Herbert, Ulrich, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903-1989, Neuauflage. Beck, München 2016. 710 S. Besprochen von Werner Augustinovic.

 

Der im Versuch der physischen Ausrottung des europäischen Judentums gipfelnde Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus lässt sich in seiner Umsetzung weder allein mit den Zielvorgaben seiner Spitzenexponenten, wie Hitler, Himmler, Göring oder Goebbels, noch mit der wie immer motivierten und gearteten Mitwirkung des „einfachen Volksgenossen“ hinreichend erklären. Damit ein rassistisch motivierter Antisemitismus im Wege der kumulativen Radikalisierung in einen letztendlich gleichsam fabrikmäßig organisierten Völkermord münden konnte, war eine Funktionselite vonnöten, die sowohl die ideologische Überzeugung als auch die administrativen Fachkompetenzen besaß, ein solches Unterfangen mit letzter Konsequenz in die Tat zu setzen. Dank der forcierten Täterforschung der letzten zwanzig Jahre weiß man heute viel über diesen wichtigen Kreis an Funktionären der zweiten und dritten Reihe, die, der sogenannten Kriegsjugendgeneration der zwischen 1900 und 1910 Geborenen entstammend, mit hoher Intelligenz ausgestattet, in deutschvölkischen Milieus sozialisiert und ideologisch radikalisiert sowie mit einer akademischen juristischen Ausbildung versehen, alle Voraussetzungen für die von ihnen freiwillig übernommenen Ausmerzungsaufgaben im Rahmen der Sicherheitsverwaltung mitbrachten. Ihren als solche definierten Feinden begegneten diese Exekutoren im Idealfall emotionslos; man bekämpfte und vernichtete den Gegner nicht aus dem persönlichen Motiv des Hasses, sondern aus der sachlichen Überzeugung der Notwendigkeit. Michael Wildt hat 2002 in seiner berühmten Studie das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) dieser „Generation des Unbedingten“ (Titel) – andere sprechen von einer Generation der Sachlichkeit oder des heroischen Realismus – zugeordnet. Er hat dabei konsequent kollektivbiographisch erweitert, was Ulrich Herbert am individuellen Beispiel Werner Bests (1903 – 1989) in der 1996 erstmalig publizierten, überarbeiteten Fassung seiner Hagener Habilitationsschrift von 1992 methodisch mustergültig vorexerziert hat. Es ist deshalb besonders zu begrüßen, dass dieses die so ertragreiche Täterforschung initiierende und stimulierende Schlüsselwerk nach bislang sechs Auflagen im Bonner Verlag Dietz nunmehr bei C. H. Beck in München eine mit einer aktuellen Einleitung seines Verfassers versehene Neuauflage erfahren hat.

 

Über die Person des immer noch allgemein wenig bekannten Werner Best sei an dieser Stelle nur so viel gesagt, dass sie in der jederzeit verfügbaren Online-Enzyklopädie Wikipedia mit einem außergewöhnlich ausführlichen Artikel gewürdigt wird, der sich den Quellenbelegen zufolge im weit überwiegenden Ausmaß auf Ulrich Herberts richtungsweisende Arbeit stützt. Der promovierte Jurist Best, auf den die eingangs dargestellten biographischen Prägungen der Kriegsjugendgeneration exakt zutrafen, setzte während der nationalsozialistischen Herrschaft vor allem in drei maßgeblichen Funktionen entscheidende Akzente: zunächst in der Sicherheitspolizei, wo er „in den Jahren 1938 und 1939 zur bestimmenden Persönlichkeit […] eher neben als unter Heydrich geworden war und durch seine theoretischen Schriften mittlerweile auch als der führende Ideologe und Interpret der nationalsozialistischen Sicherheitspolizei angesehen wurde“ (S. 267) – als „längerfristig vermutlich folgenreichste Tätigkeit Bests“ bezeichnet Ulrich Herbert eben jene dort umgesetzte „Heranziehung und Ausbildung“ eines „Führernachwuchses, aus dem nach Kriegsbeginn die Kerngruppe der Verantwortlichen und Exekutoren der nationalsozialistischen Massenmorde in ganz Europa hervorging“ (S. 552) –, sodann ab August 1940 im Äquivalent eines Generalleutnants als „eine Art von Über-Innenminister Frankreichs und zweifellos eine Schlüsselfigur der Kollaboration“ (S. 273) in der Spitze der militärischen Verwaltung des besetzten Frankreich und zuletzt seit November 1942 im Amt des Reichsbevollmächtigten im „Musterprotektorat“ Dänemark, womit er endgültig „seine Position als Administrator und Ideologe in der zweiten Reihe verlassen und an exponierter Stelle in das Rampenlicht der auch internationalen Aufmerksamkeit getreten (war)“ (S. 344). Bests ideologisch formierte, aber von eigenständigen Maßnahmen gekennzeichnete, am Ziel optimaler Professionalität orientierte Amtsführung brachte ihn dabei immer wieder in bedeutsame Konflikte mit anderen Vertretern und Interessensgruppen des nationalsozialistischen Machtapparates. Der Verlust seiner Position im Reichssicherheitshauptamt resultierte so aus grundlegenden Auffassungsunterschieden zu Heydrich, für den „die jederzeitige Benutzbarkeit des Instruments Sicherheitspolizei durch die politische Führung des Regimes“ wichtiger war als das von Best vertretene „völkisch-jungkonservative Leitbild der ‚Elite der Geistigen‘“ (S. 251). Darüber hinaus profilierte sich Best als Großraumtheoretiker und tat sich nach dem Krieg durch seine „rastlose Tätigkeit der juristisch-historischen Rechtfertigung und konkreten Unterstützung der ehemaligen führenden Nationalsozialisten im Allgemeinen, der Gestapo-Führungskräfte im Besonderen“ (S. 563) hervor.

 

Rechtsgeschichtlich von Relevanz ist vor allem die justizielle Aufarbeitung von Bests Rolle im Kontext nationalsozialistischer Verbrechen. Der 1947 bis 1950 über drei Instanzen in Dänemark gegen ihn geführte Prozess kommt bei Ulrich Herbert ausführlich zur Sprache; er endete zunächst vor dem Kopenhagener Stadtgericht mit einem Todesurteil, im Revisionsverfahren vor dem Landgericht mit fünf Jahren Gefängnis (von denen vier Jahre bereits als verbüßt galten) und schließlich vor dem dänischen Höchstgericht mit nunmehr zwölf Jahren Haft (aus der Best bereits anderthalb Jahre später entlassen und in die Bundesrepublik abgeschoben wurde, als „Ausdruck einer […] fundamental veränderten politischen Konstellation in Bezug auf den Umgang der westlichen Siegermächte mit dem besiegten Deutschland im Allgemeinen und den nationalsozialistischen Kriegsverbrechern im Besonderen“; S. 459). Drohenden weiteren Anklagen in der Bundesrepublik vermochte sich der Beschuldigte zu entziehen, wobei ihm sein Geschick, sein gesundheitlicher Zustand und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zugutekamen: „Das Verfahren gegen Best wegen der Einsatzgruppenmorde in Polen führte – nicht anders als zwanzig Jahre zuvor dasjenige wegen der Röhm-Morde – nicht zu einem Prozess und zur Verurteilung; und auch die Ermittlungen wegen seiner maßgeblichen Verantwortung für die Ingangsetzung der Deportation der französischen Juden wurden schon zu einem frühen Zeitpunkt eingestellt. Beides ist als Ausdruck sowohl der Unfähigkeit wie auch der Unwilligkeit von Teilen der westdeutschen Politik und Justiz zu bewerten, die Hauptverantwortlichen für die nationalsozialistischen Massenverbrechen für ihre Taten zu bestrafen“ (S. 564). Die Erinnerungsschriften, die Best verfasste, enthielten zu diesen kritischen Themen „kaum ein und jedenfalls kein wahres Wort“ und dokumentierten „eine kaum glaubliche Verdrängungsarbeit“ sowie darüber hinaus „ein wider besseres und sehr genaues Wissen seit Jahrzehnten immer wiederholtes legitimatorisches Geschichtsbild, das vor allem darauf ausgerichtet war, das Lebenswerk Bests und seiner politischen Generation, der ‚Generation der Sachlichkeit‘, gegen alle Anfechtungen der historischen Realität zu verteidigen“ (S. 546). Dieser Logik folgend, sei ihm wohl auch „jeder Gedanke an die direkten und indirekten Opfer seines Wirkens zeit seines Lebens fremd geblieben“ (S. 35).

 

Den Stellenwert der Ideologie als Antriebskraft und als Schlüssel zum Verständnis der einschlägigen Impulsketten hebt Ulrich Herbert in seiner aktuellen Einleitung noch einmal ausdrücklich hervor, vor allem den „eskalierende(n) Radikalnationalismus seit der Jahrhundertwende“ und seine vielfältig propagierten Botschaften. Gemeint sei ein in Form „kollektive(r) Dispositionen und Denkstile“ auftretendes, „von dem Einzelnen als stimmig und plausibel empfundenes Überzeugungsgebäude, das durch einen Zugriff aufs Ganze sehr verschiedene Fragen und Probleme zugleich sowohl einzuordnen wie zu beantworten scheint“. Sodann „durch die Führerbindung sowohl homogenisiert als auch verbindlich gemacht […,] bot es den Einzelnen eine Art Grundvorrat an Überzeugungen, auf die man in Zeiten von Gefahr und eigener Entscheidung zurückgreifen konnte, so dass auch in Situationen ohne expliziten Befehl in der Regel ähnliches oder gleiches Verhalten generiert wurde“. Ein weiterer „Radikalisierungs-Automatismus“ verbarg sich im Rückbezug auf den vermuteten Führerwillen, dem man jeweils den radikalsten Weg unterstellte. So sei das eigene Tun legitimiert worden „als notwendiges Mittel für ein höheres Ziel, dessen Berechtigung nicht mehr der Gegenstand der Reflexion war, sondern vorausgesetzt wurde, so dass die womöglich anerzogenen humanitären Prinzipien außer Kraft gesetzt werden konnten“. Vermeintliche Sachzwänge erwiesen sich bei näherem Hinsehen – so das vorsätzlich einkalkulierte Verhungernlassen sowjetischer Kriegsgefangener – als tatsächlich „politisch und ideologisch konstituiert“; dass die Protagonisten der Judenverfolgung „diesen Zusammenhang für überzeugend hielten: die Juden als Träger des Bolschewismus, als Verbreiter von Krankheiten, als Spione, als Partisanen“, sei Ausfluss ihrer rassistischen Weltsicht und ihre Motive daher nur scheinbar pragmatisch. Mit Recht betont der Verfasser, dass „ohne die Berücksichtigung und genaue Analyse dieser Überzeugungsgebäude und ihrer Wirkungsweise […] die modernen Massendiktaturen […] weder angemessen [zu] analysieren noch die Beweggründe ihrer Protagonisten [zu] erfassen“ seien (S. 22ff.). Seine Erkenntnis bekräftigt nicht zuletzt die allgemein bekannte psychologische Tatsache, dass Menschen geneigt sind so handeln, wie sie denken, sobald günstige Umstände dies zulassen. In den Blick gerät damit die hohe Relevanz der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, mit kritischer Aufmerksamkeit der breiten Etablierung potentiell inhumaner Geisteshaltungen gegenzusteuern.

 

Kapfenberg                                                    Werner Augustinovic