Küppers, Julia, Die wahre Wahrheit über die Bodenreform – Theoretische Betrachtungen rechtsgeschichtswissenschaftlicher Praxis. Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2014. 303 S. Angezeigt von Gerhard Köbler.

 

Bodenreform ist nach allgemeinem Verständnis die Umwandlung von Großgrundeigentum in kleinere bäuerliche Einzelbetriebe im Anschluss an staatliche Umwälzungen teils liberalistischer, teils sozialistischer Zielsetzung (z. B. Sowjetunion 1929, 1945 sowjetische Besatzungszone). Die vorliegende Untersuchung hierzu ist nach der eingangs dargelegten Vorgeschichte aus einem Problem entstanden und war zunächst insofern anders geplant, als die Verfasserin in dem Winter 2008 eigentlich die Entstehung und Entwicklung des Wirtschaftsrechts in der sowjetischen Besatzungszone des Deutschen Reiches und der anschließenden frühen Deutschen Demokratischen Republik zwischen den Jahren 1945 und 1952 an den Hochschulen in Berlin, Halle, Jena und Leipzig untersuchen wollte und sich fragte, was die damaligen Hochschullehrer für dieses Rechtsgebiet unterrichteten. Dazu ermittelte sie als einschlägig Arno Barth, Arwed Blomeyer, Gerhard Buchda, Karl Geisenheyner, Richard Halgasch, Clemens Hochkeppler, Georg Klaus, Martin Posch, Bruno Warnke (in Jena), Günther Brandt, Hermann Dersch, Heinrich Mitteis, Hans Nathan, Walter Neye, Eduard Reimer, Heinz Sanke, Günter Scheele und Kurt Schuman (in Berlin), Friedrich Behrens, Heinz Berger, Heinrich Bikowski, Hans Otto de Boor, Gerhard Dornberger, Friedrich Geyler, Gerhard Görner, Richard Hähnert, Arthur Nikisch, Karl Polak, Ernst Schmidt, Gertrud Schubart Fikentscher und Heinz Such (in Leipzig und wollte Halle folgen lassen). Danach sichtete sie zeitgenössische wirtschaftsrechtliche Publikationen.

 

Angesichts der bei dieser Materialsuche allmählich entstehenden Fragen, wem und welcher Darstellung sie glauben sollte, beschloss sie, in Abänderung ihres Themas sich auf die Bodenreform als eine der vier ursprünglich angenommenen zentralen Wirtschaftsreformen zu konzentrieren und widmete sich dem in vierzehn weiteren Sachabschnitten. Sie betreffen die Bodenreform als nicht vorhandenen Sachverhalt, fünfzehn Sachverhalte Erzählender einer Bodenreform, die Erzählenden und die Methode, eine Geschichte der Bodenreformgeschichtsschreibung, Thomas Gertner, Wege zur Überwindung der Vielfalt, Betrachtungen zur Standortbindung, Arnd Bauernkämper, Bauernkämpers Bodenvarietäten, einen möglichen Abschied von Methode, einen Objektivitätsausflug, Bauerkämpers Fußnoten, die Frage eines Abschieds von den Quellen und einen Ordnungsvorschlag sowie ein Ergebnis, das keines sein will.

 

Die dabei insgesamt entstandene, von Dieter Simon betreute, im Sommer 2012 von der juristischen Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin angenommene, ihrem Kater gewidmete Untersuchung fasst zunächst die der Autorin begegneten Bodenreformvarianzen ohne konkreten Bezug auf ihre Erzählenden zusammen, ordnet die Vielfalt nach dreißig verschiedenen Einzelerzählenden und befasst sich anschließend mit den Geschichten eines einzelnen unprofessionellen Erzählers. Danach gelangt sie unter Analyse der Bodenreformerzählungen eines professionellen Historikers zu der Einsicht, dass es die Geschichte der Bodenreform nicht gibt, obwohl die Bodenreform erzählt werden kann. Damit enthält das insgesamt eigenständige, durchaus interessante Werk nach Ansicht der Verfasserin gewissermaßen nebenbei auch eine Geschichte der Geschichtstheorie, wenn auch kaum eine gängig hilfreiche Rechtsgeschichte der Bodenreform im Osten Deutschlands nach dem Ende des zweiten Weltkriegs.

 

Innsbruck                                                       Gerhard Köbler