Hartmann, Christian/Hürter, Johannes/Lieb, Peter/Pohl, Dieter, Der deutsche Krieg im Osten 1941-1944. Facetten einer Grenzüberschreitung (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 76). Oldenbourg, München 2009. IX, 404 S. Besprochen von Karsten Ruppert.

 

Die 1995 eröffnete und höchst umstrittene „Wehrmachtsausstellung“ hat in Wissenschaft und Öffentlichkeit eine breite Diskussion darüber ausgelöst, in welchem Umfang die Wehrmacht in ihrem Herrschaftsgebiet an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt gewesen war. Als eine Folge davon hat das Institut für Zeitgeschichte in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre ein umfassendes Projekt über die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg gestartet. Der Schwerpunkt lag eindeutig auf dem Krieg gegen die Sowjetunion, zu dem die Herausgeber dieses Bandes gewichtige Monographien beisteuerten. Gerade deswegen wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Chance genutzt worden wäre, eine komprimierte Fassung der Ergebnisse vorzulegen. Statt dessen werden hier aber bereits veröffentlichte Studien zu ganz unterschiedlichen Aspekten präsentiert. Sie reichen von Versuchen einer Bilanzierung bis zu biographischen, regionalen oder sachlichen Detailstudien. Sie basieren auf der teilweise nochmaligen intensiven Auswertung von persönlichen Aufzeichnungen beteiligter Offiziere wie der dienstlichen Berichterstattung, der Verarbeitung der jüngsten deutschen Forschung und gelegentlich auch der sowjetischen bzw. russischen. Die Autoren nutzen die Gelegenheit auch dazu, sich mit der Kritik an ihren Ergebnissen auseinanderzusetzen; dabei wird den Machern der ersten „Wehrmachtsausstellung“ angesichts nachgewiesenen Dilettantismus und Voreingenommenheit zu viel Aufmerksamkeit geschenkt.

 

Die Fragestellung, die naheliegende Fokussierung auf den Krieg gegen die Sowjetunion und die arbeitspraktische Verengung auf das Heer müssen bewusst bleiben, um die Erkenntnisse richtig zu gewichten und um sie nicht vorschnell auf die ganze Wehrmacht zu übertragen. Andererseits kamen auf diesem Kriegsschauplatz durchgehend rund zwei Drittel von ihr zum Einsatz, doch war dieser wiederum als Ort der Exekution des Vernichtungskriegs mit keinem anderen vergleichbar. Einig sind sich die Autoren darüber, dass das Bild einer an den Verbrechen weitgehend unbeteiligten Wehrmacht nicht aufrecht zu halten ist. Wie die bisherige Forschung betonen auch sie, dass diese vielmehr allein schon dadurch schuldig geworden sei, dass die Planungen sowohl den Hungertod der Bevölkerung in den eroberten Gebieten in Kauf nahmen als auch das ebenso völkerrechtswidrige Elend der Gefangenen. Konsens besteht auch darüber, dass die Mehrheit der Wehrmachtsführung wie wohl auch der Offiziere und Soldaten den Krieg im Osten als Präventivkrieg verstanden, ihnen bis zum Ausbruch der in ihrem Rücken geplante Völkermord nicht bekannt war. Die Wehrmacht war von der NS-Führung dafür auch gar nicht vorgesehen worden. Dieses Urteil über die Institution hält die Autoren nicht von dem anerkennenswerten Bemühen ab, in ihren Beiträgen in vielerlei Hinsicht zu differenzieren. Dadurch gewinnen ihre Urteile erkennbar an Überzeugungskraft.

 

Festgehalten wird, dass die ganz überwiegende Zahl der deutschen Soldaten an der Front zum Einsatz kam und nicht in den Reichskommissariaten und dem rückwärtigen Heeresgebiet, wo hauptsächlich die Verbrechen begangen wurden. Dieses riesige Gebiet flächendeckend zu kontrollieren, war der Wehrmacht zu keinem Zeitpunkt möglich, da dafür viel zu wenige Soldaten zur Verfügung standen. Daher wurde sie bei dieser Aufgabe unterstützt von zivilen Behörden und den Truppen des „Weltanschauungskriegs“, den Einsatzgruppen, den Polizeibataillonen und den Brigaden der Waffen-SS. Ohne die gelegentliche freiwillige und vorsätzliche Zusammenarbeit mit diesen Kräften in Abrede zu stellen, wird doch aus gutem Grund unterstrichen, dass dazu oft die blanke Notwendigkeit der allzu geringen Ressourcen für eine kaum zu bewältigende Aufgabe in einem überdimensionalen Gebiet zwang.

 

Nicht auf die Landser und Offiziere an der Front, deren statistische Chance zu überleben schon ab 1942 mit jedem Kriegsmonat sank, ist daher der Blick zu richten, wenn es die Verbrechen der Wehrmacht aufzudecken gilt, sondern auf deren Kameraden im Hinterland, deren Qualifikation und Ansehen auch meist geringer war.

 

In Planung und Art der Kriegsführung, aber auch im Bild vom Feind, war es angelegt, dass eine erschreckend hohe Zahl von Gefangenen in Lagern und auf den Märschen ins Hinterland oder das Reich Hunger und Seuchen zum Opfer gefallen ist. Wohl nur in den ersten Monaten ist es auch zu sofortigen Erschießungen gekommen, gerechtfertigt durch tatsächliches oder vermeintliches Tun des Feindes. Trotz des berüchtigten - auf Drängen der Wehrmacht wieder aufgehobenen - Befehls Hitlers, alle politischen Kommissare der Roten Armee sofort zu liquidieren, blieb es von den Umständen wie dem Charakter der Verantwortlichen abhängig, wie ihm Folge geleistet wurde und wie weit darüber hinaus Kommunisten und nicht-russische Gefangene ermordet wurden.

 

Gewiss war es eine nachvollziehbare militärische Notwendigkeit, die Nachschublinien zu sichern und die Überfälle auf Truppenteile aus dem Hinterhalt zu unterbinden. Doch war die „Partisanenbekämpfung“, die nicht in erster Linie Aufgabe der Wehrmacht war, immer wieder auch Deckmantel zu deren Mordaktionen gegen die Zivilbevölkerung. Dabei ist deutlich zu sehen, in welchem Umfang die antisemitische Hetze Früchte trug. Denn am häufigsten wurde die jüdische Zivilbevölkerung dabei Opfer, da den „Juden“ von vorneherein aktuelle oder potentielle Kollaboration mit Partisanen unterstellt wurde. Die eigentliche Verantwortung dafür sprechen die Autoren den Befehlsgebern zu und nicht den die Aktionen durchführenden Soldaten.

 

Die öffentliche Diskussion hat am meisten bewegt, inwieweit die Wehrmacht im Osten in den systematischen Massenmord an Juden verstrickt war. Zu dieser Debatte werden einige erhellende Einsichten präsentiert. Die direkte Beteiligung an den Mordaktionen wird gering veranschlagt; schon in größerem Umfang wurden Einheiten zu vorbereitenden und begleitenden Maßnahmen herangezogen. Doch waren dies wiederum vor allem Sicherungsverbände, Feldpolizei sowie Orts- und Feldkommandanturen. Ob und wie weit die Truppe involviert wurde, hing in einem erstaunlichen Maße von Moral und Vorstellungen vom „Juden“ einzelner Kommandeure ab. Das belegen einige biographische Studien eindrucksvoll. Zu welchen moralischen Ambivalenzen es dabei kommen konnte, zeigt das Tagebuch eines Regimentskommandeurs, der keine Skrupel hatte, Juden als Partisanen liquidieren zu lassen, die Ausrottungsaktionen aber vehement missbilligte. Doch ist es dabei meist geblieben; aufs Ganze gesehen ist es bedrückend, dass es keine nennenswerten Versuche gab, das Wüten der Mörderbanden im eigenen Machtbereich zu unterbinden, noch nicht einmal, wenn dies besatzungspolitische Überlegungen geboten.

 

Nach wie vor ungeklärt ist, in welchem Umfang die Zivilbevölkerung unter Übergriffen der kämpfenden Truppe an der Front oder beim Rückzug zu leiden hatte. Daher muss auch offen bleiben, ob die fast vollständige Aufhebung der Kriegsgerichtsbarkeit im Osten wirklich die Radikalisierung gefördert hat. Mit diesem traditionellen Instrument dort den Krieg einzuhegen, war doch eher absurd als realistisch.

 

Trotz der Fokussierung auf das Ungeheuerliche und Außergewöhnliche gerät nie aus dem Blick, dass auf beiden Seiten die militärischen Operationen im Vordergrund standen und der Krieg wenigstens in dieser Hinsicht konventionell war.

 

Schaut man von den hier präsentierten Ergebnissen auf das gesamte Projekt zu den Verbrechen der Wehrmacht im sowjetischen Krieg, dann sind resignative Einsichten kaum von der Hand zu weisen. Zum einen haben zahlreiche Monographien und Aufsätze in einem jahrelangen Forschungsprojekt unzählige neue Fakten und manche Einsicht zu tage gefördert, doch das Gesamturteil über die Wehrmacht, wie es zuvor schon in der Geschichtswissenschaft (weniger in der Öffentlichkeit) dominierte, in seinen Grundzügen nicht nachhaltig korrigiert. Zum anderen scheinen verbindliche Aussagen über 10 Millionen Menschen, die in einem Gebiet lebten und starben, das fünf mal größer als das Deutsche Reich war, kaum möglich. Zumindest dann, wenn wissenschaftliche Standards beachtet werden, die meist spärliche Quellenlage in Rechnung gestellt wird und - wie in diesem Band durchgehend - nach Kriegslage, örtlichen Umständen, Aktionen des Feindes, subjektiver Wahrnehmung, Befehlshierarchie u. ä. differenziert wird. Kaum eine Feststellung, die nicht wieder zu relativieren wäre. Die Geschichtswissenschaft wird sich daher wohl damit abfinden müssen, dass es eine konsensfähige Gesamtsicht des Krieges der Wehrmacht gegen die Sowjetunion auch weiterhin nicht geben wird.

 

Eichstätt                                                          Karsten Ruppert