Stiller, Werner, Der Agent. Mein Leben in drei Geheimdiensten, 3. Aufl. Ch. Links Verlag, Berlin 2010. 252 S. Besprochen von Karsten Ruppert.

 

Das ist kein wissenschaftliches Buch und noch viel weniger ein rechtshistorisches. Wohl aber sind die Erinnerungen des berühmtesten Überläufers aus dem Ministerium für Staatssicherheit eine zeitgeschichtliche Quelle, spannend wie wenige. Die dritte Auflage bietet zudem gegenüber den früheren den Vorteil, dass nach dem Zusammenbruch der Deutschen Demokratischen Republik Brisantes nicht mehr zurückgehalten werden musste; zudem konnte der Verfasser seine Erinnerungen mit Hilfe der Akten des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes ergänzen. Doch ist dies dem Buch insofern nicht bekommen, als die drögen Verwaltungsakten meist ausführlich wiedergegeben werden und in der Regel schon Gesagtes wiederholen. Freilich spürt man schon allein beim Lesen auch jetzt noch, dass manches verschwiegen wird, sich Unstimmigkeiten finden und einiges passend gemacht wurde.

 

Werner Stiller hat nach einem Studium der Physik und Eintritt in die SED im Sommer 1972 beim Ministerium für Staatssicherheit, für das er schon einige Zeit Kommilitonen und Kollegen bespitzelt hatte, seinen Dienst in einer Abteilung der Hauptverwaltung Aufklärung angetreten, welche die westdeutsche Atomforschung auszuspionieren hatte. Ihn trieb dazu weder der Glaube an den Sozialismus noch sonst ein politisches Motiv, sondern die Sorge um sein Fortkommen, Abenteuerlust und eine schon fast manische Sucht nach dem Risiko, die sich auch in seiner privaten Lebensführung zeigte und ihn bis heute nicht losgelassen hat. Die Arbeitsbelastung verbunden mit der unerwartet umfangreichen bürokratischen Routine, die nicht erfüllte Hoffnung auf Westreisen (von erstaunlich hohem Stellenwert) und – das lässt sich zwischen den Zeilen lesen - auch Eheprobleme machen ihm schon nach 2 Jahren „klar“, dass er die falsche Entscheidung getroffen hat. Obwohl es nicht leicht nachzuvollziehen ist, besteht der Verfasser darauf, dass dies seine Motive waren, um dem Bundesnachrichtendienst für die Garantie der Ausschleusung eine Zusammenarbeit anzubieten. Wenig überraschend, erwies es sich für einen Oberleutnant des MfS als schwer, mit dem westdeutschen Gegner in Verbindung zu kommen. Entweder sprangen die Kontaktpersonen ab oder der BND reagierte nicht, ob aus Misstrauen oder weil ihn die Nachrichten nicht erreichten, bleibt offen.

 

Der Geheimdienstlaie kommt aus dem Staunen nicht heraus. Die Verbindung zum BND gelang dann doch im Januar 1978 über eine zufällig getroffene Kellnerin, die in enger Beziehung zu ihrem in Coburg wohnenden Bruder stand. Schon nach einer Nacht offenbart sich Stiller ihr als Agent des MfS und kann ihr nach kurzer Zeit klar machen, dass sie eine gemeinsame Zukunft nur im Westen hätten. Doch beginnt diese schon im Osten. Denn „Helga“ erwies sich als eine nützliche Helferin und bei ihrer Flucht über Polen auf sich allein gestellt als eine eiskalte Agentin. Denn die Arbeit beider, mit der sie der Gegenseite ihren Wert durch Informationen aus der Zentrale zu beweisen hatten, dauerte nicht lange. Schon nach einigen Monaten hatte das MfS aufgrund der Postkontrolle und mitgehörter Funknachrichten den Verdacht, einen Verräter in den eigenen Reihen zu haben. Er wäre beinahe noch rechtzeitig identifiziert worden, weil „Helga“ kurz vor Weihnachten 1978 im selben Postamt, in dem sie zuvor einen von ihr geschriebenen Brief an eine Deckadresse aufgeben hatte, einen Brief mit Klarnamen einwarf und die Handschrift durch Schriftvergleich identifiziert worden war.

 

Doch ebenso phantastisch wie grotesk ruhte der Geheimdienstbetrieb über Weihnachten und brachen im schweren Januarwinter 1979 in der DDR Versorgung wie Verkehr zusammen, so dass sich die Agenten des MfS, dessen Fahrzeuge keine Winterreifen hatten (!), erst Mitte des Monats zu „Helgas“ Wohnort im Thüringer Wald aufmachen konnten. Doch war diese bereits ausgeflogen! Stiller, dem die Lage ebenfalls zu brenzlig wurde, konnte nicht mit Hilfe des BND, dem er nicht nur deswegen „Dilettantismus“ bescheinigt, die DDR verlassen, sondern musste auf eigen Faust handeln. Mit gefälschten Papieren setzte er sich über einen Agenten vorbehaltenen Übergang am Abend des 18. Januar 1979 mit der S-Bahn über den Bahnhof Friedrichstraße ab. Zuvor hatte er noch aus seinem Büro wie aus dem seines Vorgesetzten Geheimdokumente mitgenommen. Die schwerste Niederlage der DDR im Krieg der Geheimdienste war perfekt. Zahlreiche Agenten wurden aufgrund von Stillers Aussagen enttarnt oder mussten zurückgezogen werden; Mielke tobte, doch konnte er trotz des Einsatzes von Sonderkommandos den „Verräter“ nicht fassen.

 

Dieser wurde vom BND nach eineinhalbjähriger Betreuung, um sein Leben zu schützen, an die CIA weitergereicht, die ihm in den USA ein neues Leben ermöglichte. An Abenteuer hat es auch in diesem nicht gemangelt. Historisch weniger interessant, gerät es stellenweise doch zu einem Sittengemälde aus der Welt der Banker. Denn nach einem Studium der Finanzwissenschaft arbeitete Stiller erfolgreich als Fondsmanager und Spekulant bei amerikanischen Investmentbanken, verdiente Millionen und verlor sie ebenso schnell. Nicht zuletzt, von „Helga“ längst getrennt, durch die Scheidung von einer Italoamerikanerin, die aus einer Welt stammte,  in der die Grenzen zwischen Geschäft und Kriminalität fließend sind. Nach dem Fall der Mauer zeigte er einen merkwürdigen, nicht reflektierten Hang, Kontakte zu den ehemaligen Kollegen vom MfS aufzunehmen; mit einigen will er, erneut eine große Chance witternd, sogar ein auf den Ostblock spezialisiertes Bauunternehmen aufziehen. Da nicht wenige von ihnen unter den Folgen seines Verrats gelitten hatten, sind sie von seinen Avancen nicht erbaut. Es bleibt bei Erinnerungen und einigen Medienauftritten, um schließlich nach erneutem geschäftlichem Aufbruch in der Modebranche in Ungarn an der Seite einer neuen Frau als Privatier und Spekulant zu enden.

 

Die Erinnerungen sind passabel ohne literarischen Anspruch erzählt. Dennoch sind sie über weite Strecken fesselnd, weil hier das Leben eines ganz eigenen Charakters geschildert wird, in dem so viel geschieht, was man kaum für möglich halten kann, dass die Realität mit jedem Agententhriller mithalten kann. Ein Buch, das aus individueller Perspektive ein Licht auf die Spionage der DDR und die Befindlichkeit von deren Agenten nach dem Zusammenbruch, die bundesrepublikanischen Nachrichtendienste und nicht zuletzt auch auf die angloamerikanische Finanzwelt wirft. So verstanden und kritisch ausgewertet, durchaus ein Dokument der Zeitgeschichte.

 

Eichstätt                                                                                                         Karsten Ruppert