauptet Erbe zu sein.
Lit.: Kaser §§ 65 III, 75
heres (lat. [M.]) ist im römischen Recht der -> Erbe (Hauserbe oder Außenerbe).
Lit.: Kaser § 65 III; Köbler, DRG 37; Köbler, LAW
Herford ist eine westfälische, um das 823 gegründete, 1147 reichsunmittelbare Stift erwachsene Stadt, von der die Bilderhandschrift eines mittelalterlichen Rechtsbuches überliefert ist.
Lit.: 1200 Jahre Herford, 1989; Rechtsbuch der Stadt Herford, hg. v. Helmert-Corvey, T., 1989; Terharn, C., Die Herforder Fehden, 1994
Hergewäte -> Heergewäte
herisliz (ahd. [M.] Heerzerstörung) ist der tatbestandliche Vorwurf (des Hochverrats), welcher 788 zur Absetzung Herzog Tassilos III. von Bayern führt.
Lit.: Köbler, WAS; His, R., Das Strafrecht des deutschen Mittelalters, Bd. 2 1935, 53
Hermann von Oesfeld (Magdeburg Mitte 14. Jh.), Bürger in Magdeburg, fertigt möglicherweise ein Register zum Landrecht des -> Sachsenspiegels sowie die um 1350 entstehenden verfahrensrechtlichen Schriften -> Cautela und -> Premis an.
Lit.: Homeyer, C., Richtsteig Landrecht nebst Cautela und Premis, 1857, 390; Oppitz, U., Deutsche Rechtsbücher des Mittelalters, Bd. 1 1990, 66
Hermann von Salza von 1209 bis (Salerno) 20. 3. 1239 (vierter) Hochmeister des Deutschen Ordens, erlässt die sog. -> Kulmer Handfeste, welche lübischem und magdeburgischem Vorbild folgend den nach Kulm und Thorn gezogenen Bürgern freiheitliche Rechte gewährt.
Lit.: Caspar, E., Hermann von Salza und die Gründung des Deutschordensstaates in Preußen, 1924
Hermogenian (um 300) ist vielleicht unter Kaiser Diokletian (284-313/6) Leiter einer kaiserlichen Kanzlei und (lat.) praefectus (M.) praetorio (Prätorianerpräfekt). Er verfasst die private (halbamtliche?) Sammlung von Konstitutionen Diokletians fast nur der Jahre 293 und 294 (-> Codex Hermogenianus), von welcher 104 Fragmente in die -> Digesten Justinians aufgenommen werden, und (lat.) Iuris epitomarum libri (M.Pl.) VI (Auszüge aus klassischen Juristenschriften).
Lit.: Söllner §§ 19, 22; Liebs, D., Hermogenians Iuris Epitomae, 1964; Liebs, D., Die Jurisprudenz im spätantiken Italien, 1987, 36, 137
Herold (M.) Verkünder
Lit.: Wagner, A., Heralds and Heraldry, 2. A. 1956
Herold, Basilius Johann (Höchstädt an der Donau 17. 12. 1514 - 1567), Übersetzer und Drucker, veröffentlicht in Basel 1557 eine Sammlung von 12 (10) Volksrechten, deren handschriftliche Vorlagen seitdem teilweise (lat. Lex [F.] Frisionum, eine Fassung der lat. Lex [F.] Salica) verschollen sind.
Herr ist der Gebieter über einen anderen Menschen (oder über einen Gegenstand). Das Wort wird im 8. Jh. als Lehnübersetzung von lat. [M.] senior, Älterer, gebildet. Hausherr, Grundherr, Lehnsherr und -> Landesherr sind wichtige Erscheinungsformen. Erst spät wird H. zu einer allgemeinen Anrede erwachsener Männer.
Lit.: Köbler, WAS; Lünig, J., Thesaurus iuris deren Grafen und
Herren des Heiligen Römischen Reichs, 1725; Kulenkampf, A., Einungen und
Reichsstandsschaft fränkischer Grafen und Herren, Diss. jur. Bonn 1971;
Hergemöller, B., Fürsten, Herren und Städte zu Nürnberg 1355/65, 1983; Algazi, G.,
Herrengewalt, 1996
Herrenchiemseer Verfassungskonvent ist das von den 11 Ministerpräsidenten der westlichen Besatzungszonen des Deutschen Reiches vom 10. bis 23. 8. 1948 nach Herrenchiemsee im Chiemsee einberufene, eine -> Verfassung (-> Grundgesetz) der späteren Bundesrepublik -> Deutschland vorbereitende Gremium.
Lit.:
Köbler, DRG 256; Buchner, P., Der Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee. Der
Parlamentarische Rat 1948/49, 1981; 50 Jahre Verfassungskonvent
Herrenchiemsee, hg. v. März, P. u. a., 1998; Weichenstellung für Deutschland,
hg. v. März, P. u. a., 1998
Herrenfall ist der Tod des -> Herrn im Lehnsverhältnis.
Herrenhaus ist die Bezeichnung für ein dem englischen House of Lords nachgebildetes Staatsorgan der Verfassungen des 19. Jh.s (Preußen 1855-1918, Österreich 1861-5, 1867-1918). Ihm gehören hauptsächlich Vertreter des -> Adels an.
Lit.:
Baltl/Kocher; Eisenhardt, U., Deutsche Rechtsgeschichte, 2. A. 1995, 485; Spenkuch, H., Das
preußische Herrenhaus, 1998
herrenlos ist die Sache, die keinen Eigentümer hat (z. B. in Freiheit befindliche wilde Tiere). Die herrenlose Sache unterliegt der Aneignung. Aneignungsberechtigt ist ursprünglich jedermann, nach späterem deutschem Recht der jeweils besondere Träger eines Aneignungsrechts (z. B. Jagdberechtigter, Fiskus).
Lit.: Hübner 454f.
Herrschaft ist die Macht oder Gewalt eines Menschen (-> Herrn) über einen anderen Menschen (oder einen Gegenstand). Sie entsteht vorwiegend durch Eroberung und Überschichtung. Es ist streitig, ob sich die umfassende Rechtsgemeinschaft in eine Vielzahl von Herrschaften auflösen lässt. Geschichtliche Formen der H. sind jedenfalls Grundherrschaft und Landesherrschaft, Hausherrschaft und Lehnsherrschaft. Das deutsche Wort herscaf (mhd.) als Herrenstellung findet sich erst im 13. Jh.
Lit.:
Köbler, WAS; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 3 1982, 1; Gierke, O., Das
deutsche Genossenschaftsrecht, Bd. 1ff. 1868; Schlesinger, W., Herrschaft und
Gefolgschaft, HZ 176 (1953), 225; Dannenbauer, H., Grundlagen der
mittelalterlichen Welt, 1958, 121; Hofmann, H., Adelige Herrschaft und
souveräner Staat, 1962; Henning, F., Herrschaft und Bauernuntertänigkeit, 1964;
Brunner, O., Land und Herrschaft, 5. A. 1965; Kroeschell, K., Haus und
Herrschaft im frühen deutschen Recht, 1968; Haverkamp, A., Herrschaftsformen
der Frühstaufer in Reichsitalien, Bd. 1 1970; Schulze, W., Bäuerlicher
Widerstand und feudale Herrschaft in der frühen Neuzeit, 1980; Jäckell, E.,
Hitlers Herrschaft, 1986; Schneider, O., Rechtsgedanken und Rechtstechniken
totalitärer Herrschaft, 1988; Sprandel, R., Verfassung und Gesellschaft im Mittelalter,
3. A. 1988; Hohkamp, M., Herrschaft in der
Herrschaft, 1998; Virtuosen der Macht, hg. v. Nippel, W., 2000; Herrschaft, hg.
v. Kaak, H. u. a., 2003
Herrschaftsvertrag ist der bereits im
griechischen Altertum ansatzweise sichtbare, für die Vorzeit angenommene
Vertrag zur Begründung der Herrschaft Herrschender
(Staat) über Beherrschte (Untertanen). Das Mittelalter sieht diesen Vertrag als
Unterwerfungsvertrag an (Thomas von Aquin, -> Marsilius von Padua). Die
Neuzeit versteht ihn mehr und mehr als -> Gesellschaftsvertrag (->
Althusius, -> Hobbes, -> Locke, -> Pufendorf, -> Rousseau 1762).
Lit.: Kroeschell, DRG 2, 3; Näf, W., Herrschaftsverträge und Lehre vom Herrschaftsvertrag, 1949; Der Herrschaftsvertrag, hg. v. Voigt, A., 1965
Herrschaftszeichen sind sichtbare Zeichen der (als solcher unsichtbaren) Herrschaft (z. B. -> Ornat, -> Krone, -> Lanze, -> Schwert, -> Zepter). Ihre Ausprägung ist in einfachen Verhältnissen eher bescheiden. Der bedeutendste Schatz an H. sind die -> Reichsinsignien.
Lit.: Schramm, P., Herrschaftszeichen und Staatssymbolik, Bd. 1ff. 1954ff.; Fillitz, H., Die Insignien und Kleinodien, 1954
herrschende Lehre ist die vom gewichtigeren Teil der Rechtsgelehrten in einer Rechtsfrage vertretene Ansicht. Förmliche Ansätze hierzu finden sich bereits im römischen Altertum (z. B. Kassiergesetz Konstantins [321], das zunächst -> Papinianus für maßgeblich erklärt, Zitiergesetz Theodosius’ II. und Valentinians III. [426], das der Meinung von Papinianus, -> Paulus, -> Ulpian, -> Modestin und -> Gaius besondere Geltung verleiht und bei Stimmengleichheit die Ansicht Papinians entscheiden lässt). Im Spätmittelalter werden hierfür feste Maßstäbe erarbeitet. Danach kommt der (lat.) glossa (F.) ordinaria zum weltlichen und geistlichen Recht, -> Bartolus, -> Baldus sowie den Richtern des höchsten kirchlichen Gerichts das regelmäßig ausschlaggebende Gewicht zu.
Lit.: Savigny, F. v., Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter, Bd. 1ff. 2. A. 1834ff., Bd. 6, 14; Engelmann, W., Die Wiedergeburt der Rechtskultur in Italien, 1938, 204
herrschende Meinung ist die in einer Streitfrage insgesamt vorherrschende Meinung.
Lit.: Zimmermann, Die Relevanz einer herrschenden Meinung, 1983; Drosdek, T., Die herrschende Meinung, 1989
Hert (Hertius), Johann Nikolaus (Niederkleen 6. 10. 1651 - Gießen 19. 9. 1710) wird nach dem Studium der (lat. [F.Pl.]) artes in Gießen und des Rechts in Jena, Leipzig und Wittenberg 1683 Professor in Gießen. Er verwendet neben dem römischen Recht auch deutsche Rechtsquellen, befasst sich mit dem Kollisionsrecht (Dissertatio de collisione legum, 1688) und gibt drei Bücher deutscher Rechtssprichwörter heraus.
Lit.: Stintzing, R./Landsberg, E. v., Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft, Abt. 1ff. 1880ff., Neudruck 1957, 1978, 3, 1, 62; Herrmann, G., Johann Nikolaus Hert und die deutsche Statutenlehre, 1963
Herzegowina ->
Bosnien
Lit.:
Lovrenovic, I., Bosnien und Hercegovina, 1998
Herzog ist eine wohl nach griechischem Vorbild geschaffene germanistische Bezeichnung für den Führer des Heeres (oder Volkes). Bei den Franken führen (lat. [M.Pl.]) duces auch Aufgaben aus, wie sie weströmische duces wahrgenommen hatten. Seit der zweiten Hälfte des 6. Jh.s stammen die Herzöge im Frankenreich aus angesehenen Familien und steigen bei Schwäche der königlichen Gewalt zu nahezu selbständigen Herrschern einzelner Stämme oder Völker (Franken, Bayern, Alemannen, Sachsen, Thüringer, Friesen usw.) auf ([ältere] Stammesherzöge). Die Karolinger ersetzen die stammesverbundenen H. durch fränkische Adlige (Amtsherzog). In der zweiten Hälfte des 9. Jh.s entsteht erneut ein (zweites) (Stammes-)Herzogtum auf herrschaftlicher Grundlage, das sich dem König aber früh zumindest teilweise wieder beugen muss (Schwaben 926, Bayern 938). Seit dem Ende des 10. Jh.s führen in Deutschland einzelne Familien den Herzogstitel fort, auch wenn sie die Stellung als H. verlieren. Durch Friedrich I. Barbarossa wird 1156/80 das Gebietsherzogtum an die Stelle des Amtsherzogtums gesetzt (-> Österreich 1156, Westfalen 1180, danach Braunschweig-Lüneburg 1235). 1918 verschwindet der H. aus der deutschen Verfassungsgeschichte.
Lit.: Köbler, DRG 69, 94; Köbler, WAS; Puntschart, P., Herzogseinsetzung und Huldigung in Kärnten, 1899; Miller, C., Neuwürttemberg unter Herzog und König Friedrich, 1934; Mayer, T., Der Staat der Herzöge von Zähringen, 1935; Werle, W., Titelherzogtum und Herzogsherrschaft, ZRG GA 73 (1956), 225; Sprandel, A., Dux und comes in der Merowingerzeit, ZRG GA 74 (1957), 41; Prinz, F., Herzog und Adel im agilolfingischen Bayern, Z. f. bay. LG. 25 (1962), 283; Kienast, W., Der Herzogstitel in Frankreich und Deutschland, 1968; Maurer, H., Der Herzog von Schwaben, 1978; Sprinkart, P., Kanzlei, Rat und Urkundenwesen der Pfalzgrafen bei Rhein und Herzöge von Bayern, 1986
Herzogtum ist die Würde und der Herrschaftsbereich des -> Herzogs. Wichtige Herzogtümer sind zu unterschiedlichen Zeiten Bayern, Schwaben, Franken, Sachsen, Thüringen, Österreich, Steiermark, Kärnten, Würzburg, Westfalen, Braunschweig-Lüneburg, Burgund, Lothringen, Jülich, Cleve, Berg, Württemberg, Nassau usw.
Lit.: Köbler, DRG 94
Hessen ist im Jahre 738 der Name eines kleinen, wahrscheinlich auf die germanischen Chatten zurückzuführenden Stammes an der unteren Fulda, dessen Gebiet seit dem 4. Jh. dem Einflussbereich der -> Franken zuzurechnen ist Die Grafschaft H. gelangt 1122 an die Landgrafen (1130) von Thüringen und wird nach Aussterben der Ludowinger (1247) selbständige Landgrafschaft. Nach dem Übertritt Philipps des Großmütigen zum Luthertum (1524) wird H. bei seinem Tode 1567 geteilt (Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel). Hessen-Darmstadt erhält 1820 eine Verfassung. Hessen-Kassel wird wie Nassau 1866 von Preußen annektiert (Provinz Hessen-Nassau). Am 19. 9. 1945 wird der 1918 aus Hessen-Darmstadt entstandene Volksstaat mit den preußischen Provinzen Nassau und Kurhessen zu Großhessen bzw. H. verbunden.
Lit.:
Köbler, DRG 186; Köbler, Historisches Lexikon; Lichtner, A., Landesherr und
Städte in Hessen-Cassel, 1913; Müller, A., Die Entstehung der hessischen
Verfassung von 1820, 1931; Demandt, K., Geschichte des Landes Hessen, 2. A. 1980; Uhlhorn, F., Geschichtlicher
Atlas von Hessen, 1960ff.; Handbuch der Quellen und Literatur der neueren
europäischen Privatrechtsgeschichte, hg. v. Coing, H., Bd. 1ff. 1973ff.
3,2,1518, 3,3,3698; Demandt, K., Der Personenstaat der Landgrafschaft Hessen im
Mittelalter, 1981; Krüger, K., Finanzstaat Hessen 1500-1567, 1981; Acker, K.,
Verwaltungskontrolle in Hessen-Darmstadt, 1983; Hessen, hg. v. Heidenreich, B. u. a.,
1997
Lit.: Brandau, B./Schickert, H., Hethiter,
2001; Die Hethiter und ihr Reich, 2002
Heuer ist der Lohn eines Besatzungsmitgliedes eines Schiffes. Die H. erscheint seit dem Spätmittelalter, in welchem der Dienst auf einem Schiff durch Dienstvertrag vereinbart wird. Sie ist lange nur ein Teil des Entgeltes und in ihrer Höhe vom Ertrag der Fahrt abhängig.
Lit.: Geschichte der deutschen Seeschiffahrt, Bd. 1 1915; Abel, W., Die Grundzüge des deutschen Seearbeiterrechts, Diss. jur. Greifswald 1938
Heusler, Andreas (Basel 30. 9. 1834 - 2. 11. 1921), Sohn des Rechtsprofessors Andreas Heusler (1802-1868), wird nach dem Rechtsstudium in Basel, Göttingen und Berlin (1856) 1863 Professor, Richter und Politiker in Basel. Sein bedeutendstes Werk sind die Institutionen des Deutschen Privatrechts (Bd. 1f. 1885f.), in denen er auf den Grundbegriff der Gewalt über Menschen (-> Munt) und über Sachen (-> Gewere) ein umfassendes Rechtssystem des mittelalterlichen deutschen Privatrechts aufzubauen versucht. Auf H. geht auch die Sammlung schweizerischer Rechtsquellen (1894ff.) zurück.
Lit.: Heusler, A., Verfassungsgeschichte der Stadt Basel, 1860; Heusler, A., Schweizerische Verfassungsgeschichte, 1920, Neudruck 1968; Heusler, A., Der Zivilprozess in der Schweiz, 1923; Bühler, T., Andreas Heusler und die Revision der Basler Stadtgerichtsordnung, 1963; Landau, P., Die Vormundschaft als Prinzip, FS K. Kroeschell, hg. v. Köbler, G. u. a., 1997
Hexe (Zaungeist?) ist eine zauberkundige Frau mit magisch-schädigenden Kräften, die angeblich durch die Luft fliegen, sich in Tiere verwandeln und giftige Zaubertränke herstellen kann. Sie ist bereits dem Altertum bekannt (lat. [F.] striga). Vielleicht im frühen 15. Jh. in Savoyen beginnen bei der Verfolgung der Armut und Frieden fordernden, Eid und Amt verweigernden Waldenser (des Lyoner Kaufmanns Pierre Valdes) Hexenverfolgungen (um 1430), aus denen nach 1500 rasch um sich greifende Hexenprozesse werden, welche sich unter Mitwirkung bekannter Theologen des Konzils von Basel (1431-9) aus Inquisitionsprozessen entwickelt haben dürften. Möglicherweise werden vor allem zwischen 1590 und 1630 bis zu einer Million Hexen (oder in Deutschland insgesamt [nur] 30000?) verbrannt, ehe der Aufklärung der Sieg über den Hexenglauben gelingt (Johann Georg von Godelmann, De magis, 1584, Friedrich von Spee, Cautio criminalis contra sagas, 1631, Thomasius, 1712). Der letzte Hexenprozess auf deutschem Boden findet in Kempten 1775 statt und endete mit dem Tod der Angeklagten in langjähriger Haft (Glarus 1782, Posen 1793).
Lit.: Köbler, DRG 157; Köbler, WAS; Rapp, L., Die
Hexenprozesse und ihre Gegner in Tirol, 2. A. 1891; Riezler, S., Geschichte der
Hexenprozesse in Bayern, 1896, Neudruck 1968; Hansen, J., Zauberwahn,
Inquisition und Hexenprozess im Mittelalter, 1900, Neudruck 1964, 1983; Soldan,
G./Heppe, H./Bauer, M., Geschichte der Hexenprozesse, Bd. 1f. 1912;
Eschenröder, Hexenwahn und Hexenprozesse in Frankfurt am Main, Diss. jur.
Frankfurt am Main 1932; Bader, G., Die Hexenprozesse in der Schweiz, Diss. jur.
Zürich 1935; Zwetsloot, H., Friedrich von Spee und die Hexenprozesse, 1954;
Merzbacher, F., Die Hexenprozesse in Franken, 2. A. 1970; Thomasius, C., Über
die Hexenprozesse, hg. v. Lieberwirth, R., 1960; Stebel, H., Die Osnabrücker
Hexenprozesse, 1969; Kunstmann, H., Zauberwahn und Hexenprozesse in der
Reichsstadt Nürnberg, 1970; Leutenbauer, S., Hexerei und Zauberdelikt in der
Literatur von 1350 bis 1550, 1972; Kneubühler, Die Überwindung von Hexenwahn
und Hexenprozess, Diss. jur. Zürich 1977; Schormann, G., Hexenprozesse in
Deutschland, 1981; Wichert, G., Die Hexenprozesse in den österreichischen
Alpenländern, der Schweiz und Bayern, 1984; Hexen und Hexenprozesse in
Deutschland, hg. v. Behringer, W., 4. A. 2000; Schormann,
G., Der Krieg gegen die Hexen, 1991;
Siefener, M., Hexerei im Spiegel der Rechtstheorie, 1992; Jerouschek, G., Die
Hexen und ihr Prozess, 1992; Lambrecht, K.,
Hexenverfolgung und Zaubereiprozesse, 1995; Hexenglaube und Hexenprozesse, hg.
v. Franz, G. u.a, 1995; Hexenverfolgung, hg. v. Sönke, L. u. a., 1995;
Oestmann, P., Hexenprozesse am Reichskammergericht, 1997; Schild, W., Die Maleficia
der Hexenleut`, 1997; Behringer, W., Hexenverfolgung in Bayern, 3. A. 1997;
Behringer, W., Hexen, 1998; Briggs, R., Die Hexenmacher, 1998; Gehm, B., Das
Ende der Hexenverfolgung, ZRG GA 115 (1998), 566; Dillinger, J. u. a., Zum
Feuer verdammt, 1998; Levack, P., Hexenjagd, 1999; Schmidt, J., Glaube und
Skepsis, 2000; Schulte, R., Hexenmeister, 2000; Schulte, R., Hexenverfolgung in
Schleswig-Holstein, 2001; Hexenprozesse und Gerichtspraxis, hg. v. Eiden,
H./Voltmer, R., 2002; Kleinöder-Strobel, S., Die Verfolgung von Zauberei und
Hexerei in den fränkischen Markgraftümern, 2002; Wilde, M., Die Zauberei- und
Hexenprozesse in Kursachsen, 2003; Levack, B., Hexenjagd, 2003; Decker, R., Die
Päpste und die Hexen, 2003; Tschaikner, Manfred, Die Zauberer- und
Hexenverfolgung in der Stadt St. Gallen, 2003.
Hexenbulle ist die Bulle Papst Innozenz’ VIII. (1484-1492), mit welcher er die Verfolgung der -> Hexen fördert (Summis desiderantes affectibus vom 5. 12. 1484).
Hexenhammer (lat. malleus [M.] maleficarum) ist eine erstmals 1486 bei Peter Drach in Speyer gedruckte, die -> Hexenbulle kommentierende Anleitung zum Vorgehen gegen -> Hexen von Heinrich Institoris (Kramer) (und Jakob Sprenger) (handschriftliche deutsche Fassung 1491 an Nürnberg übersandt).
Lit.: Schmidt, J., Der Hexenhammer, Bd. 1ff. 1930; Malleus
maleficarum 1487 (Hexenhammer), hg. v. Jerouschek, G., 1990; Nürnberger
Hexenhammer 1491, hg. v. Jerouschek, G., 1990;
Kramer (Institoris), H., Der Hexenhammer - Malleus Maleficarum, hg. v.
Jerouschek, G. u. a., 2000
Hexenprozess -> Hexe
Heymann, Ernst (Berlin 6. 4. 1870 - Tübingen 2. 5. 1946) wird nach dem Rechtsstudium in Breslau (Dahn) außerordentlicher Professor in Berlin und ordentlicher Professor in Königsberg, Marburg und Berlin (1914). Kennzeichnend für ihn sind die Annäherung der Rechtsgeschichte an das geltende Recht und der vielseitige Weitblick (Die Grundzüge des gesetzlichen Verwandtenerbrechts, 1896, Überblick über das englische Recht, 1914, Die Rechtsformen der militärischen Kriegswirtschaft als Grundlage des neuen deutschen Industrierechts, 1921).
Lit.: Mitteis, H., Nachruf auf Ernst Heymann, ZRG GA 65 (1947), IX
Hierarchie ist die stufenmäßig aufgebaute, auf Überordnung und Unterordnung beruhende Ordnung. Die H. wird schon im Altertum in der Kirche und im römischen Dominat entwickelt. Ihrer bedient sich der seit dem Spätmittelalter erwachsende Staat zur Gestaltung seiner Verwaltung.
Lit.: Köbler, DRG 55; Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 3 1982, 103
Hildebrandslied ist das in einer lateinischen, aus Fulda stammenden Handschrift von zwei Händen des mittleren 9. Jh.s in 68 stabreimenden Langzeilen aufgezeichnete einzige althochdeutsche Heldenlied.
Lit.: Köbler, G., Sammlung kleinerer althochdeutscher Denkmäler, 1986
Hinkmar von Reims (um 806 - Epernay 21.? 12. 882), aus vornehmem fränkischem Geschlecht, wird nach der Schulung in St. Denis 854 Erzbischof von -> Reims. Neben umfangreichen nichtrechtlichen Schriften und Stellungnahmen in einzelnen Rechtsfragen gibt er eine auf Adalhard von Corbie aufbauende Darstellung des Hofes des fränkischen Königs (lat. De ordine palatii, Von der Ordnung des Palastes).
Lit.: Schrörs, H., Hinkmar, 1884, Neudruck 1967; Devisse, J., Hincmar, 1975f.; Stratmann, M., Hinkmar von Reims, 1991
Hinrichtung ist die Vollstreckung eines Todesurteils. Sie erfolgt im altrömischen Recht durch Enthauptung mit dem Beil, im klassischen römischen Recht durch Enthauptung mit dem Schwert. Nach Tacitus hängen die Germanen Volksverräter auf und versenken Unzüchtige im Moor. Seit dem Hochmittelalter finden sich zahlreiche verschiedene -> Todesstrafen (Enthaupten, Hängen, Rädern, Verbrennen, Pfählen, Vierteilen, Lebendigbegraben, Ertränken).
Lit.:
Martschukat, J., Die öffentliche Hinrichtung, Kriminolog. Journal 1995, 186; Seeger, A.,
Hinrichtungen, 1998
Hinschius, Paul (Berlin 25. 12. 1835 - 13. 12. 1898), protestantischer Juristensohn, wird nach dem Rechtsstudium in Heidelberg (Keller) und Berlin (Richter) Professor in Halle (1863), Berlin (1865), Kiel (1868) und Berlin (1872) und Kirchenpolitiker. Unvollendet ist sein sechsbändiges Kirchenrecht der Katholiken und Protestanten in Deutschland (1869ff.). Politische Bedeutung hat seine Mitwirkung am -> Kulturkampf (Personenstandsgesetz).
Lit.: Stutz, U., Die kirchliche Rechtsgeschichte, 1905
Hinterlegung (lat. [F.] -> depositio) ist die im Rahmen eines Schuldverhältnisses erfolgende Übergabe einer hinterlegungsfähigen Sache durch den Schuldner an die öffentliche Hinterlegungsstelle. Sie ist dem klassischen römischen Recht bekannt und wird seit dem Spätmittelalter (Köln 1288) mit dem römischen Recht zu Lasten der bloßen Preisgabe aufgenommen, erfolgt allerdings meist bei Gericht.
Lit.: Kaser § 53; Köbler, DRG 43, 215; Müller, P., Die Hinterlegung, Jh. Jb. 41 (1899), 411
Hintersasse ist der vom Grundherrn abhängige Mensch in der -> Grundherrschaft.
Lit.: Kroeschell, DRG 1, 2
Hippolithus a Lapide (Bogislaw Philipp [von] Chemnitz) (Stettin 9. 5. 1605 - Hallstaad 17. 5. 1678) veröffentlicht (zwischen 1640 und 1647 [um 1643?]) die (lat.) Dissertatio (F.) de ratione status in imperio nostro Romano-Germanico (Erörterung über das Wesen des Staates in unserem römisch-deutschen Reich), in welcher er das Reich als Aristokratie der Stände erklärt.
Lit.: Stolleis, M., Geschichte des öffentlichen Rechts in Deutschland, Bd. 1 1988, 203
Hirdskra ist die zwischen 1274 und 1277 entstandene, unter König -> Magnus Hakonarson (1263-81) aufgezeichnete norwegische Gefolgschaftsordnung, der eine vor 1200 entstandene, verlorene Vorgängerin vorausgeht. In 54 Kapiteln behandelt das vielleicht von einem Geistlichen verfasste Werk die Erbfolge und Wahl des Königs, die Eide der Amtsträger, die Hofämter, die Verteidigung, den Frieden usw.
Lit.: Das norwegische Gefolgschaftsrecht, hg. v. Meißner, R., 1938
Hirtenrecht ist das für Hirten in Spätmittelalter und Neuzeit geltende besondere Recht.
Lit.: Carlen, L., Das Recht der Hirten, 1970
His, Rudolf (Basel 1870 - Münster 1938), Medizinprofessorensohn, wird nach dem Rechtsstudium in Genf, Leipzig (Binding, Sohm), Berlin und Basel (Heusler) und der Habilitation in Heidelberg (1896, Schröder) Professor in Münster. Er verfasst in der Nachfolge der Systematik Heinrich Brunners eine grundlegende Strafrechtsgeschichte (Das -> Strafrecht des deutschen Mittelalters 1920, 1935, vereinfachend Die Geschichte des deutschen Strafrechts bis zur Karolina, 1928, Neudruck 1967).
Lit.: Naendrup, H., Rudolf His, 1941
Historie (F.) Geschichte
Historiker (M.) Geschichtsforscher
Lit.: Historikerlexikon, hg. v.
Bruch, R. vom/Müller, R., 2. A. 2002
Historikerstreit ist
in Deutschland der von Jürgen Habermas 1985 ausgelöste, 1988 ohne greifbare
wissenschaftliche Früchte versiegte Streit deutscher Historiker über die
Bedeutung des Nationalsozialismus in Deutschland.
Lit.: Kailitz, F., Die politische Deutungskultur im Spiegel des „Historikerstreits“, 2001
historische Rechtsschule ist die von Friedrich Carl von -> Savigny begründete Schule der geschichtlichen Rechtswissenschaft. Für sie greift Savigny in einem objektiven, scheinbar gegen das ungeschichtliche -> Naturrecht (Vernunftrecht) gezielten Idealismus rechtspolitisch die Freiheitsethik Immanuel -> Kants (1724-1804) auf und bezieht Gustav -> Hugos (1764-1844) methodische Forderungen nicht nur in seine frühen methodologischen Gedankengänge (1802) ein, sondern verwirklicht sie bereits im „Recht des Besitzes“ (1803) in der Form der philosophischen (begrifflichen, allgemeinen, absoluten, systematisch-theoretischen) Durchdringung des historischen (tatsächlichen, positiven, konkreten, exegetisch-praktisch behandelten) Stoffes, um in manchmal fast gewaltsamem Umgang mit den Quellen den Besitzwillen als allgemeines, logisches, konstituierendes Element des Besitzrechtes konstruktiv-systematisch zu erarbeiten. In der historischen Rechtsschule sieht er das Recht an seine geschichtlichen Voraussetzungen gebunden und wendet sich gegen die Vorstellung, dass jedes Zeitalter seine Welt willkürlich selbst hervorbringe. Das Recht, welches Vernunft und Ordnung in sich selbst birgt und damit auch aus sich selbst heraus ergänzungsfähig ist, ist ihm entsprechend den Vorstellungen -> Herders (1744-1803) ein aus dem Innersten der Nation selbst und ihrer Geschichte geborener Teilbereich der Gesamtkultur und muss mit dieser, gespeist von irrationalen Kräften, wachsen. Weil das Historische in der Jurisprudenz nicht mehr als zufällig, sondern als geschichtlich notwendig verstanden wird, hält er eine -> Kodifikation wie das -> Allgemeine Landrecht (1794), den -> Code civil (1804) oder das -> Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch 1811/2 (zumindest in ihrem Entstehungszeitpunkt) für entbehrlich, wenn nicht gar schädlich. Allerdings dient die als geschichtlich behauptete Betrachtungsweise Savigny im Ergebnis nur dazu, den insgesamt vorhandenen Rechtsstoff von demjenigen zu reinigen, was nur historische Bedeutung hat und deshalb für die Gegenwart ausgeschieden werden kann. Schon seit seinen Landshuter Vorlesungen der Jahre 1808/9 vertritt Savigny, ohne dies zu begründen, dabei die Ansicht, dass die Wanderungen und Revolutionen der germanischen Stämme verhindert hätten, dass das ursprüngliche germanische Recht einen festen Bezugspunkt und einzigen Mittelpunkt habe, weshalb die Deutschen gar kein eigenes ursprüngliches Recht besäßen, so dass auch für sie das übernommene römische Recht das eigentümliche Recht sei (!). Der nach der damit begründeten Zurückweisung des älteren deutschen Rechts germanischer Herkunft und nach Ausscheiden der mittelalterlichen und neuzeitlichen Entstellungen des römischen Rechts verbleibende Stoff, nämlich das klassisch-römische Recht, ist im eigentlich von einer historischen Rechtsschule nicht zu erwartenden Wiederaufgreifen naturrechtlicher Begriffsbildung und naturrechtlicher Systematik für Savigny der Gegenstand konstruktiv-systematischer, die tatsächliche geschichtliche Entwicklung bewusst als überflüssig abstreifender Durchdringung (System des heutigen römischen Rechts, 1840ff.). Die h. R. teilt sich später in Romanisten (-> Savigny, -> Puchta, -> Windscheid) und Germanisten (-> Eichhorn, -> Grimm, -> Gierke). Ihre dogmatisch-praktische Zielsetzung geht bald in der (unhistorischen) -> Begriffsjurisprudenz auf.
Lit.: Köbler, DRG 187; Gierke, O. v., Die historische Rechtsschule und die Germanisten, 1903; Kantorowicz, H., Volksgeist und historische Rechtsschule, HZ 108 (1912), 295; Wieacker, F., Privatrechtsgeschichte der Neuzeit, 2. A. 1967; Böckenförde, E., Die historische Rechtsschule und das Problem der Geschichtlichkeit des Rechtes, FS J. Ritter, 1965, 9; Wieacker, F., Wandlungen im Bilde der historischen Rechtsschule, 1967; Scheuermann, R., Die Einflüsse der historischen Rechtsschule, 1972; Reimann, M., Historische Schule und Common Law, 1993; Bürge, A., Ausstrahlungen der historischen Rechtsschule in Frankreich, ZEuP 1997, 643
historischer Materialismus ist die von Karl -> Marx als geschichtlicher Gesetzmäßigkeit unterliegend erklärte materialistische Geschichtsphilosophie.
historische Schule -> historische Rechtsschule
Historismus ist die Betrachtung eines Geschehens unter dem Blickpunkt des Einmaligen und Besonderen, womit historische Vorgänge und Strukturen ihre Vergleichbarkeit und Wiederholbarkeit einbüßen.
Lit.:
Wittkau, A., Historismus, 1992;
Jaeger, F./Rüsen, J., Geschichte des Historismus, 1992; Geschichtsdiskurs Bd.
3, hg. v. Küttler, W. u. a., 1996, Historismus, hg. v. Oexle, O. u. a., 1996;
Historismus am Ende des 20. Jahrhunderts, hg. v. Scholtz,
G., 1997; Conte, D., Storicismo e storia universale, 2000
Hitler, Adolf (Braunau 20. 4. 1889 - Berlin 30. 4. 1945), (unehelicher) Sohn eines Zollamtsoberoffizials, wird nach Aufenthalten in Wien (1908) und München (1913) sowie freiwilliger Kriegsteilnahme Vertrauensmann der Reichswehr und Mitglied der Deutschen Arbeiterpartei (Februar 1920 -> Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei). Nach einem gescheiterten Putsch (9. 11. 1923) inhaftiert, verfasst er in der Festung Landsberg die Programmschrift „Mein Kampf“. Seit 1928/9 gelingen ihm wachsende Wahlerfolge. Am 30. 1. 1933 ernennt ihn der Reichspräsident als Führer der stärksten Reichstagsfraktion zum Reichskanzler des -> Deutschen Reiches. Durch Überredung, Drohung und Gewalt wandelt H. die Republik in den totalitären Einparteienstaat eines diktatorischen Führers (-> Drittes Reich). Nach dem 2. 8. 1934 übernimmt er auch das Amt des Reichspräsidenten. Gestützt auf ein Bündnis mit Italien und Japan und einen tatktisch motivierten Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion greift er am 1. 9. 1939 Polen an („wird zurückgeschossen“) und löst damit den Zweiten Weltkrieg aus, an dessen Ende am 8. 5. 1945 die völlige Kapitulation des Deutschen Reiches steht. Das Recht gebraucht und missbraucht H. in vielfältiger Weise als Kampfinstrument zur Durchsetzung der Ideologie des -> Nationalsozialismus.
Lit.:
Köbler, DRG 222; Hitler, A., Mein Kampf, 17. A. 1933; Braun, O., Von Weimar zu
Hitler, 3. A. 1949; Hofmann, H., Der Hitlerputsch, 1961; Domarus, M., Hitlers
Reden und Proklamationen, 2. A. 1965; Hoffmann, P., Widerstand-Staatsstreich-Attentat,
1969; Franz-Willing, G., Ursprung der Hitlerbewegung 1919-1922, 2. A. 1974;
Phillips, L., Adolf Hitler and the Third Reich, 1977; Broszat, M., Der Staat
Hitlers, 13.
A. 1992; Jäckel, E., Hitlers Herrschaft, 1986; Zitelmann, R., Hitler. Selbstverständnis
eines Revolutionärs,
2. A. 1998; Lang, J., Die Partei, 1989; Goldhagen, D., Hitlers willige
Vollstrecker, 1996; Hamann,
B., Hitlers Wien, 1996; Turner, H., Hitlers Weg zur Macht, 1996; Lukacs, J.,
Hitler, 1997; Pätzold, K./Weissbecker, M., Adolf Hitler, 1997; Der Hitler-Prozess,
hg. v. Gruchmann, L., Bd. 1ff. 1997ff.; Large, D.,
Hitlers München, 1998; Kershaw, I., Hitler, 1998; Schmitz, H., Adolf Hitler,
1998; Mommsen, H., Alternative zu Hitler, 2000; NS-Verbrechen und der
militärische Widerstand gegen Hitler, hg. v. Ueberschär, G., 2000; Kershaw, I.,
Hitler 1936-1945, 2000; Zehnpfennig, B., Hitlers „Mein Kampf“, 2000; Krockow,
C. Graf v., Hitler und seine Deutschen, 2001; Gellately, R., Backing Hitler,
2001; Gritschneder, O., Der Hitler-Prozess und sein Richter Georg Neithardt,
2001; Rauscher, W., Hitler und Mussolini, 2001; Zürner, B., Adolf Hitler –
Feldherr wider Willen?, 2001; Fest, J., Der Untergang – Hitler und das Ende des
Dritten Reiches, 2002; Der deutsche Widerstand gegen Hitler, hg. v. Überschär,
G., 2002; Reuth, R., Hitler, 2003
Hobbes, Thomas (Westpool 5. 4. 1588 - Hardwick Hall 4. 12. 1679) wird nach dem Philosophiestudium in Oxford Hauslehrer bei Baron Cavendish. In seinem Hauptwerk (lat.) Elementa (N.Pl.) philosophiae (Grundlagen der Philosophie) (Teil 3 [lat.] De cive [Vom Bürger], 1649, ähnlich Leviathan, 1651) erklärt er den Ursprung des Staates mit dem vom (bösen) Menschen zur Vermeidung des Kampfes aller gegen alle zugunsten des souveränen Herrschers geschlossenen -> Gesellschaftsvertrag, als dessen Folge auf Grund der Autorität des Herrschers die menschlichen Gesetze die Naturgesetze ablösen.
Lit.: Tönnies, F., Thomas Hobbes, 3. A. 1925; MacPherson, C., Die politische Theorie des