Longerich, Peter, Antisemitismus: Eine deutsche Geschichte. Von der Aufklärung bis heute. Siedler, München 2021. 631 S. Besprochen von Werner Augustinovic.

 

Erinnerlich im ersten Jahrzehnt unseres neuen Jahrtausends war der Rezensent an der Landesverteidigungsakademie in Wien, Österreichs höchster militärischer Bildungseinrichtung, Hörer bei einem Vortrag eines prominenten Politikwissenschaftlers zu dem Thema „Das politische System der Vereinigten Staaten von Amerika“. Als dieser eingangs allgemein an das akademisch gebildete Auditorium die Frage richtete, wer denn nun in den USA wirklich die Macht besitze, war als eine der ersten Antworten „die Juden“ zu vernehmen. In dieser scheinbar nebensächlichen Episode kommt prägnant zum Ausdruck, was der Autor des vorliegenden Bandes, Peter Longerich, unter der so verhängnisvollen „Anschlussfähigkeit“ des Antisemitismus versteht, nämlich jene isoliert zunächst harmlos anmutenden, lange tradierten Klischees über „die Juden“ (hier: Allmacht und global unbeschränkter politischer Einfluss), die unter bestimmten historischen Bedingungen Virulenz entfalten und, angefacht von einer Minderheit radikaler Aktivisten, auch das Undenkbare möglich machen.

 

Woran mag es liegen, dass der Antisemitismus, hier definiert als „alle Einstellungen und Verhaltensweisen, die Personen, die als Juden wahrgenommen werden, aufgrund dieser Zurechnung zum jüdischen Kollektiv negative Eigenschaften unterstellen“, weiterhin „mitten unter uns und anscheinend unausrottbar“ grassiert? Er besitze „eine chamäleonhafte Wandlungsfähigkeit, liefert immer neue Begründungen für die Judenfeindschaft, die von seinen Anhängern […] als Facetten der gleichen Grundwahrheit angenommen werden: Je heterogener Formen und Motive, je vieldeutiger die Judenfeindschaft, desto größer die Gewissheit, dass an der Sache doch irgendetwas dran sein muss. So entsteht im Laufe der Zeit ein Arsenal von Argumenten, die zu einem immer größeren Fundus an ‚Wissen‘ über Juden und ihr Verhalten aufgespeichert werden. Die gemeinsame Teilhabe an diesem Fundus macht es diversen Gruppierungen mit höchst unterschiedlichen Interessenlagen möglich, Allianzen zu schmieden: Allianzen, die negativ in der gemeinsamen Feindschaft gegenüber den Juden begründet sind“. Eine historische Analyse des Phänomens münde nicht in eine generelle Erklärung, sondern zeige, dass „für Entstehung und Ausbreitung des Antisemitismus in verschiedenen Epochen, und in den einzelnen Epochen jeweils in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, jeweils unterschiedliche Erklärungen gelten“, seine Beharrlichkeit und Virulenz „ergeben sich aus der Kumulation der verschiedenen Formen des Antisemitismus in einem zeitlichen Kontinuum und nicht aus einer einmaligen oder immergleichen Situation“ (S. 8f.).

 

In einer „deutschen Geschichte“ des Antisemitismus stehe „die wechselvolle Herausbildung einer Form von nationaler Identität im Vordergrund, die die Juden nicht als gleichberechtigte Mitbürger ertragen kann“, weshalb die Erzählung im späten 18. Jahrhundert einsetze, denn nun, „mit der ‚drohenden‘ und dann realen Gleichberechtigung der Juden erhält die Judenfeindschaft eine ganz andere Qualität als in den Jahrhunderten zuvor, in denen die Juden als abgesonderte und in ihrem religiösen Grundirrtum verharrende Minderheit angesehen wurden; jetzt, mit der Emanzipation, erscheinen sie vorwiegend als global verschworene Bedrohung der traditionellen Gesellschaftsordnung und der (im Entstehen begriffenen) Nation, ja als ihre potentiellen Zerstörer. Dabei geht es in erster Linie um die Geschichte des ‚radikalen‘ modernen Antisemitismus, also die Geschichte der politischen Bewegung, die die Emanzipation verhindern und dann rückgängig machen wollte und schließlich im Holocaust eine mörderische ‚Endlösung‘ für das von ihr selbst geschaffene Problem fand“, aber nicht mit diesem zu Ende ging (S. 10f.). Die bei aller Wandlungsfähigkeit erstaunliche Kontinuität des Antisemitismus beruhe vor allem auf dem Prozess der „antisemitischen Codierung“: „Im Laufe der Zeit erarbeiten sich die Antisemiten ein Arsenal an ‚Wissen‘ über die Juden und ihre Schädlichkeit, das ständig erweitert und zunehmend von konkreten und im Einzelnen begründbaren Vorwürfen zu verallgemeinernden Stereotypen abstrahiert wird“ (S. 13). Außen vor lässt Peter Longerich allerdings die Frage nach dem Stellenwert tatsächlicher realer Konflikte zwischen Juden und der sie jeweils umgebenden Mehrheitsgesellschaft, denn, so der Verfasser, eine „Unterscheidung zwischen realer und imaginierter Begründung für Judenfeindschaft erscheint mir nicht überzeugend. Sie besitzt keine Trennschärfe“ (S. 15).

 

Zeitlich gliedert sich die chronologisch fortschreitende Darstellung in fünf Kapitel. Der erste Abschnitt, 1780 bis 1871, behandelt die neun Jahrzehnte der Judenemanzipation von ihren Anfängen in der Aufklärung bis zu ihrer Vollendung mit der Gründung des deutschen Nationalstaates. Im zweiten Teil werden die Anstrengungen der – nun auch so benannten – verschiedenen Strömungen des Antisemitismus zwischen 1871 und dem Ende des Ersten Weltkriegs dargestellt, die volle Gleichberechtigung der Juden wieder einzuschränken und deren Emanzipation rückgängig zu machen. Der im dritten Kapitel behandelten Zeit der Weimarer Republik misst der Verfasser, hierin abweichend von den meisten bisherigen Darstellungen zum Antisemitismus, eine besondere Bedeutung bei, da die sich in jener Phase formierende intellektuelle Neue Rechte antisemitische Überzeugungen in der breiten bürgerlichen Gesellschaft so salonfähig gemacht habe, dass die rechtsextremen Radikalantisemiten ein aufbereitetes Terrain vorfanden, auf dem ihre Ausgrenzungs- und Gewaltmaßnahmen dann weitgehend auf stillschweigende Akzeptanz stießen. Thema des vierten Abschnitts der Darstellung ist die nationalsozialistische Judenpolitik – unter anderem mit einem Seitenblick auf weitere europäische Länder – der radikalantisemitischen totalitären rechten Hitler-Diktatur 1933 bis 1945, deren diffuse rassenideologische Zielsetzungen sich in negativer Form vorwiegend in der gewaltsamen Drangsalierung, systematischen Entrechtung, gesellschaftlichen Ausgrenzung und schließlich physischen Auslöschung als jüdisch definierter Menschen verwirklichten. Die Ausführungen des fünften, bis in die Gegenwart reichenden Kapitels zeigen, dass der Schock des Holocaust mitnichten das Ende des Antisemitismus herbeiführte, der sich in der Wiedergutmachungsdebatte, aber auch in den Angriffen der radikalen Linken auf den Staat Israel und in islamistischen wie rechtsextremistischen Aktivitäten bis hin zu Terroranschlägen weiterhin offen manifestierte, während auf der anderen Seite „eine weitgehende Codierung antisemitischer Stereotypen […], eine Technik, die Antisemiten seit der Zeit des Kaiserreiches immer weiter perfektioniert haben“ (Insider wissen dabei genau, welchen Inhalt bestimmte Begriffe transportieren), den Eindruck harmloser Zurückhaltung erwecken wolle (S. 442). Wie schwierig es sei, den aktuell in der breiten Masse der Bevölkerung noch vorhandenen, latenten Antisemitismus mit wissenschaftlichen Methoden verlässlich zu ergründen und exakt zu quantifizieren, erläutert ein „Antisemitismus heute – ein durchlöchertes Tabu“ überschriebener Epilog. Der offiziellen deutschen Politik einer Tabuisierung des Antisemitismus steht dabei ein schwer einsehbarer Bereich des Privaten gegenüber, und vor allem die neuen Medien würden sich „einer effektiven Bekämpfung antisemitischer Inhalte weitgehend entziehen“, was „umso bestürzender [sei] angesichts des Phänomens, dass im Internet wohl in einer, in keiner anderen Kommunikationsform erreichten Art und Weise ein zutiefst emotionaler Judenhass offen zum Ausdruck gebracht wird, und zwar nicht nur anonym, sondern oft unter vollständiger Offenlegung des Autors“ (S. 441).

 

Dass sich bereits im Zeitalter der Aufklärung eine Polarität zwischen der Erkenntnis der Notwendigkeit, im Zuge der Ablösung der traditionellen Ständegesellschaft durch eine Gemeinschaft gleichberechtigter Staatsbürger auch den Juden Gleichberechtigung zuzugestehen, und der strikten Ablehnung einer solchen Emanzipation beobachten lässt, erklärt der Verfasser damit, dass „die Emanzipationsdebatte in einem Zeitraum (begann), in dem auch die Grundlagen für die moderne deutsche Nationalbewegung gelegt wurden. […] Die […] deutsche Identitätssuche Ende des 18. Jahrhunderts, in der es in der Hauptsache um die Faktoren Vaterland, Volk, germanische Abstammung und Sprache ging, schloss […] tendenziell das jüdische Element aus […]. Hier wurde nun behauptet, die Juden brächten wegen ihrer fremden Volkszugehörigkeit bzw. den Grundsätzen ihrer ‚theokratischen‘ Religion nicht die notwendige Loyalität gegenüber dem Land auf, in dem sie lebten, sie seien nicht in der deutschen Sprache verwurzelt bzw. nicht in der Lage, diese wirklich zu beherrschen […], und sie waren in den Augen der Deutschen nun einmal keine Germanen“ (S. 23f.). Gerade unter den Vertretern der Romantik war daher Judenfeindschaft weit verbreitet, und selbst der sich im Freiheitskampf gegen Napoleon ausbildende Nationalliberalismus „beinhaltete beides: eine in der Tradition der Aufklärung stehende, Bürger- und Menschenrechte einfordernde Freiheitsbewegung und gleichzeitig eine romantisch inspirierte und gefühlsbetonte Einheitsbewegung. Daraus sollte sich eine durchaus ambivalente Einstellung vieler Liberaler zur Lösung des jüdischen Problems ergeben: Auf der einen Seite forderte man für die Juden aus prinzipiellen Gründen, nachdem diese durch eine erfolgreiche ‚Verbesserung‘ in der bürgerlichen Gesellschaft angekommen waren, die rechtliche Gleichstellung; auf der anderen Seite wandte sich aber das auf Sprache, Kultur, christlichem Sittengesetz und Geschichte beruhende Nationalbewusstsein vieler Liberaler eher gegen die Aufnahme von noch so sehr assimilierten Juden in die Gemeinschaft der Deutschen, wobei viele Liberale die gleichen Zerrbilder jüdischer Existenz kultivierten wie die konservativen Emanzipationsgegner“ (S. 43). Erst 1848 sollten die Liberalen ihr Erziehungsdogma aufgeben und damit mittelfristig die rechtliche Gleichstellung der Juden per Gesetz 1869 im Norddeutschen Bund, übernommen 1871 in die Verfassung des Deutschen Reichs, ermöglichen. Bezeichnend ist aber, dass selbst prominente Liberale „ihre Vorbehalte gegen die Emanzipation nicht wirklich aufgegeben, sondern lediglich […] zurückgestellt hatten“, wie der als Justizminister agierende Professor der Rechte Robert Mohl, der sich später fragt, „ob bei der Emanzipation der Juden nicht eine ‚falsche Auffassung‘ vorgeherrscht und eine ‚Uebereilung‘ stattgefunden habe“, sodass es sich dabei letztendlich „um ein – auf einer Fehlentwicklung beruhendes – Übel handele, das nun zu ertragen sei“. Für den berühmten Schweizer Rechtsgelehrten Johann Caspar Bluntschli war zwar „der ‚getaufte Jude … juristisch kein Jude mehr‘, doch trage er nach wie vor ‚den orientalischen Stempel der jüdischen Rasse auch nachher noch auf seinem Gesichte‘ und genieße die Gleichstellung auch dann, ‚wenn er alle jene gefährlichen Charaktereigenschaften, welche den Juden aufgebürdet werden, in eminentem Grade fortwährend besitzt und an den Tag legt‘. In der ‚altjüdischen Gewinnsucht‘ sah Bluntschli ‚die alte Naturanlage der jüdischen Rasse, die wie eine Erbsünde fortgepflanzt und durch die Erziehung fortgepflegt wurde‘“ (S. 73). Wohlgemerkt: hier sprechen nicht Gegner, sondern die Förderer der jüdischen Emanzipation.

 

In den 1870er-Jahren formierte sich unter dem Neologismus des Antisemitismus „eine eigenständige politische Bewegung mit Vereins- und Parteistrukturen“, die „gegen einen mittlerweile staatlicherseits eingerichteten und garantierten Rechtszustand“ zu Felde zog und deren „Modernität“ in der Vorstellung bestand, „die jüdische Vorherrschaft sei bereits im Jetztzustand verwirklicht“: Die Antisemiten bekämpften, „so wollten sie zum Ausdruck bringen, nicht einfach den wachsenden Einfluss der Juden, sondern ein abstraktes, von Juden beherrschtes System, den ‚Semitismus‘, eine sich raffinierter Methoden bedienende jüdische Vorherrschaft, die zunächst überhaupt erst einmal erkannt und entschlüsselt werden musste. […] Es ging […] nicht mehr darum, […] die ‚Wir‘-Gruppe, die im Entstehen begriffene Nation, gegen den ‚fremden‘ jüdischen Einfluss abzuschirmen, sondern nun musste sich dieses ‚Wir‘, also die im Kaiserreich vereinte kleindeutsche Nation, Staat und Gesellschaft, von der jüdischen Dominanz befreien, einer globalen Verschwörung eines Volkes, das sich durch seinen Internationalismus und seine Feindschaft gegen das jeweilige ‚Gastvolk‘ von anderen Nationen grundlegend abhob. Das ist die Essenz des modernen Antisemitismusbegriffs“ (S. 87f).

 

Der Gründerkrach 1873, Bismarcks Kulturkampf und seine antiliberale Wende 1878 förderten die Judenfeindschaft in den Reihen der Katholiken wie der Protestanten, aber auch in Kreisen der akademischen Gelehrsamkeit (etwa Heinrich von Treitschke). 1880/1881 verlangte eine Petition zwar erfolglos vom Reichskanzler, dass „die Einwanderung ausländischer Juden eingeschränkt, Juden von allen ‚obrigkeitlichen‘ Stellungen ausgeschlossen, ihre Verwendung im Justizdienst beschränkt, in Volksschulen nur christliche Lehrer zugelassen und die Konfessionsstatistik wieder aufgenommen“ werden. Allerdings: „Wenn offen vertretener Antisemitismus in den 1880ern innerhalb der tonangebenden Schichten Preußen-Deutschlands gesellschaftsfähig wurde und sich schon bald als ein konservative Gesinnung verbürgender ‚Code‘ […] etablieren konnte, so war dies ganz wesentlich auf die Haltung der von Bismarck vertretenen Reichsleitung zurückzuführen, den antisemitischen Agitatoren nicht offen entgegenzutreten, sondern den Kern ihrer antijüdischen Botschaft durch eindeutige Signale oder beredtes Schweigen offiziös zu billigen“ (S. 97f.). Der ursprünglich der Sozialdemokratie nahestehende Privatgelehrte Eugen Dühring schuf damals mit seiner Schrift „Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage“ (1881) „so etwas wie ein erstes Handbuch des Rassenantisemitismus“ und „eine Grundlage für die Radikalisierung der antisemitischen Bewegung“, sein Rassenbegriff war „biologisch total und deterministisch, er ging von dem unveränderbaren Charakter kollektiv vererbter Eigenschaften aus“. Im Einzelnen skizziere sein Programm schon früh „in beklemmend vorausschauender Weise die ‚Judenpolitik‘, die die Nationalsozialisten in den 1930ern in Deutschland umsetzen sollten“ (S. 99).

 

Nach dem Ende der Ära Bismarck seien es vor allem wirtschaftliche Interessenverbände wie der Bund der Landwirte und der Deutschnationale Handlungsgehilfen-Verband, dazu diverse Studentenorganisationen und wieder die christlichen Kirchen gewesen, die zur Durchsetzung ihrer Interessen „den Antisemitismus als Schmiermittel“ einsetzten und „langfristig zu einer Gewöhnung an antisemitische Parolen“ beitrugen (S. 111). Dagegen formierte sich 1891 ein Verein zur Abwehr des Antisemitismus, der das Ideal nationaler Geschlossenheit vertrat und damit auch von den Juden die völlige Assimilation einforderte, sodass diese selbst 1893 als eigene jüdische Abwehrorganisation den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) ins Leben riefen. Die unzureichende Rechtslage im Kaiserreich (vgl. S. 129f.) erschwerte allerdings das juristische Vorgehen gegen den Antisemitismus, sodass der Centralverein immer mehr zu einem „Gesinnungsverein“ mutierte, der nun im Gegensatz zur zionistischen Bewegung dafür eintrat, „die neu gewonnene jüdische Identität und die deutsche Nationalzugehörigkeit“ in eine „Synthese“ einmünden zu lassen (S. 130).

 

Wie die Geschichte erwiesen hat, haben die zunehmend rassistisch und völkisch auftretenden Antisemiten dieses Integrationsanliegen erfolgreich unterlaufen, und mit dem Schwinden der deutschen Siegeszuversicht während des Ersten Weltkrieges wurde neben der sogenannten „Ostjudenfrage“ verstärkt „die angeblich zwielichtige Rolle der Juden innerhalb der Kriegsanstrengung des deutschen Volkes“ moniert (S. 170f.). Zu kurz greife dann das Argument, „das Erstarken des Antisemitismus 1918/19 sei vor allem auf die starke jüdische Präsenz in der linksrevolutionären Bewegung (nicht nur in Deutschland) zurückzuführen“. Es sei „ganz offensichtlich, dass die extreme Rechte unter Führung des Alldeutschen Verbandes die Strategie verfolgte, den Krieg zur Durchsetzung weitreichender Annexionen und für einen radikalen Umbau des politischen Systems auf diktatorischer Grundlage zu nutzen, einschließlich der Lösung der ‚Judenfrage‘ durch eine Rücknahme der Emanzipation“, wobei man innenpolitische Gegner „konsequent als Werkzeuge einer mit den Feindmächten kooperierenden jüdischen Verschwörungs- und Zersetzungspolitik (brandmarkte), um diesen Kräften schließlich die Schuld an der Niederlage von 1918 zuzuweisen“ (S. 179). Nach dem Niedergang des kleindeutschen Kaiserreiches trat das Volk, nun großdeutsch gedacht, verstärkt in den Fokus nationalidentitärer Bestrebungen, „der ‚völkische Gedanke‘, vor 1918 vorwiegend eine Angelegenheit von Sektierern, Außenseitern und Spinnern, hatte damit die Chance, in das Zentrum des Prozesses zu rücken, in dem eine neue deutsche nationale Identität begründet werden sollte“. Die während des Kaiserreiches noch systemloyalen Radikalantisemiten traten nun systemgegnerisch auf, „d. h. die Forderung nach einer Revision der jüdischen Emanzipation war identisch mit der Beseitigung der angeblich von Juden beherrschten Republik“. Und: „Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs […] wuchs sich die Gewalt gegenüber Juden zu einer Pandemie aus. Verantwortlich […] war zum einen die gestiegene Gewaltbereitschaft der Judenfeinde, zum anderen der Fortfall des staatlichen Schutzes“ (S. 188). Zentral ist für den Verfasser in weiterer Folge der Aufstieg der Neuen Rechten im Zuge der sogenannten Konservativen Revolution: Für den „Vormarsch des Antisemitismus gerade in den stabilen Jahren der Weimarer Republik ist wichtig […], dass sich die Neue Rechte bis etwa 1928 in einer Reihe von wichtigen Organisationen mit ihren judenfeindlichen Parolen durchsetzen konnte. Durch die ‚Reinigung‘ dieser Organisationen von Juden und die Übernahme antisemitischer Positionen bekannten sich diese Organisationen zu einer neuen, radikalen, systemüberwindenden Rechten“ (S. 222). Es scheine, dass es „zwischen 1930 und 1932 so etwas wie eine Verständigung zwischen den Lagern der Rechtskonservativen und den Nationalsozialisten gegeben hat, eine Verständigung über eine antisemitische Politik als eines der möglichen Aktionsfelder für eine künftige Rechtskoalition. […] Der geregelte gesetzliche Ausschluss der Juden aus bestimmten Bereichen scheint sich demnach in den Jahren seit 1930 als Kompromissformel für eine solche antijüdische Politik herauskristallisiert zu haben. So wäre es auch zu erklären, warum die DNVP und der Stahlhelm als Regierungspartner der NSDAP 1933 die ersten jüdischen Sondergesetze akzeptierten“ (S. 279).

 

Auf die im vierten Kapitel des Bandes auf dem aktuellen Stand der Forschung ausführlich ausgebreitete Judenpolitik der nationalsozialistischen Herrschaft – sie ist in zahlreichen wissenschaftlichen Studien hinreichend aufgearbeitet – und die im fünften Abschnitt dargestellten judenfeindlichen Tendenzen in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, der Bundesrepublik und im wiedervereinigten Deutschland sei im Rahmen dieser Besprechung nicht weiter eingegangen. Wichtiger erscheint es die Fragen zu stellen, ob dem deutschen Antisemitismus innerhalb Europas ein Alleinstellungsmerkmal zuzusprechen ist und inwieweit die Mehrheit der deutschen Bevölkerung die judenfeindlichen Maßnahmen der nationalsozialistischen Machthaber befürwortete. Ohne weitreichende systematische Vergleiche anzustellen, wirft die Darstellung komparative Seitenblicke auf das eine und andere europäische Land. Auf dieser Basis kommt der Verfasser zum Schluss, die deutsche antisemitische Bewegung des Kaiserreichs weise „eine ganze Reihe von transnationalen Ausstrahlungen und Verbindungslinien auf: ideologisch, organisatorisch, publizistisch, in ihren religiösen, antiliberalen, antimodernen, nationalistischen und ethnischen Begründungen und auch in ihrer (im Kaiserreich allerdings weitgehend unterdrückten) Tendenz zur Gewalttätigkeit. Angesichts dieser Befunde wäre es zu simpel, einen deutschen antisemitischen Sonderweg konstruieren zu wollen, der im Kaiserreich (oder schon früher) eingeschlagen wurde und der dann in Auschwitz endete. […] Die weitere Radikalisierung des Antisemitismus nach 1918 bis hin zum europaweiten Genozid kann nicht einfach als Fortschreibung der Judenfeindschaft des Kaiserreichs beschrieben werden, vielmehr spielten die veränderten und sich ständig weiter verändernden Rahmenbedingungen in den beiden Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg eine ausschlaggebende Rolle […] für den deutschen Antisemitismus […], aber auch für die antisemitischen Bewegungen anderer Länder“ (S. 169). Eine besondere Rolle Deutschlands lasse sich „schwerlich darauf zurückführen, dass der Antisemitismus hier seit dem 19. Jahrhundert stärker oder eliminatorischer ausgeprägt gewesen wäre als anderswo […]. Der antisemitische Sonderweg Deutschlands besteht vielmehr darin, dass es hier der NSDAP als Speerspitze der radikalen antisemitischen Bewegung gelang, 1933 an die Macht zu kommen und eine Diktatur zu errichten, die nun als erste in Europa daranging, eine alle Lebensbereiche umfassende judenfeindliche Politik durchzusetzen“. Dies war „nur möglich, weil das konservative Establishment […] die antijüdische Politik […] mittrug. NS-Deutschland […] wurde zum Schrittmacher bei der Ausbreitung des staatlich exekutierten Antisemitismus in Europa“ bis hin zur „‘Endlösung‘ durch Massenmord“ (S. 365). Dabei konnte das NS-Regime zwar „bei der schrittweisen Durchsetzung seiner ‚Judenpolitik‘ bis hin zum Massenmord nicht auf die Zustimmung einer Mehrheit in der Bevölkerung rechnen“, doch andererseits „betrafen die antijüdischen Maßnahmen […] für die meisten Menschen nicht den Kern der eigenen Existenz und waren kein Grund, sich durch offene Ablehnung zu exponieren“. Den Machthabern genügten für die Durchsetzung ihrer Vorhaben „einige Hunderttausend fanatische Antisemiten, dazu eine größere Zahl williger, autoritätsgläubiger Befehlsempfänger sowie die vielen Bürger, die von der ‚Entjudung‘ der deutschen Gesellschaft in irgendeiner Weise profitierten“ (S. 368f.).

 

Peter Longerich, bislang Verfasser umfangreicher Biographien Himmlers, Goebbels‘ und Hitlers und von Studien zu verschiedenen Aspekten der nationalsozialistischen Judenverfolgung, ist einer der besten Kenner der Geschichte des modernen Antisemitismus und war als ausgewiesener Fachmann unter anderem einer der beiden Sprecher des ersten unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus des Deutschen Bundestags (Abschlussbericht 2012). Sein aktuelles Werk offenbart eine profunde Detailkenntnis der Materie; beispielsweise konnten die zahlreichen maßgeblichen Persönlichkeiten, Organisationen und Strömungen des so vielschichtigen historischen antisemitischen Netzwerks, die vorgestellt werden, in der Besprechung nur ansatzweise angedeutet werden. Allein der als Endnotenapparat gestaltete Anmerkungsteil umfasst volle 100 Druckseiten, dazu kommen weitere 60 Seiten Bibliographie, eingeleitet von sieben Seiten Ausführungen „Zur Theorie und Methodik der Antisemitismusforschung“. Inhaltlich überzeugen die zentralen Thesen Longerichs, die den säkularen Antisemitismus seit der Aufklärung in eine kausale Beziehung mit der Herausbildung einer deutschen Nationalidentität bringen, der Phase der Weimarer Republik eine herausragende Rolle bei dessen breiter Etablierung zuweisen und eine besondere Gefahr in der niederschwellig latent vorhandenen „Anschlussfähigkeit“ tradierter antijüdischer Vorurteile erblicken. Handlungsbedarf reklamieren die abschließenden Feststellungen des Verfassers, wonach „die Verbreitung des Antisemitismus in Deutschland mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Holocausts wesentlich stärker als in den westeuropäischen Ländern ist“ und es daher zu seiner Bekämpfung „weit größerer Anstrengungen (bedürfte), als sie heute in Bildung, Präventionsprogrammen etc. unternommen werden“ (S. 452).

 

Kapfenberg                                                    Werner Augustinovic