Der Warschauer Aufstand. Ereignis und Wahrnehmung in Polen und Deutschland, hg. v. Bömelburg, Hans-Jürgen/Król, Eugeniusz Cezary/Thomae, Michael. Schöningh, Paderborn 2011. 295 S. Besprochen von Gerhard Köbler.

 

Im September 1939 besetzte das Deutsche Reich unter Adolf Hitler, anfangs abgesichert durch einen Nichtangriffspakt  mit der Sowjetunion  vom 23./24. August 1939,  in kurzer Zeit Polen und beherrschte es durch starke Kräfte. Am 20. Juli 1944 schien der Führer durch ein Attentat unter Beteiligung zahlreicher Wehrmachtsoffiziere unmittelbar persönlich gefährdet. Unter dem Eindruck sowjetischer militärischer Erfolge wagten Polen daraufhin konkrete Vorbereitungen für einen Aufstand in Warschau, die am 31. Juli 1944 auf die Nachricht, sowjetische Panzer seinen in östlichen Vororten Warschaus gesehen worden, in einen Befehl der Leitung der Heimatarmee Polens zu einem Aufstand am 1. August 1944 um 17 Uhr mündeten, der allerdings weder von der Sowjetunion (aus Angst vor einer Stärkung der Exilregierung Polens in London) noch von den Westmächten (aus Solidarität mit der Sowjetunion) konkret unterstützt wurde und am 2. Oktober 1944 unter schätzungsweise 150000 bis 200000 Todesopfern endete.

 

In Polen ist der Warschauer Aufstand seit langem  der zentrale Erinnerungsrahmen an den Zweiten Weltkrieg. In Deutschland blieb er jedenfalls bis etwa 2004 verhältnismäßig wenig beachtet. Demgegenüber will der Sammelband den Warschauer Aufstand als wichtigen Teil einer europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verstehen, an dem beispielhaft die Verbindung von deutschem Terror, polnischem Widerstand, nationaler Verfeindung und Teilung Europas gezeigt werden kann.

 

Mit dieser Zielsetzung schildern zehn Beiträge deutscher und polnischer Autoren die umfangreiche Erinnerungsgeschichte von den politischen Gründen für die Auslösung des Aufstands bis zu seiner Wahrnehmung in den deutschen Öffentlichkeiten. Dabei wird die auffällige Karriere des 1963 schließlich zu lebenslanger Haft wegen Mordes in den Jahren 1933/1934 verurteilten „Chef-Bandenbekämpfers“ Erich von dem Bach-Zelewski vom Schlagetot zum „Kronzeugen“ nationalsozialistischer Verbrechen ebenso einbezogen wie die Zeugenschaft des Hauptmanns Wilm Hosenfeld. Auf diese Weise wird unter Vermittlung neuer Detailerkenntnisse eine Annäherung des gegenseitigen Verständnisses zwischen Polen und Deutschen möglich und wahrscheinlich.

 

Innsbruck                                                                   Gerhard Köbler